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25.12.2016

Zwei Versionen eines Radfahrgedichts

Aus dem Heft »Ten Poems about Bicycles« der Candlestick Press (2009:2015) ein Gedicht von James Roderick Burns, Boy on a Bicycle:

A boy rides a bicycle before the first world war. He is eighteen,
almost nineteen – a man, really – and wears his new uniform with
pride. He is cycling along an embankment on the outskirts of a
small town. The sun is halfway towards noon, the wind tousling his
light brown hair; his pinkish lips are mouthing a music-hall ditty
under his sparse moustache. He is going to see a girl he used to know.

He has no idea he will be dead in a week, his legs thrown out the
wrong way under a snarl of barbed wire. Now he marvels at the
warmth of his muscles as the chain drives the wheels around.
Now his tongue tastes of mint and apples.


Ohne den Tod läse sichs so:

A boy is cycling along an embankment on the outskirts of a
small town. The sun is halfway towards noon, the wind tousling his
light brown hair; his pinkish lips are mouthing a music-hall ditty
under his sparse moustache. He is going to see a girl he used to know.

Now he marvels at the warmth of his muscles as the chain drives the wheels around.
Now his tongue tastes of mint and apples.

22.06.2015

Pissoir-Tischchen

Seltsam, dass mir noch nie ein Pissoir-Tischchen untergekommen ist, wäre es doch bequem in ein solches zu urinieren, spritzfrei; den Urin einzugießen, wie ein Getränk in kristallenes Glas.
Manchmal tu ich es, in Hotels, eh schon: in teuren, die schlecht im Dienen sind. Es entschädigt mich; weniger aus Vor-Schadenfreude wie aus dem landläufigen obszönen amerikanischen Film bekannt, sondern aus Genuss. Diese Art des Pieselns wird wahrscheinlich sogar orthopädische und ergonomische Vorteile haben. Sauber ist sie auch: das sei dem Autoren des Buches Nudging geschrieben, der mit dem Stolz auf das Urinal-Insekt.
Wie hübsch es klingt: das Pissoir-Tischchen! Welch angenehme zweite Funktion es bieten könnte: ein Bidet für das Glied! Der Wasserhahn wäre länger als die gewöhnlichen an Waschbecken, er müsste heranreichen zum Waschen des Penis.
Damit wäre eine neue Kategorie des Kunsthandwerks eingeführt. Peniswasch-Wasserhähne würden die Fantasie der Handwerker, der Künstler, und des gemeinen, an competitions seine Beiträge sendenden Volks anregen.
Mir fällt zunächst einmal nur ein als Penis gearbeiteter, gewiss sehr langer, ein Penis-Ideal darstellender Wasserhahn ein. Wasserhahn würde er nicht heißen; Wasserspender wäre, als neutrale Bezeichnung, für den Übergang akzeptabel. Irgendwann müsste eine neue Gattungsbezeichnung her. Überpenis klänge gut, hätte aber irgendwie keinen Sinn. Pilatus wäre ebenso fehl am Platz, wäre als Markenname aber ein Hammer.

23.11.2014

Hear shit

I transformed the lyrics of Georg Kreisler’s song Entweder oder (Either, or) into English.

First I had to find a word that matched the recurring monosyllabic German shortened word for »something«, »was«, because »something« was too long for the meter. But was there an English word for that little »etwas« (»something«) that is just »was« (»some?« »thing?«)? And how could I represent the »wos« intonation of Kreisler’s dialect, that is beaming it into a similar let’s say nonchalant linguistic sphere?

As you can see down there, »shit« came in handy, the shit of »Bla bla bla and shit«-sentences. Predictably, one line in this English version now goes »...or I shit shit«.
It’s not the funniest one. There is no single funniest line. The verses reinforce one another, and they become this great song.

I changed the meaning of one verse though. In »...or I nosh shit«, I replaced »shit« with a pronoun to avoid repeating the song’s brilliant first line, »Either I eat shit« (for which I made a literal translation of »fressen« as »gulp« to allow readers to come up themselves with the obvious »eat shit« phrase fun in their brains.) But there is no audible difference between »nosh shit« and »nosh it« unless the singer makes an effort at over-pronouncing – »noSH SHit« – like when they sing a Schubert lied.

