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18.02.2022

Der antisemitische Duden

Ein Kollege schmeißt mir jeden Tag die zwei Gratis-Boulevardzeitungen auf den Tisch, die er von seiner Fahrt in der Wiener Ubahn mitnimmt. Meistens dazu die Bemerkung: „Damitsd dich lückenlos informieren kannst.“ Die im wörtlichen Sinn etwas schmierigen Blattln liegen dann auf meinem Tisch und fragen mich, was denn aus meiner Liebe zu Tageszeitungen geworden ist. Gute Frage, denke ich ... hat sicher was zu tun mit Reifwerden, Fachkompetenz, guten Büchern und guten Podcasts. Sogar zum Ausbrechen aus seiner jeweiligen Filterblase, für Serendipität, Andersdenkendeverstehenwollen und fürs buchstäbliche Zeitunglesen braucht man ja keine Tageszeitungen mehr, und für die österreichischen gilt, was Armin Thurnher kokett an der Fachhochschul lehrte anno 2005, die „brauchen Sie eigentlich gar nicht lesen“.
Das war ein schöner Einstieg. Das Thema dieses Blogeintrags lautet „Der Jude im Wörterbuch“. Ich stieß am 8. Februar 2022 auf diese Meldung in einem der besagten Gossenjournale:

„Unwort? Duden warnt vor „Jude“ –
Laut Duden kann das Wort „Jude“ als diskriminierend empfunden werden, man solle daher z. B. „jüdischer Mensch“ sagen. Der Zentralrat der Juden lehnte in einer Reaktion solche Alternativen jedoch ab.“

Ich schreib das peinliche Thema hier nach all diesen Tagen nur, weil dieser Blog nach all diesen Jahren nur mehr ein Abstellgleis für meine unproduktiven Gedanken ist, für Geifer, Rage, Kritik, und weil das das bisher einzige Thema in diesem Jahr war, das mich sinnlos aufbrachte. Mit sinnlos meine ich: es ist Zeitverschwendung, über eine Sache emotional zu werden, über die wahrscheinlich sogar in der Duden-Redaktion nur ein oder zwei Leute so idiotisch denken und die allen anderen egal, weil „gegessen“ ist.

Dass der „Duden“ hier als Wörterbuch kapital versagt – weil er nicht Bedeutungen definiert, sondern Sprachgebrauch vorschreibt, weil er Knigge für den weltfremden deutschen Schambürger ist, nicht für den Schreibenden, der ein Wörterbuch braucht –, haben andere anderswo dargelegt – und damit meine ich keine aktuellen Kommentare oder Feuilletons, sondern einen Kommentar, der vor Jahren im Forward stand. Ich verlinke beizeiten auf ihn.

Beispiele für gängigen, natürlichen, vernünftigen Sprachgebrauch. Der unvergessliche Mickey Sabbath in Philip Roths Roman Sabbath’s Theater, der Soldat Mellish im Film Saving Private Ryan, der Fußballtrainer Andreas Herzog im Fußballpodcast Phrasenmäher, alles in Curb Your Enthusiasm.

Diesen Juden und Nichtjuden will der „Duden“ nun allen Ernstes seine Judenscham verklickern. Dass er „Duden“ aber noch peinlicher ist, als die Zeitungsgeschichte nahelegt, zeigt sich, wenn man nun „Jude“ auf duden.de wirklich eingibt und folgendes Ergebnis erhält:

– –  abgerufen heute, am 17.2., um 22:16, ein Screenshot ist bei mir hinterlegt – –

Suche nach Jude
Ihre Suche im Wörterbuch nach Jude ergab folgende Treffer:

Nicht­ju­de
Substantiv, maskulin – männliche Person, die kein Jude ist; …
ZUM VOLLSTÄNDIGEN ARTIKEL →

Sa­b­re
Substantiv, maskulin – in Israel oder Palästina geborener und …
ZUM VOLLSTÄNDIGEN ARTIKEL →

ewig
Adjektiv – 1a. zeitlich unendlich; unvergänglich, zeitlos; 1b. die Zeiten, den Wechsel überdauernd; …
2. sich immer wiederholend; endlos, übermäßig …
ZUM VOLLSTÄNDIGEN ARTIKEL →

