Posts mit dem Label Politik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Politik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

08.11.2015

Entwicklungsland Mariahilferstraße

Mit der Stilllegung von Straßen und der Zuteilung des gewonnenen Raumes an Gehende und Sitzende versperren die Grünen in Wien der Weiterentwicklung des Individualverkehrs den Weg.

Auf der Mariahilferstraße gab es früher zwei Fahrradstreifen und auf diesen größere Bewegungsfreiheit für Radfahrer als in der neuen Begegnungs- und in der Fußgängerzone. Da war Eine Bahn – respektiert von Autofahrern und Gehenden. Frei zur Entfaltung des Vorwärtsdranges. Radeltest du gemächlich, mussten schnellere Radfahrer hinter dir, analog zum Autofahren, sich gedulden und auf eine Überhol-Gelegenheit warten. Diese bot sich im ohnehin stockenden KFZ-Verkehr und an Ampelkreuzungen oftmals. Schnelle Radler kamen schneller und gemütlicher vom Europaplatz zur Hofburg, gemächliche gemächlicher und immer noch schnell.
Heute herrscht ein Durcheinander »freier« menschlicher Bewusstseinssysteme, die alle ihrer Wege gehen. Es gibt mehr sich kreuzende Wege als zuvor, und Radfahrer müssen sich mit jeder Befahrung aufs Neue Ordnung schaffen.
 
Es geschah, dass ich einem Fußggängerpaar auswich und einen von hinten kommenden Radfahrer am Fortkommen auf seinem imaginären Weg behinderte.
Aufpassen! knurrte er. 
Ich bat um Verzeihung. Ärgerte mich sofort darüber. Wozu die Untertänigkeit? Einen Zusammenprall hätte er verantworten müssen, weil Auffahrunfall: Auffahrender schuld. Die Regel ist aber außer Kraft gesetzt!
Es beginnt bei den Gehenden. Die gehen. Und ihr Recht dazu gilt nun auf der gesamten Fläche der Mariahilferstraße. Sie üben es aus, manche rücksichtslos, schwierig zu polizieren.
Dann komme ich dahergerollt – keine Rede mehr von permanentem Durchtreten der Pedale – und weiche den überall kreuzenden oder fortwärtsschlängelnden Gehenden aus: und zwar zugegeben ohne zu beachten, was hinter mir geschieht: das Radfahr-Äquivalent zum Seiten-Spiegel-Seitenblick ist ausgeschaltet. Sind ja keine (besonders schnellen) Autos zu beachten.
Hinter mir jedoch der Radfahrer »verhandelt sich seinen Weg« (wie es in der englischen Sprache hieße) über eine auch für ihn »freigeschaltete«, grenzenlose Fläche mit beliebig wählbarer Route. Für ihn ist ausgeschaltet die Regel, dass er Langsame vor ihm verschonen muss. Wenn ihm nunmehr etwas in die Quere kommt, ist er wütender, als er früher auf dem Radfahrstreifen der alten Mariahilferstraße je hätte sein dürfen.
Eine Kettenreaktion der Rücksichtslosigkeit!
Der Raum der Radfahrer wurde enteignet. Früher hatten sie ihren Streifen, ihre Bahn; heute Öffentlichkeit, »Begegnungszone«, Umständlichkeit. Wie in einem Entwicklungsland geht es zu, seitdem die Grünenauf das »Reset« des Städtebaus drückten. Es ist besser, auf ein Entwicklungsland hinabzublicken und es spannend zu finden, als in einem zu leben. Auf tabula rasa folgt die Neuschaffung von Regeln. Hierbei scheint mir die Vielzahl der Fußgänger, unter demokratischen Bedingungen, im Vorteil zu sein.

04.09.2014

Gegen Parks, gegen Alleen

Was wird als »langweilig« empfunden? Das Wort ist Bestandteil der höheren Geschmacksurteile geworden. In der Populärkultur hat es u.a. durch den gestörten Chinesen in den Hangover-Filmen Verbreitung gefunden. Der an schriller Abstoßendheit an den Koreaner Psy Heranreichende sagt er immer »langweilig!«, wenn in seiner Umwelt die banal-brutalen Späße ausbleiben.
Zu dem Faszinierendsten, was ich in letzter Zeit gelesen habe, gehört daher der Städteplaner Camillo Sitte, der mit populärem Anspruch nichts geringeres langweilig findet als Alleen. Reihen von Bäumen an Straßen. Die Alleen gehören zu Landstraßen, die anders kaum gestaltbar seien. Der Städtebau hingegen sei eine Kunst.
Pflanzen (»Großstadtgrün«) denkt er stets als Ensemblemitglieder mit klar zugewiesenem Ort. Der einzeln gepflanzte Baum. Der von Hauswänden umgebene Garten. Urban Gardening als Bestandteil der einen Vision Sittes, Städtebau als Kunst, die in ihrer Totalität ein Vorläufer heutiger »smart city« Bewegung war.

