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19.11.2015

Pollock-Parks


SPÖ und Grüne in Wien vereinbarten in ihrem Koalitionsvertrag die Verbindung von Parks mittels Alleen und Grünstreifen zu »linearen Parks«.
Ich erzählte es heute Camillo Sitte und vernahm seine erwartbaren Einwände. Die linearen Parks verstießen gegen seine Regeln: Alleen nur da zu pflanzen, wo sie notwendig seien, etwa entlang von Landstraßen durch staubige Felder, wo ihr Nutzen ihre Langweiligkeit übertrumpfe. Und Stadtgrün sparsam zu setzen, damit es nicht überall zu einem Dorn im Auge werde. Stadtgrün verdecke Bauwerke und trage zu guter Luft so wenig bei wie ein Babyfurz zu schlechter.
Schon lange hasse er die Stadt, die Häuserblöcke, die gigantischen Kreuzungen, offenen Parks. Die Farbtupfen »namens Parkanlagen« nun mit Pinselstrichen miteinander verbinden zu wollen sei ein bedauernswertes, seit langer Zeit von ihm vorhergesehenes Unternehmen; die Politiker Amateure, die sich in Schüttkunst versuchten und in der Hoffnung auf einen Geniestreich à Pollock so lange Farbkleckse verwischten, bis ein Bildnis wie von schlecht Verdautem zu Tage liege.
Ein Strauch mit Blüten in einer Stadtstraße – das genüge, oder ein andermal ein Blick zum Himmel, zu einem grauen Himmel, gegen den ein Vogel fliege. Hier wandte ich ein: Gottfried Benn habe das geschrieben. Sitte sagte: Wer ist das.

08.11.2015

Entwicklungsland Mariahilferstraße

Mit der Stilllegung von Straßen und der Zuteilung des gewonnenen Raumes an Gehende und Sitzende versperren die Grünen in Wien der Weiterentwicklung des Individualverkehrs den Weg.

Auf der Mariahilferstraße gab es früher zwei Fahrradstreifen und auf diesen größere Bewegungsfreiheit für Radfahrer als in der neuen Begegnungs- und in der Fußgängerzone. Da war Eine Bahn – respektiert von Autofahrern und Gehenden. Frei zur Entfaltung des Vorwärtsdranges. Radeltest du gemächlich, mussten schnellere Radfahrer hinter dir, analog zum Autofahren, sich gedulden und auf eine Überhol-Gelegenheit warten. Diese bot sich im ohnehin stockenden KFZ-Verkehr und an Ampelkreuzungen oftmals. Schnelle Radler kamen schneller und gemütlicher vom Europaplatz zur Hofburg, gemächliche gemächlicher und immer noch schnell.
Heute herrscht ein Durcheinander »freier« menschlicher Bewusstseinssysteme, die alle ihrer Wege gehen. Es gibt mehr sich kreuzende Wege als zuvor, und Radfahrer müssen sich mit jeder Befahrung aufs Neue Ordnung schaffen.
 