So when listened to, the complete translation is somewhat literal. Semantically, this one line does change Kreisler’s meaning. But I have no scruples about it because Kreisler’s original line is itself ambivalent. With »...vernasch was«, he could be seducing Candy or nibble at candy, or wasting too much money on both.

I’ll update this post with notes on some problems with intransitive verbs.

Now listen to »Entweder oder«

...that is: Georg Kreisler: Either, or

Either I gulp shit,
or I drink shit
or I have shit
or I buy shit
or I bear shit
or I smoke shit
or I steal shit
or I need shit

Or I seek shit
or I find shit
or I take shit
or I rack shit
or I hear shit
or I see shit
or I shit shit
or I reek shit

Or I read shit
or I write shit
or I quaff shit
or I puke shit
or I paste shit
or I build shit
or I play shit
or I slap shit

Or I sleep shit
or I dream shit
or I laugh shit
or fail shit
or I pay shit
or cash shit
or I get shit
or lose shit

Or I vote shit
or I drive shit
or I hope shit
or I was shit
or I smear shit
or I wash shit
or I learn shit
or nosh it

02.11.2014

Englische Komposita II

Zwischenabladung meiner Sammlung seit Teil I vor mehr als einem Jahr. Zunächst ohne Quellenangabe und Bemerkungen.

fistingarea
Gedankenbooster
water-cooler talk
active-shooter event
vacation destination
race-war revenge
research dead-end
price point
cunt actress
scale economies
landfall points
kickback gravy train

product development point of view

chef-caliber cooking
reflection questions
value add

source material
listener letters

purchase decision

smile-wrinkle
Jägerbomb
greenfield investment projects
use context
wriggle room
trouble spots
stream fatigue
attitude shift
information safety problems
night-time streets
Black Forest Bauernkind
tech big thinker
habitat loss
giggle incontinence
power-abuse scandal
the enlightenment idea
police gun experts
(out of) despot earshot
outreach sessions
the F1 Monaco grand prix
damage limitation
hospital-acquired infections
SeeChange
intrinsic value figure
after storm reaction

12.09.2014

Speak Lotus Magnétophone

Mein nächster Song wird eine Symphonie aus Speak Low von Kurt Weill in der Version von Billie Holiday, Lotus Flower von Radiohead, und Magnétophone von Die Schaben (= meine Band).
Zum ersten Anhören genügt diese musikalische Skizze, im Juni 2014 in meinem Instrument Dongfeng Citroen Elysée mit dem iPhone aufgenommen, genau in jener Minute, in dem die Idee gekommen war.

12.05.2014

Metapher: flood of respect

Flut des Respekts. Stürzt laut WSJ Frau Conchita Wurst entgegen. Oder bricht mit Wurst, als Wurst, über uns herein.
Übrigens, unter diesen Artikel postete ich, versehentlich anonym (dachte ich sei angemeldet), Conchita Wurst sei die Barbra Streisand des 21. Jahrhunderts, oder besser, sie könnte eine werden.

03.05.2014

Zeichengedichte. I

Wir füllen die Minuten,
die Sekunden füllen wir
in unserm Leben
mit Tätigkeit wohl aus.
Die Wochen und Jahre 呢?

04.03.2014

Notizen mit dem Fotoapparat

In diesem Text ausführliche Beschreibung der Arbeitsweise eines zeitgenössischen Autorentypus. Ausgedient hat das Notizbuch als Reservoir, in das Schilderungen und Einfälle aufgenommen werden. Diese Autorin, Casey N. Cep, arbeitet mit der Kamera ihres Smartphones, der Fotostream geht mit ihrem Erlebens- und Erfahrungsstrom zusammen und dient als die neue Quelle der Schreibarbeit.

31.01.2014

Dreadlocks:

Lodenhaar.

27.07.2013

Die schmutzigen Böden Sions

Ein wesentlicher Teil von Chinas urbarem Land ist durch Schwermetalle und übermäßigen Gebrauch chemischer Düngemittel verschmutzt: zwischen 8% und 20% wären abzuschreiben oder aufwendig zu säubern, stimmten Schätzungen von Forschern und herrschten eine Partei und Regierung, die dem Volk diese Schätzungen offen mitteilten. Artikel im Wall Street Journal.
Daher das mulmige Gefühl, mit dem man hier zu Tische sitzt: jeder Bissen ein schlechtes Gewissen.