Man sieht dann: der „Duden“ weiß, was ein Nichtjude (Goj, Nkri, Heide) ist, ein Sabre, aber das Wort „Jude“ definiert er ja überhaupt nicht, lieber schmeißt er ein Adjektiv auf die Ergebnisseite dazu, „ewig“, das überhaupt nichts mit der Suche zu tun hat und so wohl andeuten soll „weg mit euch, hier gibts nicht mehr zu sehen!“

Ich behaupte nun: der Duden ist antisemitisch, – – nicht weil er „ewig“ bei den Ergebnissen bringt und hier das alte Drecksklischee „ewiger Jude“ aufleben lässt, ich glaube hier ist einfach ein falscher Algorithmus am Werk, der naiv Anfragehäufigkeiten bündelt, das ist halt die Usermasse die anscheinend oft nach diesem Thema fragt – – sondern der Duden ist antisemitisch, weil sein Sprachknigge ja auch Juden gilt, und der Duden auch Juden irgendwie mitteilt, he, wir sind in einer fortschrittlicheren Zeit, bitte mach mal nicht so krass auf Jude.

Ich werde vielleicht diesen Blogeintrag noch etwas umschreiben damit die Teile besser zusammenhängen, aber vielleicht auch nicht, es ist wirklich zu peinlich, solche Gedanken auch nur anzudenken, geschweige denn auszuschreiben.

Eigentlich kann man dem Ganzen etwas Erfreuliches abgewinnen, man kann sich froh schätzen, kein „Dude“ sein ... ein politischer Analphasler, der das vormals wichtigste WÖRTERBUCH der DEUTSCHEN Sprache mitschreibt ... aber mit dem Zeitenwandel und ringend mit dem Bedeutungsverlust gegenüber Open Source, und ringend mit ... Wörtern ...

Mir fällt zu der leidigen Sache aber noch etwas ein, und jetzt wirds sogar echt geil. In meiner privaten Notizsammlung funkelt es bereits seit Jahren ... so geil ist das Wort. Ich schlage es hiermit dem Duden vor:

Es gibt ja, man höre und staune, lasche Juden, die Gojim heiraten, Speck essen, samstags was arbeiten etc. etc. ... und einer der berühmtesten ist natürlich Leopold Bloom aus Ulysses mit seiner Schweineniere und mit seinen Gewissensbissen während des gesamten 16.6.1904. Wie so oft ist es wunderbar, wenn man so eine Berühmtheit mit einem „Fragment“ paart, einem eigentlich der Weltgeschichte unbekannten Element. Den findet man z.B. in der super Flughafenkolumne von Haaretz, wo vor ein zwei Jahren ein italienisch-jüdischer Koch gestand, bei dem und dem italienischen Rezept tut er sich schwer, den Originalgeschmack koscher (nämlich ohne Schmalz!) herzustellen. Ich stelle aber vor: Siegfried Daniel, Sohn eines Greißlers in dem niederösterreichischen Dorfe Kirchberg am Wechsel, irgendwann auch am Anfang des 20. Jahrhunderts. Laut einem Zeitzeuginnenbericht in einem hochinteressanten (und todtraurig machenden) Buch über Juden dieser Gegend vor dem Holocaust soll dieser Siegfried gerne Grammeln gegessen haben. Natürlich nehmen wir diese „oral history“ mit einer Prise Salz, vielleicht stimmt es nicht, schlimmstenfalls muss man annehmen dass eine alte dumme Antisemitin falsch wahrgenommen und falsch erinnert hat. Aber künstlerisch spielend, die alte Zeit vor unserem geistigen Auge aufleben lassend (man wär gern Olga Tokarczuk und schriebe einen ganzen Roman...), stellen wir uns Siegfried vor, den Juden, wie er tatsächlich wo eine Handvoll Grammeln sich reinwirft, und nach der (sporadisch antisemitsch missbrauchten...) Weise, ein Kompositum mit „Jude“ zu bilden, erscheint das erheiternde Epithet „Grammeljud“! Es ist wunderschön und sehr vielfältig, weil liebevoll verwendbar, schimpfend, aber hauptsächlich: treffend bezeichnend. Das, was man eigentlich von einem Wörterbuch erwartet.