Es geschah, dass ich einem Fußggängerpaar auswich und einen von hinten kommenden Radfahrer am Fortkommen auf seinem imaginären Weg behinderte.
Aufpassen! knurrte er. 
Ich bat um Verzeihung. Ärgerte mich sofort darüber. Wozu die Untertänigkeit? Einen Zusammenprall hätte er verantworten müssen, weil Auffahrunfall: Auffahrender schuld. Die Regel ist aber außer Kraft gesetzt!
Es beginnt bei den Gehenden. Die gehen. Und ihr Recht dazu gilt nun auf der gesamten Fläche der Mariahilferstraße. Sie üben es aus, manche rücksichtslos, schwierig zu polizieren.
Dann komme ich dahergerollt – keine Rede mehr von permanentem Durchtreten der Pedale – und weiche den überall kreuzenden oder fortwärtsschlängelnden Gehenden aus: und zwar zugegeben ohne zu beachten, was hinter mir geschieht: das Radfahr-Äquivalent zum Seiten-Spiegel-Seitenblick ist ausgeschaltet. Sind ja keine (besonders schnellen) Autos zu beachten.
Hinter mir jedoch der Radfahrer »verhandelt sich seinen Weg« (wie es in der englischen Sprache hieße) über eine auch für ihn »freigeschaltete«, grenzenlose Fläche mit beliebig wählbarer Route. Für ihn ist ausgeschaltet die Regel, dass er Langsame vor ihm verschonen muss. Wenn ihm nunmehr etwas in die Quere kommt, ist er wütender, als er früher auf dem Radfahrstreifen der alten Mariahilferstraße je hätte sein dürfen.
Eine Kettenreaktion der Rücksichtslosigkeit!
Der Raum der Radfahrer wurde enteignet. Früher hatten sie ihren Streifen, ihre Bahn; heute Öffentlichkeit, »Begegnungszone«, Umständlichkeit. Wie in einem Entwicklungsland geht es zu, seitdem die Grünenauf das »Reset« des Städtebaus drückten. Es ist besser, auf ein Entwicklungsland hinabzublicken und es spannend zu finden, als in einem zu leben. Auf tabula rasa folgt die Neuschaffung von Regeln. Hierbei scheint mir die Vielzahl der Fußgänger, unter demokratischen Bedingungen, im Vorteil zu sein.

01.02.2015

Radfahrbahnen und Reichenrückzugsstädte

Um meinen Blog ein bisl aufzufleischen füge ich hier ein Paar Kommentare ein, die ich unter irgendwelche Artikel postete:

a)
»Another sloppiness in this article: Bicycle lanes are still ubiquitous in China; they are also being built into new boulevards, for example here in Cixi City, Zhejiang (Xin Cheng Da Dao).
The bike lanes on the great boulevard of Nanjing, Zhongshan East Rd, were often perused by cars as an additional lane during peak traffic.
And what's most important, everybody (which in China really covers almost everybody) wants to imitate the "big mass" and have a car. Many think it's reasonable to drive a car for security reasons too -- they're not totally wrong, the traffic is horrible, I've driven a car for two years now and "amazed that I survived, I don't know what saved my life."«
Unter den Lesern werden sicher ein paar die Anspielung auf das Radiohead-Lied verstehen, Airbag, aber wie so oft bei mir ist es ein komplett unnediges Zitat!!!!!

b)
»Mein verklemmtes Ich würde ihn vielleicht auch „unsympathisch“ finden, aber ich gebe mir einen Ruck und finde ihn für seinen dionysischen Charme leiwand, und auch dafür dass er seine eigene Person seine Auftritte besorgen lässt und keinen Gouvernanten-„Pressesprecher“.
Vermutlich wegen des von Ihnen angezeigten Aufpassenmüssens auf hiesige Durchschnittsbefindlichkeiten hat er in einem anderen Gespräch bereits angedeutet, in naher Zukunft nach München ziehen zu wollen.
Welche Autos er – im Jahr 2011 in den Staaten – besaß, ist hier nachzulesen:
http://www.forbes.com/sites/tamarawarren/2011/02/02/maximilian-riedel-has-a-taste-for-super-cars/«

Von wem die Rede war steht in dem Link.

26.12.2014

Angelehnt warten

Lese diesen Artikel über Stadtmöbel und muss an die Bushaltestellen von Dalian denken, deren Unterstände zum Anlehnen sind.



21.10.2014

Nach der Verzonung

Im Spectrum Herr Pirhofer zur Mariahilfer Straße, nunmehr FUZO Mahü:

Ästhetisch gelungen, da gekonnt gepflastert, bisweilen Stimmungen wie von einem »Mosaik aus dem Süden« erzeugend. Augenschein und die noch vom Saume der Ewigkeit auf die neue Gasse herabzutropfende Zeit werden ihm sicher recht geben.