Ein Wort zur Überschrift: Ich nenne China Sion durch Mischung des lateinischen Wortstammes sin, chinesisch, mit Zion, dem Hoffnungsbegriff einiger Juden und Negrosklaven für ihren jeweiligen Zukunftsstaat. SION als Klang, als Name für ein zukünftiges China, ein abermals in Wohlstand erstrahlendes, paradiesisches Reich, das die Mitte der Erde bildet, SION als Name für Xi Jinpings imaginierten Staat (bislang lediglich Chinese Dream genannt), ein großer Wurf. Wessen Ohren fangen ihn?

10.01.2013

Sonnenbaozerl

Heute scheint die Sonne und schon leuchten die gerösteten Fleischtäschchen, die man Baozi nennt und daher landläufig korrekt als -täschchen übersetzt daherkommen, besser gefällt mir aber die süddeutsche Variante der Verniedlichung, "Tascherl", mit der man überhaupt eine Eindeutschung des chinesischen Wortes wagen kann: anstelle des Verniedlichungsteilchens "zi" 子 setze man "erl" und schon isst man gute Baozerl.

update. Es sind Shengjianbao, 生煎包, vorne stehen schon zwei Silben, deswegen wird hinten kein 子 mehr angehängt; alles oben Erdachte gilt nicht mehr.

03.06.2012

Die optimale Tweetlänge

beträgt für mich 287 Zeichen. (Ich zählte in Roland Barthes' »Begebenheiten« die Zeichenanzahl der zwei kürzesten und längsten sowie zweier medianisch wirkender Notizen und ermittelte den Durchschnitt. Eine deutlich überlange Notiz blieb unberücksichtigt.)
(Jemand soll Barthes als den Vorläufer und als den Theoretiker des Tweetens würdigen.)
(Und man soll ein Twitter für Typen wie mich programmieren, die glauben, auf 287 Zeichen wären ihre Tweets viel besser.)

05.04.2012

Ölbergstunden

– Ein Gedicht von Martin Heidegger aus den 20er Jahren seines Lebens –

Ölbergstunden meines Lebens:
im düstern Schein
mutlosen Zagens
habt ihr mich oft geschaut.

Weinend rief ich: nie vergebens.
Mein junges Sein
hat müd des Klagens
dem Engel »Gnade« nur vertraut.

18.11.2010

Zwei gegensätzliche Radfahrgedichte

Die Semantik professionellen Radfahrens ist in China positiv besetzt und ist dort in die allgemeine Hoffnung auf Wohlstand eingebunden. Ich bin auf zwei westliche, Radfahren beschreibende bzw. streifende Gedichte gestoßen, die vor gut hundert Jahren entstanden – als Industrialisierung und Mondialisation im Westen umgesetzt und die Menschen hier in einer vergleichbaren Situation waren wie heute die Chinesen. Wie stand die deutsch(sprachig)e Intelligenz zum Radfahren?

1. Fortschritt feindlich

Ferdinand von Saar stellt Fahrradkleidung – in der ich mir, hoffentlich adäquat interpretierend, Profis, Tüftler und ehrgeizige Dilettanten vorstelle – in eine Reihe bemerkenswerter Reaktionarien und Einsichten:

Fin de siècle (1899)

So jagt hinein denn jauchzenden Größenwahns
Mit Korybantenlärm und in Fahrrad-Dreß,
Elektrisch und auf Flugmaschinen –
Jagt nur hinein in die nächste Zukunft!

Denn euch gehört sie – Männern der Überkraft,
Den letzten Fußtritt gebt der Vergangenheit,
Gebt allem Edlen, das ihr immer
Bitteren Hasses verlacht als Torheit!

Entrollt das Banner geistigen Strebertums,
Vermannte Weiber! Brütet erfindrisch aus
Die hohen Satzungen des lesbisch
zwitterverheißenden Frauenstaates!

Bekränzt mit Lorbeeren selber, ihr Künstler, euch!
Nicht in Gestalten, nur in Symbolen schafft –
Und im Verzückungskrampf der Ohnmacht
Lallt eure Lieder, ihr jungen Dichter!