26.05.2015

Vor lauter Brücken

guter kommentar zum klischeemotto des heurigen europäischen song contests und den brücken in der politischen wirklichkeit:
http://m.diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/sibyllehamann/4739974/index.do

31.03.2015

Das Selbst wichsen

in zeiten ohne muße kopierst halt was aus deinem instagram heraus und stellst es da herein:

1. das foto:

2. sein titel:
#jerkingoff #selfie #stick

3. die überlegung:
when my colleague lately confronted my “jerking off” in this photo, i explained to him: i’m depicting here, allegorically, the act of “JERKING OF THE SELF” ITSELF – the objective of masturbation, not the process. i dedicate this photo to father dietmar orglmeister who once told us of the dangers of masturbation – not in terms of deafness, but psychologically-anthropologically, “jerking off makes you self-obsessed” and shit.

01.02.2015

Beispiel einer schlechten Zeitung

Dieser Text ist kein musikologischer Beitrag über meine geliebte Band Maximo Park, sondern ein Zivilbeitrag, ein Cyberdokument gegen einen vertrottelten Redakteur der wahrscheinlich generell vertrottelten deutschen Zeitung »Die Welt«, hier in meinem Blog hinterlegt da die Kommentierungszeit auf der Website abgelaufen ist.

Da lebe ich in dem Glauben, jedes Lied der Band Maximo Park sei gut. Suche wieder einmal nach einer musikologischen Untersuchung ihrer Musik. Und gelange zu dieser Rezension der Tageszeitung »Die Welt«. Redeskription derselben: Es gibt nur Ein [gutes] Lied von dieser Band. Maximo Parks Sänger Paul Smith ist zu geschwätzig, schwuchtelig (#ÜberspitzterIntellektualismus), zu einfallslos und ein jämmerlicher Kulturkritiker so wie Günter Grass.

Der Autor heißt Frèdêrick Schwillden und liefert neben seinen Bemerkungen ein Relativsatz-»Dass«, ein zweites falsch eingetipptes Wort (»Schreißdreck«) und ein drittes falsch eingetipptes Wort, den neben dem falsch geschriebenen Vornamen Brechts zweiten Klassiker der falschen Vornamenschreibung, »Günther« Grass.

Anstatt also meine Liebe zu Maximo Park zu bedenken –

Welches wäre das  E i n e  L i e d  Maximo Parks, das ich wählte, landete ich auf einer einsamen Insel und hätte auf meinem intakten Handy nur noch 1% Akkustrom zur Verfügung?

– anstatt irgendeines der Urteile Frèdêricks ernstzunehmen, denke ich mir eigentlich nur, dass ein ziemlicher Trottelhaufen dort in den Redaktionsräumlichkeiten der »Welt« sitzt, der so eine Kritik jahrelang unkorrigiert im Cyberspace stehen lässt.

Kein Geld für »corrections and amplifications« bei Axel Springer.

27.05.2014

Two kinds of contempt

1)
I want to add to the cluster of thoughts of strangeness as stated in my blog entry on “tschunggoys”:
US Supreme Court Justice Antonin Scalia once said (in this talk) that he held “an old-fashioned belief” that “familiarity breeds contempt.”

2)
Based on Scalias mystical hypothesis of familiarity: some thought about mass killer Elliot Rodger:
How come he does in all these hours supposedly spent reading and developing a theory never name titles of books he read, or authors, or arguments?
He is not wanting to hide influences or something. He just spent these hours daydreaming and picturing himself a big new NOMAAM-thinker. His contempt comes from unfamiliarity, unfamiliarity with books, women, his stepmother, the world at large.

He was merely a blind, self-pitying, self-rightous, ridiculously materialistic simpleton, which by the way many Americans (and many Chinese) (and many Europeans) (and many others) among us people of the world are.

But I admire his beautifully formated and almost immaculately spelled text (there are only some occasional plural-’s-blunders), its form. I like its preciseness. A good mass murderer’s leaflet. I should check the Norvegian mass murderer Breivik’s manifesto. There might be a pattern: writing/typing correctly is not perceived as necessary these days: and so these killers mistake it for their society’s decline! And in order to save society, their heroic performance is the typing of pretty prose! Their killings: an advertisement. The continuation of the Nietzschean hammer with other means: Kevin Spacey in the thriller Se7en explains it nicely.

Otherwise, these mass murderers and their phantom pain of intellectualism are a supremely laughable, Marxian “history returns as farce”-kind of guys of obviously very poor philosophical talent.
They are forced to use another hammer because they have no hammer similar to the hammer Nietzsche wielded in his writings: a combination of philosophical learnedness and poetic genius.
So the problem at hand is that in 21st century rich societies, somewhat gifted thinkers and writers are too degenerated or too lazy to make themselves real high-grade psychos like Otto Weininger. They do not even have to, as the media are a great apparatus to complete their argument.