Keine Hoffnungssaat, wie Walt Disney-geprägte Leute, oder Fans von Guerilla Gardening sie sich vorstellen mögen, die irgendwann alles aufsprengen und das Paradies ersprießen lässt.
Zu den publikgemachten Vorhaben der Wiener Stadtplanung muss ich diese, von Sittes Städtebau empfangene Einsprüche erheben.
1. Begrünung nicht in Form von neuen Parks durchführen, sondern kleinteiliger, als Gärten, und keinesfalls über ganze Häuserblöcke erstreckend, sondern in Baulücken eingefasst, in Höfen, und stets von Wänden umgeben, und von den Grünraum eröffnenden Portalen. Vor Lärm und Staub »geschützt«, wie er hinweist.
2. Baumpflanzungen nicht in Form von Alleen. Sitte waren diese nicht nur ein Ausbund an »Langweiligkeit«, sondern auch unklug, da meistens eine Seite immer weniger Licht abbekomme; unökonomisch in der »maintenance«, und, vor allem, mit ihrer Eintönigkeit und Naturhaftigkeit verdeckten sie die Bauwerke. Wer Sitte vorwerfen möchte, er sei bereits zu seiner Zeit längst überholt worden, der lese sein Buch genauer, in dem er wiederholte Male die unwiederbringliche Verlorenheit alter Stadtpracht eingesteht – ja, predigt – und bereits institutionelle Übel zu verbessern trachtet; und möge sich überlegen, ob die allerschicksten Architektengebäude, beginnend mit Loos’ Haus Michaelerplatz, gerne von Bäumen verdeckt werden wollten, und wer eigentlich vor lauter Bäumen die Stadt nicht mehr sehen möchte.
Sittes Kriterium »Abwechslungsreichtum« können Alleen sowenig wie monotone Plattenbauten erfüllen, aber von Bäumen schrecken Stadtplanerinnen nicht zurück, weil sie eine als grünhungrig vorgestellte (erhoffte) Wählermasse befriedigen und gleichzeitig ein geschlossenes Stadtbild erzeugen.
Drastisch führt das die Hauptstadt der chinesischen Provinz Jiangsu und ehemalige Reichs- und Republikshauptstadt vor, Nanjing, wo tausende während des Regimes Chiang Kai Sheks gepflanzte Platanen mittlerweile eine Pracht entfaltet haben, die der Stadt ein ehrwürdiges Flair und historische Tiefe verpassen. Ohne sie wäre Nanjing mit anderen Städten des Südostens verwechselbar – die nämlich alle, der Hitze wegen, alleendurchwachsen sind, aber noch nirgendwo die Majestät Nanjings erreichten. Daher protestieren die Nanjinger auch, wenn der Ubahnbau Platanen fällt, und werden dafür von der Partei nicht eingekerkert. Sollte Wien heute Alleen pflanzen, wird sie diese nie wieder los. Aber genauso verhielte es sich mit Bauwerken. Niemand würde die Haydn-Statue an der Mariahilferstraße wegräumen und durch eine Eiche ersetzen wollen. Insbesondere, da Haydn zum Fassadenloch im Gerngross passt:
Der Gegenentwurf. Sitte planzt Bäume einzeln und dorthin, wo sie einen Ort ergänzen; und wo sie wegen ihrer Einzigartigkeit dann besser wirken als massenhaft Bäume. Dass die meisten Wiener keine Baumreihen so wie Asiaten als Schattenkorridore, zum Schutz vor Sonnenlicht und Erhalt der weißen Haut benötigen, steht außer Frage.
Es heißt, der Grünanteil Wiens solle erhalten werden – das darf wohl so sein. Aber eine Erhöhung fände ich obszön. Unser Land ist waldreich – können wir in unserer Hauptstadt städtisch sein? Ein schicker Bewuchs, à la mode, mag da passen, ein Vollbart nicht
Und können wir eines beibehalten in Wien? die horizontale Dichte?
Es wird ja allerhand über die Notwendigkeit dichter Bebauung schwadroniert. Die einschlägigen kompetent-populären Sachbücher angelsächsischer Provenienz werden in den Buchbesprechungen so ausgelegt, als könne eine dichte Stadt alleine himmelwärts wachsen.
Denkt dabei irgendjemand an Rudolfsheim Fünfhaus? 3 Quadratkilometer, 70.000 Einwohner.