Auf! Auf! Vorwärts, modernes Titanenvolk!
Ein neu Jahrhundert, sieh, es empfängt dich schon –
Doch nicht zum Siege: nur zum Taumel
Eines verworrnen Pygmäensturzes!

2. Fortschritt affirmierend

Richard Dehmel schreibt auf das Radfahren eine Hymne mit lässigen Szenen. Die Fortschrittspointe: Das Radfahren sei besser als was zu Goethes Zeit vorhanden war. Dass Goethe solche Gedichte schrieb wie jenes vom Harfner...

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte
[die den Menschen in ein »schuldvolles Leben« führen, näml. Inzest]

...liegt daran, dass kein Fahrrad vorhanden war: und so musste der Harfner in Wilhelm Meister sich umbringen, Goethe griesgrämig gehen oder, was er gar nicht so gern mochte, reiten; – und Schiller bei seinem manischen Flugpferd-Gehabe bleiben. Denn:


Wer niemals fühlte per Pedal,
dem ist die Welt ein Jammertal! 
Ich radle, radle, radle.

Wie herrlich lang war die Chaussee! 
Gleich kommt das achte Feld voll Klee. 
Ich radle, radle, radle.

Herrgott, wie groß ist die Natur! 
Noch siebzehn Kilometer nur. 
Ich radle, radle, radle.

Einst suchte man im Pilgerkleid 
den Weg zur ewigen Seligkeit. 
Ich radle, radle, radle.

So kann man einfach an den Zehn 
den Fortschritt des Jahrhunderts sehn. 
Ich radle, radle, radle.

Noch Joethe machte das zu Fuß, 
und Schiller ritt den Pegasus. 
Ick radle!

3. Für welches Gedicht vote ich?

Für Dehmels. Man kann es ruhig naiv als ehrlich gemeinte Hymne lesen. Man kann darauf verzichten, über das Berliner Lokalkolorit am Ende zu grübeln; da mag vielleicht tieferer Sinn sein, aber den lassen wir schlummern.
Zu solch erbaulichen Texten sind die Deutschen immer noch fähig: Ich denke an ein Lied der »Ärzte« – »....Gestern ging es allen dreckig, heute geht es steil bergauf; jeder hat sechs Richtige, alle sind total gut drauf....«; und ich denke an Rafael Horzon, der, aus tränennassem Bett, zu neuen Taten aufstand, aus seinem Leben »einen bedeutungsvollen Text gemacht« und, weniger life-as-literature-artig gesprochen, ordentlich Geld verdient hat.

Zum Verlierer. Von Saar hat es von vornherein schwer bei mir gehabt, denn er ist adeliger alter Wiener. Diesen Menschentyp haben Weltgeschichte, Richard Strauss und Vladimir Nabokov mir für immer als Archetypen des Uncoolen verklärt. Meine Voreingenommenheit ist unfair, aber plausibel:

Weltgeschichte – davon habe ich mir nur gemerkt, dass ein alter Austriakenkaiser uns in die Scheiße geritten hat.
Richard Strauss – umgibt gute Personen mit böser Musik (Salome, Elektra) und böse Personen mit dem himmlischsten Walzer (Ochs von Lerchenau) [Susan Sontag hat eine gewisse Aufführung in ihre Camp-Liste aufgenommen, damit coole Städter ja wissen, dass sie sich vom uncoolen Wiener Schleim distanzieren müssen].
Vladimir Nabokov – besetzt den Roman Pnin mit lauter unsympathischen Professorengestalten, darunter »the newly imported Austrian scholar, Dr. Bodo von Falternfels«.

Zudem schreibt Nabokov in seinen Berliner Tagebüchern, dass die Straßenbahn etwas Altmodisches an sich habe. In den 1920ern eine verdammt coole Aussage. Wer möchte nicht die Erscheinung der Tramway lieber als etwas Altmodisches erlebt haben – oder meinetwegen (wie, glaube ich, Nietzsche in Turin) als Entzückendes –, denn als fürchterliche »nächste Zukunft« (»Elektrisch und auf Flugmaschinen«)?

Zusammenfassend kann ich sagen: Richard Dehmel schafft es in seinem Gedicht, Radfahren als etwas Entzückendes darzustellen, Freude an einer neuen Menschenerfindung auszudrücken.