So unlike Weininger, who did possess learnedness and genius, they are philosophical fakes.
Unlike Weininger, they are unable to commit good old self-sufficient suicide. They need the public.
They need murders to bestow drastic force upon their arguments. They need Psychiatrists and other experts on TV to follow up on the points alluded to in the original manifesto. They need Twitter, “where the world's conversation takes place”, as their “scientific community.”
They lack Weininger’s really gentlemanly humbleness that resulted in the loss of only one life, the psycho’s.
Or was Weininger given a fancy horse cart (or one of the new 1903 automobiles, for that matter) by his parents?
Weininger couldn’t care less about the publicity and reprints of his book that followed his death.

12.05.2014

Der chinesische Traum

Aus Frust über das Motto Chinesischer Traum und wie es die Sprache einiger chinesischen Publizisten und braver Bürger durchzieht brach ich mein Schweigen auf WeChat und schrieb folgenden Begriff in meinen öffentlichen Stream: 梦想化


Nähern wir uns dem Begriff mit bloßen Hinweisen auf seine Bedeutung.
化 huà heißt Wesensverwandlung oder -hervorbringung;
文化 Wort + huà, die Gestaltung des Wortes = Kultur;
城市化 Stadt + huà = ist der chinesische Begriff für Urbanisierung;
绿化 Grün + huà = was im Englischen Green, Going Green, Green Revolution etc. genannt wird, aber auch ganz einfach Vergrünerung (einer Stadt durch Blumen) oder Aufforstung.
化学 huà + lernen = das Studium der Verwandlung = die Wissenschaft Chemie.


Vielleicht heißt 梦想化 (von dem ich hoffe, dass vor mir noch kein Mensch es geprägt hat) also Verträumerung; es steht irgendwo in der Nachbarschaft des Begriffs Verblendung, soll aber nicht so soziologiestudentenhaft-schnellklug aus dem Nachhinein Horkheimadornos, wikipedia-Weisheitsquickie-haft, und old-school-imperialistisch aus dem Westen auf China übertragen werden, sondern aus China heraus gedacht sein, also aus meinem Kopf, der an einem trüben Sonntagnachmittag vor einer Stahlgerüstbühne steht, den Bewerbern eines Bandcontests zuhört, und bei jedem Auftreten der Moderatorin des lokalen Radiosenders intellektuellen Ausschlag bekommt.

»Welchen Traum hast du?«, fragt sie in völliger Ignoranz der soeben vollbrachten Tat des Gesungenhabens. Neben den naiven bis verlegenen bis verwirrten Antworten der Teilnehmer war darauf die einzige witzige Antwort die eines 12-jährigen Teilnehmers, der mit seinen Mitschülern ganz schön gerockt hatte. »Ich möchte einmal ein richtiger (正式的, zhèngshì de, offizieller) Sänger sein, im Fernsehen, nicht so auf einem Platz wie hier.«

In der chinesischen Öffentlichkeit und in ihren touristischen und journalistischen fotographischen Abbildungen sieht der westliche Beobachter nun 
immer diesen vom Parteivorsitzenden Xi Jinping angesprochenen chinesischen Traum an Wände gemalt oder auf Plakaten prangend, er generiert Oberflächenwissen, er tut es in seiner geistigen Ablage in die Rubrik Verblendungszusammenhang oder zum Patriotismus, und hofft, das chinesische System werde zusammenbrechen.
Gleichzeitig stellt jeder halbwegs interessierte Zeitgenosse dem »Chinakenner« die Frage, wie das Volk in der Diktatur so lebe. Darin liegt in Ansätzen die Frage nach den Meinungen zum Volkstraum. In meiner Erfahrung lassen sich viele Chinesen von dem Traumwesen nicht erfassen und ich halte die zwei kostbaren Begegnungen hier fest, die mir dies vor Augen führten.