06.06.2014

Strache: Groupie

Angeblich ist FPÖ-Obmann H.C. Strache auf einem Privatkongress von Nationalisten und Konservativen von einem russischen Gesandten gemaßregelt worden, der sich weigerte, von Strache mit der Handykamera fotografiert zu werden – wohl eher weil der es lächerlich fand, vor dem Smartphone eines Parteiführers posieren zu müssen, als aus Furcht, in Straches Facebookstream geschwemmt zu werden.
Strache hat sich mit der Aktion klar als Mann des »liberalen Westens« gezeigt: ohne Umstände zu fotographieren und fotographieren zu lassen gehört hier zu Höflichkeit und Säkularität. Wir sind nicht die muslimischen Frauen, die meinen, eine Kamera fange ihre Seele ein. Dieser Sinn für Intimität und Privatsphäre ist bei uns abgestumpft.
Präsident Obama, der sich grinsend für ein Selfie eines Footballspielers zur Verfügung stellte, ist ein Paradebeispiel dieser unüberlegten Fotographiermanie. Erst als nach Veröffentlichung des Selfies der Eindruck entstand, der Spieler verwende es zur Bewerbung der Handys der Firma Samsung, ließ Obama einen Sprecher ausrichten, er fände das nicht okay.
Hier und da trifft man erwachsene Männer, deren erste Aktion beim Betreten eines Raumes das Tapsen auf den Auslösebutton ist – erwachsene Männer. Und es sind keine Statisten oder funktionelle Nebenfiguren wie die Kriminalfotographen im Film, oder Praktikanten bei Leni Riefenstahl. Strache gehört anscheinend zu ihnen.
Wenn der russische Gesandte ein Mustermann jener Eurasischen Union ist, wie Putin sie starkzumachen gedenkt, kann ich ihm zumindest für seinen Anstandssinn und seinen Anspruch auf Bewusstseinssouveränität Wohlwollen entgegenbringen.
Vladimir Nabokov hatte dafür Ein Wort gehabt: Stolz. Falls Strache das nicht versteht, nennen wir es: political correctness für Konservative.

01.06.2014

Tyrannenverwaltung

In Niederösterreich wurden Bezirksschulräte abgeschafft, eine Hierarchieebene gestrichen wie das dann kommuniziert wird. Von den Mitarbeitern eines Bezirksschulrates weiß ich nun, dass sie zum Arbeiten in die nächste Ebene fahren müssen und Fahrgeld dafür erhalten. Statt ihnen zu kündigen, was eine sinnvolle Maßnahme gewesen wäre (sofern sie nicht pragmatisiert sind), werden sie täglich zur Verrichtung vorgeblich wegrationalisierbarer Arbeit durch drei Bezirke geschleppt.
Während Politiker das Einsparen einer Hierarchieebene kommunizieren können, bleibt die Summe der Einzahlungen von Steuergeld in ein aufgeschwämmtes System hoch.
Amüsant wird die Sache, wenn man sich vorstellt, dass dieser Schwamm alleine dazu da ist, dem Landeshauptmann Pröll das Goderl zu kühlen. Wer keinen Respekt vor Erwin Pröll zeigt, bekommt ja bekanntermaßen, von Pröll garantiert, keinen Job in diesem Land.

Wir sollten mehr Einzelheiten über die Pseudoreformen der Politik erfahren, und wir sollten erkennen, dass Erwin Pröll sich zum  T y r a n n e n  entwickelt hat.

12.05.2014

Der chinesische Traum

Aus Frust über das Motto Chinesischer Traum und wie es die Sprache einiger chinesischen Publizisten und braver Bürger durchzieht brach ich mein Schweigen auf WeChat und schrieb folgenden Begriff in meinen öffentlichen Stream: 梦想化


Nähern wir uns dem Begriff mit bloßen Hinweisen auf seine Bedeutung.
化 huà heißt Wesensverwandlung oder -hervorbringung;
文化 Wort + huà, die Gestaltung des Wortes = Kultur;
城市化 Stadt + huà = ist der chinesische Begriff für Urbanisierung;
绿化 Grün + huà = was im Englischen Green, Going Green, Green Revolution etc. genannt wird, aber auch ganz einfach Vergrünerung (einer Stadt durch Blumen) oder Aufforstung.
化学 huà + lernen = das Studium der Verwandlung = die Wissenschaft Chemie.