Geschichtlich betrachtet ist die Zone ein Sieg der Abgrenzung eines Systems der Relaxationsbedürftigen, hervorgebracht durch niemals schrumpfende Individualisierung, die ihr Recht auf den freien Kreis für alle Bürger beansprucht. Wir alle sind Archimedes und müssen nicht einmal zeichnen können. Folge: Ekel vor der aufgezwungenen Apotheose des »Flanierens« und a-priori Hier bin ich Mensch hier darf ich’s sein-Seins (statt eines plötzlich oder zumindest saisonal festgestellen, entdeckten).
Pirhofer bemerkt den »Schwachpunkt [], dass man in der FUZO nicht liegen darf«, womit er eher die Regeln dieser Zone beschreibt als eine herauszufordernde Zukunft evoziert. Ich hoffe, es werden neue Übermenschen dieser Zone hervorkommen, die sehr wohl sich niederlegen; auf vorhandenen Sitzmöglichkeiten, auf mitgebrachten Decken und aufklappbaren Liegestühlen. Die Komfortzone ist zu beleben, es heißt radikal zu ruhen.
Ich werde der Zone in Zukunft tunlichst fernbleiben. Ich liebte die Mariahilfer Straße – ich schlenderte mit dem Auto über sie (wenn diese Wendung sag- und verstehbar ist), spazierte über sie, rannte über sie mich wundernd, weshalb sie gerade in Stressmomenten sich ausstreckte, sauste mit dem Rad durch Verkehrslücken die sich schlossen und Zeitlücken (Ampelrot), die ich aufstieß.
Und einmal, während einer der Versuchs-FUZOs an manchen Samstagen und zu »Mariä Empfängnis«, um das Jahr 2005, zerstritt ich mich mit meiner Freundin, weil ich ihr nicht auf die Straße folgte, sondern mich auf dem Gehsteig hielt wie ein Verklemmter.

22.09.2014

Abkürzung in der Megalomanie

Hier konnte ich Chinas Investitionswahnsinn, Ressourcenverschwendung, Fußgängerunfreundlichkeit und den universalen freien Wille der Füße in ein Bild fassen;








das Rot markiert die Mehrwege, die der chinesische Traum von Harmonie und Kraftfahrzeug der gehenden Bürgerin abverlangt. Der Trampelpfad rechts im Bild ist der Beweis, dass Karten auch heute noch von Füßen gezeichnet werden.

11.09.2014

Soravia Radweg

Vorschlag der Grünen, über Supermärkten und Schulen Wohnungen zu bauen. Find ich auf jeden Fall besser als Hochhäuser (die Grünen-Sprecher Chorherr ebenfalls nicht für notwendig hält). Passt zu Wien. Von Freud kam der Gedankenanstoß, ein aus allen Zeiten zusammen- und übereinandergewachsenes, nie zugrundegegangenes Rom sich vorzustellen. Am Donaukanal bereits verwirklicht, wo Zaha Hadid über der alten Stadtbahn baute. Das Konzept ist sowieso logisch und an vielen Orten gebaut, z.B. unweit der S-Bahnstation Hernals, wo von vorneweg über dem Merkur Wohnungen geplant gewesen waren.
Selber will ich angesichts des grünen Vor-Wahl-Enthusiasmus vorschlagen:
Ein Radweg-Viadukt: zwischen fünf und zehn Meter hoch, mit einer kleinen Steigung vor dem Museum Albertina....der Radweg soll über den Soravia-Wing verlaufen, von der Goethegasse her kommend (und davor natürlich von der Mariahilferstraße), und in die Leopoldstadt führen. Die kleine Steigung, die der bestehende Soraviaflügel darstellen würde, wäre eine Pointe oder ein Gag oder eine photo opportunity oder eine Anspielung auf die hohe Kunst da drinnen in der Albertina oder so.
Der Ringradweg ist ja super, aber ein direkter Weg durch die Innere Stadt wäre schon toll. Würden die Namengeber ihren Namen noch einmal stiften? etwas spenden? den Radweg glatt bauen? Bitte, Soravia Brothers.