1) Beim Einkauf eines Nuss-Schraubenschlüssels ließ der Verkäufer im Werkzeuggeschäft sich beim Suchen allzu lange Zeit und ich prustete und sagte nach mustergültiger chinesischer Art: schneller bisschen! Der Chef des Ladens kam herbei mich zu beschwichtigen, mit Lächeln und den Worten, [das sei] »der chinesische Traum, immer am Träumen, hihi«. In dieser Auslegung ist mir der chinesische Traum erst sympathisch, nämlich nicht als braver Vollzug der Vorgabe des Herrschers Xi Jinping und der geschichtsphilosophischen Sendung des erstarkenden chinesischen Volkes, sondern als ironische Brechung. Genauso kann der Begriff aber seine Wucht unangenehm entfalten: mach mir keinen Stress Mann, wir sind hier am Träumen!





2) Auf WeChat erntete ich für mein hoffentlich ganz lakonisch rüberkommendes 梦想化 von einem Bekannten prompt ein »Like« (»赞/zàn/Lob« genannt, symbolisch nicht durch einen Daumen oder ein + ausgedrückt, sondern durch ein Herz) und den Kommentar »呵呵/hehe«. Es gibt also eine Klasse von Menschen, die dieser ironische Brechung in die Schrift bringen, sie ausdrücken, lesen können.

Metapher: flood of respect

Flut des Respekts. Stürzt laut WSJ Frau Conchita Wurst entgegen. Oder bricht mit Wurst, als Wurst, über uns herein.
Übrigens, unter diesen Artikel postete ich, versehentlich anonym (dachte ich sei angemeldet), Conchita Wurst sei die Barbra Streisand des 21. Jahrhunderts, oder besser, sie könnte eine werden.

17.09.2013

Occupy le banc

Freute mich, als ich Isabel Miramontes‘ Kunstwerk, »Le Rendez-vous«, Spanien, Bronze, 2013, vor dem Hongkonger Kaufhaus Lane Crawford entdeckte. Ein gefundenes Fressen für meinen Weltschmerz über das Verschwinden der Rückenlehne im öffentlichen Raum – und ihr Auftauchen im Raum der Kunst. Wenn ich derzeit einer Bewegung beitreten wollte, dann jener, die das Sitzverbot für diese Kunstwerk-Bank bricht. Dieses Verbot wird von Bewachern (siehe Foto, ich fragte den Herren, ob man sitzen darf), und spätabends von Stahlgestellen (das sah ich später), und grundsätzlich vom Menschen mit dem krummgesessenen Rückgrat gewährleistet. Besetzt diese Bank. 

17.08.2013

Jean Jacques Rousseau Straße

Die neue Mariahilferstraße erlöst den Fußgänger endlich von der Pflicht, den Blick auf die eigentliche Welt zu richten. Der Siegeszug der Rousseauschen Urlaubsethik setzt sich in der banalsten Wirklichkeit, im eigentlichsten Alltag, in der typischsten, meistzitierten »Lebenswelt« durch: der Kahn, in dem Rousseau schwärmt und sich von der Mitwelt löst, ist in der Straße angekommen. Jeder darf in seinem imaginären Schiffchen über die Straße treiben.
Gestern wurden die Verkehrsregeln zur Fußgängerzone in Kraft gesetzt, Politiker der Grünen Partei stellten sich für einen Photoshoot stolz auf die Straße. Die triumphierende Verkehrsstadträtin Wiens und ihr »probeweises« Projekt. Freudig neben der 20 km/h-Markierung der Zone, in der Autos, Radfahrer und Fußgänger gleichberechtigt sich »begegnen« dürfen. In einem Zeitungskommentar fragt jemand: Sollte sich die 20 km/h Zone nicht nach den Langsamsten richten, sind 20 km/h nicht noch immer zu schnell?
Eine politische Frage; die Schwesterfragen: Sollen in der Schule nicht die Besten sitzenbleiben, bis auch die Schlechtesten durch den Stoff sind? Sollen die Wiener sich nicht nach den Langsamsten auf der Mariahilferstraße richten, den Punks – und in ihren Autos herumhocken, anstatt irgendwohin zu wollen?

09.08.2013

Wohnen im Erdgeschoß

Foto: Wilhelm, 1774














Nach dem aller Wahrscheinlichkeit nach heute erfolgenden Konkurs der Schlecker-Nachfolgefirma Dayli kann man sich auf Umwandlung vieler der hinterlassenen Geschäftsräume in Wettbüros gefasst machen. Was okay ist, soll der Pöbel sein Geld in Spielautomaten reinstecken.
Aber aus kleineren Geschäftslokalen, die schon seit längerem leerstehen, sollen private Wohnungen entstehen, finde ich, dann sähen die Straßen nicht so öde aus, die Wohnungspreise könnten wegen erweitertem Angebot etwas fallen, und die Stadt Wien könnte Lorbeeren für politischen Realismus ernten: wir brauchen heute nicht mehr so viele kleine Geschäfte.