Vielleicht heißt 梦想化 (von dem ich hoffe, dass vor mir noch kein Mensch es geprägt hat) also Verträumerung; es steht irgendwo in der Nachbarschaft des Begriffs Verblendung, soll aber nicht so soziologiestudentenhaft-schnellklug aus dem Nachhinein Horkheimadornos, wikipedia-Weisheitsquickie-haft, und old-school-imperialistisch aus dem Westen auf China übertragen werden, sondern aus China heraus gedacht sein, also aus meinem Kopf, der an einem trüben Sonntagnachmittag vor einer Stahlgerüstbühne steht, den Bewerbern eines Bandcontests zuhört, und bei jedem Auftreten der Moderatorin des lokalen Radiosenders intellektuellen Ausschlag bekommt.

»Welchen Traum hast du?«, fragt sie in völliger Ignoranz der soeben vollbrachten Tat des Gesungenhabens. Neben den naiven bis verlegenen bis verwirrten Antworten der Teilnehmer war darauf die einzige witzige Antwort die eines 12-jährigen Teilnehmers, der mit seinen Mitschülern ganz schön gerockt hatte. »Ich möchte einmal ein richtiger (正式的, zhèngshì de, offizieller) Sänger sein, im Fernsehen, nicht so auf einem Platz wie hier.«

In der chinesischen Öffentlichkeit und in ihren touristischen und journalistischen fotographischen Abbildungen sieht der westliche Beobachter nun 
immer diesen vom Parteivorsitzenden Xi Jinping angesprochenen chinesischen Traum an Wände gemalt oder auf Plakaten prangend, er generiert Oberflächenwissen, er tut es in seiner geistigen Ablage in die Rubrik Verblendungszusammenhang oder zum Patriotismus, und hofft, das chinesische System werde zusammenbrechen.
Gleichzeitig stellt jeder halbwegs interessierte Zeitgenosse dem »Chinakenner« die Frage, wie das Volk in der Diktatur so lebe. Darin liegt in Ansätzen die Frage nach den Meinungen zum Volkstraum. In meiner Erfahrung lassen sich viele Chinesen von dem Traumwesen nicht erfassen und ich halte die zwei kostbaren Begegnungen hier fest, die mir dies vor Augen führten.

1) Beim Einkauf eines Nuss-Schraubenschlüssels ließ der Verkäufer im Werkzeuggeschäft sich beim Suchen allzu lange Zeit und ich prustete und sagte nach mustergültiger chinesischer Art: schneller bisschen! Der Chef des Ladens kam herbei mich zu beschwichtigen, mit Lächeln und den Worten, [das sei] »der chinesische Traum, immer am Träumen, hihi«. In dieser Auslegung ist mir der chinesische Traum erst sympathisch, nämlich nicht als braver Vollzug der Vorgabe des Herrschers Xi Jinping und der geschichtsphilosophischen Sendung des erstarkenden chinesischen Volkes, sondern als ironische Brechung. Genauso kann der Begriff aber seine Wucht unangenehm entfalten: mach mir keinen Stress Mann, wir sind hier am Träumen!





2) Auf WeChat erntete ich für mein hoffentlich ganz lakonisch rüberkommendes 梦想化 von einem Bekannten prompt ein »Like« (»赞/zàn/Lob« genannt, symbolisch nicht durch einen Daumen oder ein + ausgedrückt, sondern durch ein Herz) und den Kommentar »呵呵/hehe«. Es gibt also eine Klasse von Menschen, die dieser ironische Brechung in die Schrift bringen, sie ausdrücken, lesen können.

21.03.2014

China 196-/2014

In diesem Foto habe ich la sinité unserer Zeit recht gut eingefangen.