04.09.2014

Gegen Parks, gegen Alleen

Was wird als »langweilig« empfunden? Das Wort ist Bestandteil der höheren Geschmacksurteile geworden. In der Populärkultur hat es u.a. durch den gestörten Chinesen in den Hangover-Filmen Verbreitung gefunden. Der an schriller Abstoßendheit an den Koreaner Psy Heranreichende sagt er immer »langweilig!«, wenn in seiner Umwelt die banal-brutalen Späße ausbleiben.
Zu dem Faszinierendsten, was ich in letzter Zeit gelesen habe, gehört daher der Städteplaner Camillo Sitte, der mit populärem Anspruch nichts geringeres langweilig findet als Alleen. Reihen von Bäumen an Straßen. Die Alleen gehören zu Landstraßen, die anders kaum gestaltbar seien. Der Städtebau hingegen sei eine Kunst.
Pflanzen (»Großstadtgrün«) denkt er stets als Ensemblemitglieder mit klar zugewiesenem Ort. Der einzeln gepflanzte Baum. Der von Hauswänden umgebene Garten. Urban Gardening als Bestandteil der einen Vision Sittes, Städtebau als Kunst, die in ihrer Totalität ein Vorläufer heutiger »smart city« Bewegung war.

Keine Hoffnungssaat, wie Walt Disney-geprägte Leute, oder Fans von Guerilla Gardening sie sich vorstellen mögen, die irgendwann alles aufsprengen und das Paradies ersprießen lässt.
Zu den publikgemachten Vorhaben der Wiener Stadtplanung muss ich diese, von Sittes Städtebau empfangene Einsprüche erheben.
1. Begrünung nicht in Form von neuen Parks durchführen, sondern kleinteiliger, als Gärten, und keinesfalls über ganze Häuserblöcke erstreckend, sondern in Baulücken eingefasst, in Höfen, und stets von Wänden umgeben, und von den Grünraum eröffnenden Portalen. Vor Lärm und Staub »geschützt«, wie er hinweist.
2. Baumpflanzungen nicht in Form von Alleen. Sitte waren diese nicht nur ein Ausbund an »Langweiligkeit«, sondern auch unklug, da meistens eine Seite immer weniger Licht abbekomme; unökonomisch in der »maintenance«, und, vor allem, mit ihrer Eintönigkeit und Naturhaftigkeit verdeckten sie die Bauwerke. Wer Sitte vorwerfen möchte, er sei bereits zu seiner Zeit längst überholt worden, der lese sein Buch genauer, in dem er wiederholte Male die unwiederbringliche Verlorenheit alter Stadtpracht eingesteht – ja, predigt – und bereits institutionelle Übel zu verbessern trachtet; und möge sich überlegen, ob die allerschicksten Architektengebäude, beginnend mit Loos’ Haus Michaelerplatz, gerne von Bäumen verdeckt werden wollten, und wer eigentlich vor lauter Bäumen die Stadt nicht mehr sehen möchte.
Sittes Kriterium »Abwechslungsreichtum« können Alleen sowenig wie monotone Plattenbauten erfüllen, aber von Bäumen schrecken Stadtplanerinnen nicht zurück, weil sie eine als grünhungrig vorgestellte (erhoffte) Wählermasse befriedigen und gleichzeitig ein geschlossenes Stadtbild erzeugen.
Drastisch führt das die Hauptstadt der chinesischen Provinz Jiangsu und ehemalige Reichs- und Republikshauptstadt vor, Nanjing, wo tausende während des Regimes Chiang Kai Sheks gepflanzte Platanen mittlerweile eine Pracht entfaltet haben, die der Stadt ein ehrwürdiges Flair und historische Tiefe verpassen. Ohne sie wäre Nanjing mit anderen Städten des Südostens verwechselbar – die nämlich alle, der Hitze wegen, alleendurchwachsen sind, aber noch nirgendwo die Majestät Nanjings erreichten. Daher protestieren die Nanjinger auch, wenn der Ubahnbau Platanen fällt, und werden dafür von der Partei nicht eingekerkert. Sollte Wien heute Alleen pflanzen, wird sie diese nie wieder los. Aber genauso verhielte es sich mit Bauwerken. Niemand würde die Haydn-Statue an der Mariahilferstraße wegräumen und durch eine Eiche ersetzen wollen. Insbesondere, da Haydn zum Fassadenloch im Gerngross passt:
Der Gegenentwurf. Sitte planzt Bäume einzeln und dorthin, wo sie einen Ort ergänzen; und wo sie wegen ihrer Einzigartigkeit dann besser wirken als massenhaft Bäume. Dass die meisten Wiener keine Baumreihen so wie Asiaten als Schattenkorridore, zum Schutz vor Sonnenlicht und Erhalt der weißen Haut benötigen, steht außer Frage.
Es heißt, der Grünanteil Wiens solle erhalten werden – das darf wohl so sein. Aber eine Erhöhung fände ich obszön. Unser Land ist waldreich – können wir in unserer Hauptstadt städtisch sein? Ein schicker Bewuchs, à la mode, mag da passen, ein Vollbart nicht
Und können wir eines beibehalten in Wien? die horizontale Dichte?
Es wird ja allerhand über die Notwendigkeit dichter Bebauung schwadroniert. Die einschlägigen kompetent-populären Sachbücher angelsächsischer Provenienz werden in den Buchbesprechungen so ausgelegt, als könne eine dichte Stadt alleine himmelwärts wachsen.
Denkt dabei irgendjemand an Rudolfsheim Fünfhaus? 3 Quadratkilometer, 70.000 Einwohner.