20.03.2013

Erinnerungen an das alte Denken

Ein vernünftiger Einspruch gegen profitsuchende Computererziehungs-Fantasten. (Video)spiele können das Lernen nicht ersetzen, das durch Anstrengung und Wiederholung zustandekommt und befriedigendes Spielen erst möglich machen. “It’s easy to foresee a future in which teachers try to unpeel children from their screens in order to bring them back to such hands-on, “real world” experiences” wie, sagen wir z.B., in eine Trompete zu blasen. Zu dem Thema laufend auch Hans Ulrich Gumbrecht in seinen Altersnotizen über die „Fusion von Bewusstsein und Software“.

26.06.2012

Verpflichtende Nierenkrawatten

In Schuhgeschäften, wo sie sich besonders oft nach unten beugen, sollen Frauen Nierenkrawatten tragen: ein Stück Stoff, das die zum Vorschein kommende Haut über dem Gesäß bedeckt.
Bei Frauen der unteren Klasse wird einem so der Anblick des Arschgeweihs erspart. Bei fetten Frauen bleibt einem Schweißgeruch erspart. Und bei schönen Frauen muss man sich nicht ärgern, dass man momentan nicht Sex mit ihnen haben kann. Wenn man momentan keinen Sex mit ihnen haben kann.
Man soll Nierenkrawatten den Frauen anlegen, wenn sie das Geschäft betreten, so wie einst schlampig gekleidete Männer in bestimmten Restaurants einen Schlips verordnet bekamen.

03.06.2012

Bald Frauendiktatur

Die Beamtenministerin verkündete vergangene Woche mit »mächtigem Stolz«, dass leitende Stellen der österreichischen Beamtenschaft bereits zu einem erklecklichen Prozentsatz von Frauen besetzt werden, die genaue Zahl kann man gugeln. In der »Privatwirtschaft« sei von so einem Erfolg noch nichts zu sehen.
Der tschechische Kollege vom Verkäuferteam war gerade zu uns in die Werkstatt gekommen, lauschte ebenfalls den Nachrichten, und tröstete mit den halb lakonisch, halb aufbrausend geäußerten Worten: »Bald Frauendiktatur.«

Als nächstes trug der Radiomoderator die Meldung vor, der mutmaßliche Vergewaltiger Julian Assange werde von der Justiz Großbritanniens an Schweden ausgeliefert, wo zwei Schwedinnen den berühmten Verpfeifer von Amtsgeheimnissen schwerer sexueller Übergriffe gezeiht hatten.
Meinem tschechischen Kollegen war das immer noch dasselbe Thema, alles hängt mit allem zusammen, er fing an, in seinem gut gelernten Deutsch zu erzählen:
»Als ich nach Österreich gekommen bin, habe ich mich gewundert, was alles do ist Sexualmissbrauch. Wenn du einer Frau sagst, du hast schöne Beine, ist schon Sexualmissbrauch.«

19.03.2012

Katholische schulen

Wichtiger als missbrauch „bis in die neunziger jahre“ (profil): der heutzutage dort grassierende pietismus, die verweichlichung, der  m a n g e l  an zucht u ordnung.

17.09.2011

Horrormeldung des Tages

Man möchte die Wiener Mariahilferstraße "beruhigen" und die Autos von ihr verbannen. Das wird ein toller Kindergarten.

08.02.2011

Schimpfen auf Zäune

Hinter meterhohen Hecken
hast ein Häuschen hingebaut
Heim und Heirat, Heil und Heimat
hüllen dich in zweite Haut

Diese kostbaren Verse aus dem Scheißlied Mitten auf der Straße kommen mir in den Sinn, wenn ich am Botschaftsgebäude der Vereinigten Staaten in der Wiener Boltzmanngasse vorbeiradle und als ich neulich deren Staatsvertretung in Bratislava, sich wie einen Schandfleck darstellend, auf der »Promenade« erblickte.