1) Das Lastenrad am Kreisverkehrsdenkmal
ist der Signifikant für das kommunistische China bis zu den späten 1970ern, die Gemächlichkeit die der Mythologie zufolge in dem Lande alles Leben durchzog wie Teeblätter, die in heißem Wasser schweben; diese Gemächlichkeit existiert immer noch, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, kann aber von einem aufrichtigen Menschen nicht mehr zur Gänze dem Kommunismus zugeschrieben werden: eine Untersuchung müsste eher auf eine moderne landes-, klima- und freilich schon auch historische Abhandlung abzielen. Wie so oft im derzeitigen Alltagsleben wird das Lastenrad einem alten Kopf (老头) gehören, lebendes Überbleibsel der Volksrepublik.
Die Langsamkeit der Chinesen, die die Romanfigur Johann Holtrop im Roman von Rainald Goetz beklagt, sagt wohl mehr über Holtrops manageriellen Hyperaktivismus aus, gegen den kein Angesteller keiner Blutsherkunft gefeit ist.
(Was übrigens in dem angeblich [laut Die Zeit] so schlechten Roman von weiß nicht wem über die Jetset-Chinesen gesagt wird, weiß ich nicht, ich weiß nur dass es einen Anti-Sinismus gibt und soziologisch und Google-trending-word-haft geben wird im 21. Jahrhundert. Die Bücher werden nicht immer so dödelhaft-naiv wirken wie Darum nerven Chinesen an unserem aktuellen Punkt in der Raumzeit.)

2) Die stylishe Ampel
ist ein Signifikant wie aus dem Lehrbuch, literally. Signifikant für die Verkehrsregel, und die Verkehrsregel ist Signifikant der Entwicklung, die in China Einzug gehalten hat. Die Ampel ein semantisches Synonym für die biederen Parolen der kommunistischen Partei:

说文明话
干文明事
做文明人

Kulturierte Sprache reden
Kulturierte Sachen machen
Kulturierten Menschen geben

Tendenziell halten sich eher ältere Menschen nicht an Ampeln; diese sagen ihnen scheinbar gar nichts. Finde ich sympathisch. Es halten sich aber auch prinzipiell so gut wie alle Kleinspediteure auf elektrifizierten oder kraftstopfbetriebenen Zwei-, Drei- oder Vierrrädern nicht an Ampeln. Sie haben keine Nummerntafel, die von den ubiquitären Verkehrskameras festgehalten werden könnte. Diese Kameras fehlen auf dem Foto, das Vorhandensein der Ampel macht die Abwesenheit gut.

3) Die zwei SUVs,
einer von Hyundai, der zweite undefinierbar, sind Signifikant des typischen Hedonisten des 21. Jahrhunderts: eine amerikanisch-chinesische Mischung.

4) Der Drache
auf dem Sockel, der unabgekantet, trotzig auf die Straße gesetzt wurde und die Inschrift 天禄, dem Reiche zugehörig, trägt, ist wohl Signifikat für die Reichszugehörigkeit: des Lastenrads, der Ampel, der Autos, des Sockels und des Asphalts.

12.10.2013

Die Verbergung der Pflastersteine

Verbildlichungen der zukünftigen Mariahilferstraße wurden veröffentlicht. Den Kommentierern des Presschens zischt die gehörige Portion Zornschaum aus dem Mund. Manche empören sich, schwer zu sagen ob im Ernst oder als Spitze gegen die Grünen gemeint, über die ins Bild gesetzten bzw. schändlicherweise nicht gesetzten Leute.
Die Politik bietet dem Volk eine Vision der Zukunft, um den Anschein zu erhalten, diese sei von den Bürgern mitgestaltbar. Einmal vorgestellt, wird die Vision als Scheibe benutzt, auf die alles geworfen werden kann (und zwar Dartpfeil-, nicht Diaprojektor-mäßig), was man den Politikern immer schon sagen wollte.
Die zu bestreitende Frage, ob die Mariahilferstraße gepflastert werden soll, bleibt unbestritten. Da das spitzfindige Volk zeigen muss, dass schlecht gephotoshoppt wurde (die simulierten Fußgängerinnen »schweben«), und wie toll es die Bedeutung des Fehlens von Menschenschatten auslegen kann.

Wichtiger als Trampoline, Soziologie und Utopienästhetik:

Pflastersteine legen oder nicht?
Die wagemutigen Skateboarder von New York, wie sie neulich in der dortigen Zeitung beschrieben standen, kämen auf ihnen gut zurecht, es handelt sich um flache, glatte Kunststeine.
Sie dürften tatsächlich bremsend auf Autofahrer wirken. In der Mariahilferstraße wäre das unnötig, da es hier schon bisher nur langsam voranging. Pflastersteine würden bloß zur Kennzeichnung der Mariahilferstraße als jene lässige Zone beitragen. Erst mit den Pflastersteinen würde Stadträtin Vassilakou einen auch für die Belämmerten unübersehbaren Stadtbau-Akzent setzen.
Ich persönlich will keine, weil sie mir vorkommen wie ein Provinzhauptplatz und wie ein Spießergarten und weil ich die unermüdlichen Betonplatten Hongkongs schätze.