16.02.2014

Klientelpolitik

Zur repolitisierten Stadtplanung Wiens (Projekt Mariahilferstraße) im Spectrum: Stimme der Meinung des Autors zu und teile seine Raumerfahrung. Würde ihm gerne von meinen Erlebnissen als Radfahrer auf der ursprünglichen (Ubahn-Ära-)Mariahilferstraße erzählen, von der er verknappt als voll und eng spricht. Nämlich erlebte ich den Fahrradstreifen als Expressbahn durch die Straße und seine zeitweise Inanspruchnahme durch Fußgeher als willkommene Hindernisse, die die Aufmerksamkeit schärften. Die zäh rollenden Autos schätzte ich als Objekt meiner Schadenfreude, wünschte sie aber keinen Augenblick lang aus der Straße hinaus. Bin auch selbst einige Male die Straße mit dem Auto durchfahren. Die Klientelpolitik der SPÖ-Grünen-Stadtregierung befriedigt weder den Radfahrer- noch den Geh- noch den Autofahr-Klienten in mir.

12.10.2013

Die Verbergung der Pflastersteine

Verbildlichungen der zukünftigen Mariahilferstraße wurden veröffentlicht. Den Kommentierern des Presschens zischt die gehörige Portion Zornschaum aus dem Mund. Manche empören sich, schwer zu sagen ob im Ernst oder als Spitze gegen die Grünen gemeint, über die ins Bild gesetzten bzw. schändlicherweise nicht gesetzten Leute.
Die Politik bietet dem Volk eine Vision der Zukunft, um den Anschein zu erhalten, diese sei von den Bürgern mitgestaltbar. Einmal vorgestellt, wird die Vision als Scheibe benutzt, auf die alles geworfen werden kann (und zwar Dartpfeil-, nicht Diaprojektor-mäßig), was man den Politikern immer schon sagen wollte.
Die zu bestreitende Frage, ob die Mariahilferstraße gepflastert werden soll, bleibt unbestritten. Da das spitzfindige Volk zeigen muss, dass schlecht gephotoshoppt wurde (die simulierten Fußgängerinnen »schweben«), und wie toll es die Bedeutung des Fehlens von Menschenschatten auslegen kann.