Und soeben liest mir meine krank im Bett liegende Freundin – die mir seit drei Jahren bei meinen unvorhersehbar und heftig wie epileptische Anfälle auftretenden Zaunbeschimpfungen beisteht – aus Jonathan Franzens Korrekturen vor und zitiert:

»...abgesehen von dem unschlagbaren Preis der Villa (sie war umsonst gewesen) und ihren hervorragenden Sicherheitsvorkehrungen (inklusive eines bewehrten Turms) und eines Zauns, der einer US-Botschaft würdig war...«

19.11.2010

Heurigenbänke in der Uni Wien

Man hofft, Studierende in die Gestaltung der Universität einbezogen zu haben, wenn man sie ein bisschen die Infrastruktur dekorieren lässt. Oder auserwählte Studentinnen Sitzmöbel entwerfen und die andern Studenten abstimmen lässt, welcher der Pläne produziert werden soll.
Für das Hörsaalzentrum am Campus zur Auswahl: stylishe Heurigenbank; innovative Heurigen-Eckbank mit etwas Lehne; eine Kombination aus diesen beiden; eine riesige Holzpercussion namens »Relax«.

Ich habe nicht abgestimmt. Keines der Modelle taugt etwas: Minilehnen sind Verarsche, die Holzpercussion ist eher was für John Cage und Simon Rattle, und das Sitzen auf Heurigenbänken ist unangenehm (das Zeltfestvolk weiß das und steht lieber auf ihnen).

Ich will einfach in den Fachbibliotheken auf bequemen Stühlen sitzen. Was großteils ohnehin möglich ist. Ich bin zufrieden. Man könnte noch Lederpolsterungen anbringen, wie in der Nationalbibliothek. Dort konnte ich immer lange gut sitzen (bis Johanna Rachinger diese breitschultrigen Söldner auflaufen ließ, in »Security«-Jacken, vor denen ich mich schäme, ein Buch aufzuschlagen).

Universitätsmanagement und Hochschülerschaft würden und können es aber nicht schaffen, standardmäßig mit Lederpolsterungen ausgestattete Fachbibliotheken politisch und sozial zu vermarkten.

Zum Schluss liste ich hier noch die Namen der Möbeldesignerinnen und einige Schlagworte ihrer Kampagne auf, damit neugierige Googlerinnen vielleicht zu diesem Eintrag gelangen.

Tina Wintersteiger, Elisabeth Zeininger, Student Space, Meine Idee, Flexible, Loop, Floop, Relax, Geometrie des Raumes, Kaffeeecke, Statements, Formrohr, Arbeitstisch, Sitzlandschaften

...naja, halt das übliche Vokabular. Ich habe schon auf dem Gymnasium feierlichen Einweihungen neuer Kaffeeecken beigewohnt.

12.11.2010

Friedensbrücke: Früher Natur, jetzt Idylle

Beim Spazieren in der Wiener Hauptbücherei fiel mir Alfred Pausers Kompendium »Brücken in Wien« in die Hände, das über die Errichtung der Friedensbrücke im Jahr 1924 berichtet:

»Im Unterschied zur alten [der Brigitta-] Brücke war bereits in der Ausschreibung die Anordnung des Tragwerkes unter der Fahrbahn bedungen worden und dies trotz der damit verbundenen höheren Kosten. Man wollte den freien Ausblick auf den Leopoldsberg und Kahlenberg nicht durch die nüchtern wirkenden eisernen Tragwände stören.«

Demnach wurde hier, durch Zahlen eines höheren Preises, die geilste Technik belohnt: nämlich eine Lösung, die ihre gesteigerte Komplexität vor dem Laien verbirgt; »nüchtern wirkende« Tragwände sollten von einem noch besseren Gestell ersetzt werden; die noch größere Nüchternheit dieser Lösung sollte sich nicht protzig mitteilen; –– so wie der Athlet Pete Sampras, nachdem er in den 1990ern zu Nike umgestiegen war, seine Muskeln unter lang geschnittenen Hosen versteckte, während Thomas Muster den altmodisch gewordenen kurzen Shorts treu blieb, die so schön zu seinem kämpferischen Betragen passten ––; der passierende Laie sollte sich an dem Ausblick auf die Natur erfreuen können –

der Brückenbau folgt Funktionalität, Ingenieurskunst und einem Hang zur Natur

(aus welchen Gründen die Natur hier der Rechtfertigung dient, kann ich auf die Schnelle nicht eruieren. Ein niederer Grund wäre Eskapismus, wie Nietzsche ihn beschrieben hat [à la man sitzt jetzt den ganzen Tag im Büro und will hinaus in die Natur; früher in der unterhaltenden Gesellschaft am Hof Ludwigs XIV hätte es das nicht gegeben]; ein erhabener Grund wäre, wenn man sich in der Nachfolge des Turmsteigers Goethe sieht und sich auch auf Brücken einen Überblick über die Gegend verschaffen möchte; [noch durchzudenken ist das Ganze aus Heideggers »Geviert«-Totalperspektive, insbesondere im [Brücken-] Essay »Bauen Wohnen Denken«).