Sollen neue Sitzbänke mit Rückenlehnen ausgestattet sein?
Rückenlehnen fehlen in der Vision fast gänzlich. Die, die es gibt, sind kantig und dienen zugleich als zweite, höhere Sitzebene. Müsste testsitzen können.
Die meisten projektierten Sitzbänke jedenfalls haben keine Rückenlehnen. Sie wären auszuhalten, hätten vielleicht sogar ergonomisch-volkswirtschaftliche gute Auswirkungen, es gibt vielleicht Leute, die keine Rückenlehnen benötigen. Ich vermute weiterhin eine Designkrise und bevorzuge angenehme Sitzbänke.

Soll die alte Mariahilferstraße wiederhergestellt werden?
In dieser Petition wird diese Forderung erhoben. Ich hatte überlegt, zu unterschreiben, finde sie aber reaktionär, besserwisserisch und gesättigt-bourgeois-dekadent.

30.09.2013

Die ÖVP Wahlsieger?

ÖVP Wien Obmann Juraczka glaubt: Ohne Neos wären wir bundesweit Nummer eins.
Er zählt die Neos-Stimmen zur ÖVP und schiebt sich mit diesen imaginären 28,6% vor die SPÖ mit ihren 27,1%.
So ein Wunschdenken ist mir als diesmaligem ÖVP-Wähler auch durch den Kopf gehuscht nach Wahrnehmung der ersten Hochrechnung. Aber ich verbat es mir. Die Wähler haben sich für NEOS, Stronach und BZÖ (und FPÖ) entschieden statt für die ÖVP.
Der Optimismuszwängler Strolz und der halbsenile Industriepatriarch und der Hotelier Bucher waren ihnen lieber als die etablierte Partei, deren Gott nicht die Raiffeisenbank ist, wie Christoph & Lollo singen, sondern Fritz Neugebauer, ein furchtbarer katholischer Buddha (man stelle sich einen riesigen sitzenden Buddha vor, dessen Mundwinkel jedoch der Schwerkraft folgen, vielleicht sogar das schwerkraftauslösende Element unseres Universums sind).

Einzig in Tirol gewann die ÖVP Stimmenanteile, der Heimat des Wissenschaftsministers Töchterle.

17.08.2013

Jean Jacques Rousseau Straße

Die neue Mariahilferstraße erlöst den Fußgänger endlich von der Pflicht, den Blick auf die eigentliche Welt zu richten. Der Siegeszug der Rousseauschen Urlaubsethik setzt sich in der banalsten Wirklichkeit, im eigentlichsten Alltag, in der typischsten, meistzitierten »Lebenswelt« durch: der Kahn, in dem Rousseau schwärmt und sich von der Mitwelt löst, ist in der Straße angekommen. Jeder darf in seinem imaginären Schiffchen über die Straße treiben.
Gestern wurden die Verkehrsregeln zur Fußgängerzone in Kraft gesetzt, Politiker der Grünen Partei stellten sich für einen Photoshoot stolz auf die Straße. Die triumphierende Verkehrsstadträtin Wiens und ihr »probeweises« Projekt. Freudig neben der 20 km/h-Markierung der Zone, in der Autos, Radfahrer und Fußgänger gleichberechtigt sich »begegnen« dürfen. In einem Zeitungskommentar fragt jemand: Sollte sich die 20 km/h Zone nicht nach den Langsamsten richten, sind 20 km/h nicht noch immer zu schnell?
Eine politische Frage; die Schwesterfragen: Sollen in der Schule nicht die Besten sitzenbleiben, bis auch die Schlechtesten durch den Stoff sind? Sollen die Wiener sich nicht nach den Langsamsten auf der Mariahilferstraße richten, den Punks – und in ihren Autos herumhocken, anstatt irgendwohin zu wollen?