Wichtiger als Trampoline, Soziologie und Utopienästhetik:

Pflastersteine legen oder nicht?
Die wagemutigen Skateboarder von New York, wie sie neulich in der dortigen Zeitung beschrieben standen, kämen auf ihnen gut zurecht, es handelt sich um flache, glatte Kunststeine.
Sie dürften tatsächlich bremsend auf Autofahrer wirken. In der Mariahilferstraße wäre das unnötig, da es hier schon bisher nur langsam voranging. Pflastersteine würden bloß zur Kennzeichnung der Mariahilferstraße als jene lässige Zone beitragen. Erst mit den Pflastersteinen würde Stadträtin Vassilakou einen auch für die Belämmerten unübersehbaren Stadtbau-Akzent setzen.
Ich persönlich will keine, weil sie mir vorkommen wie ein Provinzhauptplatz und wie ein Spießergarten und weil ich die unermüdlichen Betonplatten Hongkongs schätze.

Sollen neue Sitzbänke mit Rückenlehnen ausgestattet sein?
Rückenlehnen fehlen in der Vision fast gänzlich. Die, die es gibt, sind kantig und dienen zugleich als zweite, höhere Sitzebene. Müsste testsitzen können.
Die meisten projektierten Sitzbänke jedenfalls haben keine Rückenlehnen. Sie wären auszuhalten, hätten vielleicht sogar ergonomisch-volkswirtschaftliche gute Auswirkungen, es gibt vielleicht Leute, die keine Rückenlehnen benötigen. Ich vermute weiterhin eine Designkrise und bevorzuge angenehme Sitzbänke.

Soll die alte Mariahilferstraße wiederhergestellt werden?
In dieser Petition wird diese Forderung erhoben. Ich hatte überlegt, zu unterschreiben, finde sie aber reaktionär, besserwisserisch und gesättigt-bourgeois-dekadent.

17.09.2013

Occupy le banc

Freute mich, als ich Isabel Miramontes‘ Kunstwerk, »Le Rendez-vous«, Spanien, Bronze, 2013, vor dem Hongkonger Kaufhaus Lane Crawford entdeckte. Ein gefundenes Fressen für meinen Weltschmerz über das Verschwinden der Rückenlehne im öffentlichen Raum – und ihr Auftauchen im Raum der Kunst. Wenn ich derzeit einer Bewegung beitreten wollte, dann jener, die das Sitzverbot für diese Kunstwerk-Bank bricht. Dieses Verbot wird von Bewachern (siehe Foto, ich fragte den Herren, ob man sitzen darf), und spätabends von Stahlgestellen (das sah ich später), und grundsätzlich vom Menschen mit dem krummgesessenen Rückgrat gewährleistet. Besetzt diese Bank. 

27.08.2013

Praxis vs. Vassilakou

Die Praxis wehrt sich. Neues von der Mariahilferstraße.
Die Busfahrer wehren sich frechlich, indem sie eine Riesenschleife ohne Anhalten um die Mariahilferstraße machen. Sie wollen aufzeigen, wie umständlich die Politik der Stadträtin ist, und werden ihr – schönes, schlichtes – Ziel erreichen: eine Überquerung der Mariahilferstraße, kein Befahren mehr durch aus dem Süden kommende 13A-Busse.
Die Berufsradler wehren sich gelassen: konzentriert auf ihre Arbeit, wie ich dieser Anekdote des (einfach gestrickten) Herzogs/Greenbergs »theophrastus« entnehme:

»Gestern in der Fuzo...
.....gehe zum ersten Mal auf der Strasse, als mich fast ein Radbote niederfährt-der Kerl hatte gut 50 Sachen drauf und sagte weder muh noch mäh ehe er hurtigst entschwand. Daraufhin wurde ich aufmerksamer und es dauerte keine 7 Minuten, bis der nächste Raser daherrauschte-mit Helm, Sturmbrillen und einem Outfit, dass man Angst bekommt. Ich-nicht schüchtern-rufe ihm zu, dass da Schrittgeschwindigkeit gelte; er zeigt mit den Finger,dreht den Kopf zu mir und brüllt

„ . . . . . .  a b e r  n e t  f ü r  m i -  I  b i n  i m  D i e n s t ! “

- und weg war er. Tja, ich denke, dass man sich wohl sehr bald die Bosse der Fahrradbotendienste vorknöpfen wird müssen- die müssen ihren Leuten klarmachen, dass Raserei in der Mahü kein Kavaliersdelikt ist und sehr bald empfindlich Geld kosten wird.«


Ich verleihe dem Fahrradboten den Titel Kurier des Jahres 2013. Man soll ihm lebenslang seine Radverkehrsstrafen bezahlen. Man soll übrigens eine Fahrradstrafen-Versicherung gründen.
Dem Fußgänger und Tastaturhelden theophrastus wünsche ich, dass er seine brillante Aufmerksamkeit verlieren und ein bisschen schüchterner werden möge. Dann muss er sich über diese Schlimmheit da in der Welt keinen Kopf mehr zerbrechen!

17.08.2013

Jean Jacques Rousseau Straße

Die neue Mariahilferstraße erlöst den Fußgänger endlich von der Pflicht, den Blick auf die eigentliche Welt zu richten. Der Siegeszug der Rousseauschen Urlaubsethik setzt sich in der banalsten Wirklichkeit, im eigentlichsten Alltag, in der typischsten, meistzitierten »Lebenswelt« durch: der Kahn, in dem Rousseau schwärmt und sich von der Mitwelt löst, ist in der Straße angekommen. Jeder darf in seinem imaginären Schiffchen über die Straße treiben.
Gestern wurden die Verkehrsregeln zur Fußgängerzone in Kraft gesetzt, Politiker der Grünen Partei stellten sich für einen Photoshoot stolz auf die Straße. Die triumphierende Verkehrsstadträtin Wiens und ihr »probeweises« Projekt. Freudig neben der 20 km/h-Markierung der Zone, in der Autos, Radfahrer und Fußgänger gleichberechtigt sich »begegnen« dürfen. In einem Zeitungskommentar fragt jemand: Sollte sich die 20 km/h Zone nicht nach den Langsamsten richten, sind 20 km/h nicht noch immer zu schnell?
Eine politische Frage; die Schwesterfragen: Sollen in der Schule nicht die Besten sitzenbleiben, bis auch die Schlechtesten durch den Stoff sind? Sollen die Wiener sich nicht nach den Langsamsten auf der Mariahilferstraße richten, den Punks – und in ihren Autos herumhocken, anstatt irgendwohin zu wollen?

09.08.2013

Wohnen im Erdgeschoß

Foto: Wilhelm, 1774














Nach dem aller Wahrscheinlichkeit nach heute erfolgenden Konkurs der Schlecker-Nachfolgefirma Dayli kann man sich auf Umwandlung vieler der hinterlassenen Geschäftsräume in Wettbüros gefasst machen. Was okay ist, soll der Pöbel sein Geld in Spielautomaten reinstecken.
Aber aus kleineren Geschäftslokalen, die schon seit längerem leerstehen, sollen private Wohnungen entstehen, finde ich, dann sähen die Straßen nicht so öde aus, die Wohnungspreise könnten wegen erweitertem Angebot etwas fallen, und die Stadt Wien könnte Lorbeeren für politischen Realismus ernten: wir brauchen heute nicht mehr so viele kleine Geschäfte.