Mit der Renovierung der Friedensbrücke – ich begleitete kritisch – ist eine andere Stadtbau-Maxime umgesetzt. In einer Neuauflage wird es über die heuer erfolgte Renovierung heißen müssen:

»Trotz der damit verbundenen höheren Kosten wurde ein höheres Geländer angebracht. Man wollte erstens eine/n Künstler/in subventionieren und gab zweitens einer pazifistisch-naiven Vorhaltung lieblicher Friedenstauben im Geländerglas die Priorität vor dem nüchternen freien Ausblick auf Leopoldsberg und Kahlenberg.«

24.10.2010

Man kann kein Wasser sparen. Lassen wirs fließen!

Wir hören vom Kreislauf des Wassers im Volksschul-»Sachunterricht«. Das Wasser fällt hernieder, auf Asphalt oder Erde; es verdunstet und sammelt sich in Wolken zu neuem Gusse oder es versickert und sammelt sich in unterirdischen Lagern. Von wo es aber »freilich« (würden Journalisten des Presschens besserwisserisch hinzufügen) irgendwann hervor in die Menschensphäre tritt: Als Bach, rinnend ins Meer; oder in der Form von Glas- und Plastikflaschen transportiert, uns tränkend. Sowohl aus dem Meere als auch aus unseren Körpern dunsten endlich wieder so viele Tröpfchen des Wassers empor, als zur Weiterführung des ewigen Kreislaufes nötig ist.

Wenn ich daher heute Morgen als braver Biedermann in der Krone den Text einer bezahlten Anzeige meines Lieblingssupermarktes »Hofer« lese; wohlwollend den vollbärtigen »Bio«-Manager Werner Lampert als meinen Herren und Meister identifiziere; seinen Appell vernehme, man möge »Wasser sparen«; darufhin mich der Bilder von dürren Kindern »Afrikas« entsinne; mein Gemüt sich verdüstern spüre (die Häufung des mürrischen Buchstabens »ü« zeigt es an); mich sodann frage: Wie kann ich helfen? wie kann ich meinem Herren gehorchen? wie kann ich das Kinderleide lindern? und wenn ich das Nahegelegte zu tun mir vornehme: »Wasser sparen!« –

dann hat das keinen Sinn. Es ist lächerlich. Es stimmt nicht. Man kann alleine bei der Wasserrechnung sparen. Jeder Liter Wasser, den ich nicht aus meiner Leitung lasse, staut sich in dieser; staut sich zurück; erhöht das Trinkwasserreservoir meiner Gemeinde (oder meines privaten Anbieters); verschlechtert die Qualität des Wassers (Story in brand eins) – aber es wird dieser Liter niemals das durstige arme Kindchen tränken. Das aufgesparte Wasser widerstrebt nicht seinem natürlichen, dem kürzesten Lauf; es dunstet nicht hin und fällt nicht dort ab, wo es dringend benötigt wird. Es gibt einen internationalen Abgas-Emissionenhandel, aber keinen Wasser-Nichtverbrauchshandel.

Lassen wir es fließen. Erfreuen* wir uns des Wassers, das der Zufall oder der Gott uns so gnädig bescheren.

Und für die Lösung des (sich ohnehin ent-präkarisierenden) Hungerproblems: finden wir – die klugen Naturwissenschaftler unter uns – angemessene Lösungen.





*Always water, the real thing: »Ich ziehe Orte vor, wo man überall Gelegenheit hat, aus fliessenden Brunnen zu schöpfen (Nizza, Turin, Sils); ein kleines Glas läuft mir nach wie ein Hund. In vino  v e r i t a s :  es scheint, dass ich auch hier wieder über den Begriff "Wahrheit" mit aller Welt uneins bin: – bei mir schwebt der Geist über dem  W a s s e r . . . « (Nietzsche: Ecce homo, in: ders., Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hg. v. G. Colli u. M. Montinari, München: DTV, 1999, Bd. 6, S. 281