11.08.2013

Vereinigte Bundesländer von Österreich

Sich in die österreichische Gesellschaft integrieren heißt sich in eine US-amerikanische Gesellschaft zweiter Ordnung zu integrieren und von einem Blutsbund mit Ritualen geduldet werden, auf die man gerne verzichtet, die man aber zumindest qua Lippenbekenntnis toll finden soll und der man auf keinen Fall eigene Rituale zur Seite stellen darf, außer an designierten Kulturabenden progressiver Volksschulen, Pfadfinderlagern und in Broschüren. Es gibt keinen Grund für den Türken, diesen Pfad zu gehen. Ein Türke ist ein türkischer Bürger erster Ordnung. Kanzler Kohl, wie die neulichen Enthüllungen zeigen, schätzte das so ein. Der spielte nicht den Beleidigten, wenn seine Gastarbeiter ihrem Gastland keinen leidenschaftlichen Dank darbrachten (als ob dies deutsche Art gewesen wäre!), sondern erkannte den Unterschied zweier Kulturen an und glaubte, zumindest privat, an eine sinnvolle Grenze für die Minderheitsbevölkerung.
Inklusive Kohl hat kein »ernstzunehmender« Politiker öffentlich so gesprochen und lässt damit zu, dass der Pöbel weiterhin dem Irrglauben anhängt, ein Türke müsse sich integrieren in die Gastkultur. »Auch wir sind ein Volk erster Ordnung!«, sagt er. Der Türke soll Österreicher werden. Mitsingen soll er: »I am from Austria«, das Lied des österreichischen Plebschanteurs Wolfgang Fendrich, dessen Klimax in englischer Sprache verfasst ist, damit die amerikanische Gesellschaft erster Klasse weiß, welches Untervolk des Kapitalismus sich da zu Wort meldet.
Just diese »eigentliche« österreichische Nationalhymne traut sich nicht, in einer österreichischen, für die Umwelt fremden Sprache die Nation kundzutun.
Ein Volk, eine Gesellschaft, ein Staat wie Österreich ist für den Nationalisten – und das sind die meisten Leute, man kann bei diesem Thema nicht mit Internationalität à la Robert Musil daherkommen – stets bloß als angenehmer, drolliger oder gefährlicher Bastard zu betrachten, angenehm wenn aus ihm eine Erfindung zur Besserung der westlichen Welt entspringt, drollig wenn das Urvolk aus seinen Eigenheiten eine überregionale Ware herstellt (z.B. DJ Ötzi in deutschen Ländern; früher Arnold Schwarzenegger, nunmehr Christoph Waltz in der Filmwelt); gefährlich, wenn eine Abkehr vom westlichen Weg gewittert wird, z.B. wenn im Erblicken Jörg Haiders Erinnerungen an Hitler wachwerden (Heinz Christian Strache wirkt in dieser Hinsicht gefährlicher – erstens, weil er am Leben ist, zweitens, weil irgendwas an seiner Visage so gemein aggressiv rüberkommt, dass Haider im Vergleich dazu ein charmant-gefährlicher Mephisto ist, der linke Frauen feucht werden ließ. »Ich bereue mein Lebtag, ihn kein einziges Mal gewählt zu haben!«)
Es soll einmal ein Politiker auftreten, der Nationalist ist, aber gelassen: ein Österreicher durch und durch, der Türken nicht hasst, die EU gut findet, aber bei der Idee der »Vereinigten Staaten von Europa« seinen Most auf die Heurigenbank speit, weil er sich mit der Kleinheit und den schlecht exportierbaren Eigenheiten seines Landes abfindet und kein Leben lang den Anschluss an eine größere politische Einheit erstrebt (wie z.B. Niko Alm).

05.08.2013

Schmutzige Böden, made by Apple, BMW & Co.

Die chinesischen Böden werden nicht von irgendwem verschmutzt, nicht (nur) von kleinen Fabriken, sondern von den Konzernen, vermutlich zumindest.
Drei Brennpunkte:
Die Behörden untersuchen Zulieferer des Technologieunternehmens Apple im Westen von Shanghai, die mehr Schwermetalle als erlaubt in die nahen Flüsse leiten.
Die Behörden sträuben sich vor einer eiligen Baugenehmigung für die Erweiterung eines BMW-Werks in Tiexi 铁西 bei Shenyang, da im Geschäftsplan ungenügend klar dargelegt sei, wie in der Fabrik Abwässer entsorgt werden.
Die Behörden, wie ich von einem Freund weiß, haben für einige Tage das Werk eines europäischen Chemieunternehmens im Osten des Landes stillgelegt, da es auch hier zu (neuerdings) unerwünschtem Ausfluss schädlicher Stoffe in den Boden kam.

Ein chinesischer Beamter äußerte im Wall Street Journal: Was bringt es uns, in BMW-Limousinen herumzufahren, wenn wir dafür kein sauberes Wasser trinken können?