Ferdinand von Saar stellt das Bild vom »Fahrrad-Dreß« in eine Aufreihung von Neuerscheinungen, die ihn nichts angehen und die ihm angenehmen, liebgewonnenen Dinge, »alles Edle«, verdrängen. Sie tun dies »jauchzenden Größenwahns« und »hineinjagend«; Saar gebraucht eine Sprache hoher Geschwindigkeit, bemüht die Idee des »Veloziferischen«. Er betreibt aus zurückgelehnter Perspektive Kulturkritik. Das Phänomen des Radfahrens kann er dadurch nicht lobend würdigen. Er stellt sich außerhalb des Kreises der Velopeden, wie einst Roland Barthes, wenn er Mythen dekonstruierte: »Die Tour de France, den guten französischen Wein entziffern, heißt sich von jenen absondern, die sich daran erfreuen.«

10.11.2009

Retro-Erbauungen 1

Es gibt mittlerweile bessere Erbauungen als das Lesen. Ich bringe in diesem Beitrag und in kommenden Beiträgen meine Trauer über diese Tatsache zum Ausdruck und versuche, den geschätzten Leser von der Notwendigkeit der Zerstörung der Welt und des Neubezugs alter Höhlen zu überzeugen.

In diesem Beitrag gebe ich einen historischen Überblick über den Verfall des Lesens.

Das literarische Lesen gibt es, wenn es Schriftsteller gibt. Aber Schrift-Steller sind Poeten im Sinne Richard Rortys: Innovatoren des erbaulichen Lebens, Macher (poein) von Neuem, die nicht zwangsläufig auf Schrift angewiesen sind.

Sie brauchen die Schrift nicht mehr. Sie finden seit 200 Jahren im Sog der Techniker bessere Möglichkeiten, Erbauung zu produzieren. Sie haben je die ältere Technik der Erbauung gelernt, z.B. literarisches Lesen. Aber sie bringen diese Erbauung in neue Formen, und die Konsumenten dieser neuen Formen verlernen das Benutzen der alten (= literarisches Lesen).

Wer weiterhin auf das Benutzen der alten Formen besteht, muss zu Klassikern der Formen zurück, wenn er nicht den jeweils neueren Dadawahnsinn goutiert. Hingegen wer die neuen Formen (Film, Oper, Musical, Videospiel) genießt, wird in ihnen die großen Stoffe der Menschheit großartig neu aufbereitet finden. Die Neugier wird belohnt mit köstlichem Genuss.

Zum Beispiel war Stanley Kubrick ein guter Leser. Das Lesen von »Lolita« tat in ihm eine Zauberwelt auf. Er konnte diesen Eindruck nutzen und formen: Er verfilmte den Stoff. Man schaute »Lolita« und konnte Witz und Tragik des Textes von Vladimir Nabokov in gemütlichen zwei Stunden genießen. Ebenso verhält es sich mit einem aktuell gesehenen Poetenpaar: Zemeckis's »Christmas Carol« is better than Dickens's. And by the way, Zemeckis did the trick before: his »Forrest Gump« is better than Winston Groom's.

Ein zweites Beispiel zeigt diesen Vorgang noch ursprünglicher, und zwar durch Hinweis auf die Szenen, die Goethe schrieb, um die Kraft von Bildern darzustellen. Man findet welche in den »Wahlverwandtschaften« (tableaux vivants) und in »Wilhelm Meisters Wanderjahre« (Galerie). Goethe war fasziniert von der audiovisuellen, »lebendigen« Darstellung von Ideen. Goethe wäre heute ein Filmemacher.

Die Poeten verlassen die Schrift. Das Publikum zieht mit. Ein lesender »Potter«-Pöbel und nur wenige »good readers« bleiben zurück. Am literarischen Lesen setzt Verfall ein.

Philip Roth, einer der am meisten bewunderten Schriftsteller unserer Zeit, nennt Literatur ein »great lost human cause«; er erwartet das Ende des Verfalls in 20 bis 25 Jahren, wenn niemand mehr gute Romane lesen werde. Weisheit geht verloren, da niemand mehr sie zu entdecken, zu lesen imstande ist.