27.07.2013

Die schmutzigen Böden Sions

Ein wesentlicher Teil von Chinas urbarem Land ist durch Schwermetalle und übermäßigen Gebrauch chemischer Düngemittel verschmutzt: zwischen 8% und 20% wären abzuschreiben oder aufwendig zu säubern, stimmten Schätzungen von Forschern und herrschten eine Partei und Regierung, die dem Volk diese Schätzungen offen mitteilten. Artikel im Wall Street Journal.
Daher das mulmige Gefühl, mit dem man hier zu Tische sitzt: jeder Bissen ein schlechtes Gewissen.

Ein Wort zur Überschrift: Ich nenne China Sion durch Mischung des lateinischen Wortstammes sin, chinesisch, mit Zion, dem Hoffnungsbegriff einiger Juden und Negrosklaven für ihren jeweiligen Zukunftsstaat. SION als Klang, als Name für ein zukünftiges China, ein abermals in Wohlstand erstrahlendes, paradiesisches Reich, das die Mitte der Erde bildet, SION als Name für Xi Jinpings imaginierten Staat (bislang lediglich Chinese Dream genannt), ein großer Wurf. Wessen Ohren fangen ihn?

09.07.2013

Ich bin Edward Snowden

Ein mäßig gebildeter Chinese mittleren Alters fragte mich gestern, ob ich meinen Reisepass nicht Edward Snowden leihen wolle, um ihm die Abreise aus Moskau und die Reise in ein gnädiges Land zu ermöglichen. Es traf mich, dass der Mann eine Ähnlichkeit zwischen mir und dem amerikanischen Verpfeifer von Staatsgeheimnissen sieht, überrascht mich aber nicht. Schon beim ersten Anblick des Portraitfotos Snowdens kam mir das Gesicht bekannt vor. Dann sah ich ein Foto des Snowden-Schauspielers in Hongkong. Wir sind ein Typus. Der Kreis der dunkelblonden Traurigschauer aus westlichen Ländern, deren durch Disneyfilme gestählte Vorstellung vom Guten die wirkliche böse Welt herausfordert und zur Staatenlosigkeit verdammt ist. Ein virtueller Staat, oder eine neue Stadt sind zu bauen.

06.04.2013

Gemächlich Hochhäuser bauen

Der aktuelle Wiener Hochhausdiskurs als Lehrmaterial für politische Begriffe.
Reaktionär: Die Wiener Aktivisten verhindern den Bau des Hochhauses auf dem Grund des Eislaufvereins und reißen das Hotel Intercontinental nieder, da bereits dieses gegen die Prinzipien des Denkmalschutzes verstieß. Der Sündenfall muss rückgängig gemacht werden.
Marktwirtschaftlich. Man lässt die »Investoren« bauen, wie sie wollen. (Sie werden einen gewaltigen Turm hinsetzen. Vor ihm werden Sitz- & Liegeobjekte à la »Enzi« hingestellt. Die Öffentlichkeitsarbeiterin der Investoren und Erfinderin der Enzis wird von der Notwendigkeit dichten Bauens sprechen und diesen Wohnturm »Vorzeigeprojekt« nennen.)
Konservativ. Das Wohnbauamt schreibt vor, das Intercontinental stehen zu lassen, da es zum Stadtbild dazugehöre mittlerweile, und, als neueres Denkmal, dieselbe Pflege benötige wie andere alte Bauten. Für das neue Wohnhochhaus daneben werden »strenge Richtlinien« erlassen die Höhe betreffend;
Progressiv: ...das Wohnhochhaus darf das Intercontinental nur so weit überragen, dass der Eindruck einer gemächlichen Steigerung entsteht, gemächlich-g'mütlich-wienerisch; eh gut. Übersetzung: »harmonisches Wachstum«.
Die zeitgenössische chinesische Architektur zur Anschauung gemächlichen Überragens und over-the-top-Überragens: 1) Eine Wohnhausanlage in Cixi, Provinz Zhejiang; 2) Ansicht eines Kolonialgebäudes in Dalian, hinter dem ein Bombast-Breithochhaus prunkt.















Fotos: Wilhelm, 1774 (2013)

21.03.2013

Straßenbau in Cixi

Xincheng Dadao Ecke Kaifa Dadao an ihrem ersten Frühlingstag nach Sanierung, 21.3.2013. Man kann Nebengedanken ablegen und loben. Es ist eine gelungene Kreuzung.
















《Sieg der Stadtplanung über den gemeinen Rollerfahrer》