Er schuf ein Einkaufszentrum in der Stadt statt draußen,
gab reichlich Stoff den Boulevardzeitungen seiner Zeit, setzte super
Öffnungszeiten gegen die Trägheit seiner Landsleute durch, und wie ich neulich
sah, ist die Lugner City auch auf dem Dach, und im bekannten, allmählich klassischen Schriftzug, gekennzeichnet:
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07.08.2017
08.11.2015
Entwicklungsland Mariahilferstraße
Mit der Stilllegung von Straßen
und der Zuteilung des gewonnenen Raumes an Gehende und Sitzende versperren die
Grünen in Wien der Weiterentwicklung des Individualverkehrs den Weg.
Auf der Mariahilferstraße gab es früher zwei Fahrradstreifen und auf diesen größere Bewegungsfreiheit für Radfahrer als in der neuen Begegnungs- und in der Fußgängerzone. Da war Eine Bahn – respektiert von Autofahrern und Gehenden. Frei zur Entfaltung des Vorwärtsdranges. Radeltest du gemächlich, mussten schnellere Radfahrer hinter dir, analog zum Autofahren, sich gedulden und auf eine Überhol-Gelegenheit warten. Diese bot sich im ohnehin stockenden KFZ-Verkehr und an Ampelkreuzungen oftmals. Schnelle Radler kamen schneller und gemütlicher vom Europaplatz zur Hofburg, gemächliche gemächlicher und immer noch schnell.
Heute
herrscht ein Durcheinander »freier« menschlicher Bewusstseinssysteme, die alle
ihrer Wege gehen. Es gibt mehr sich kreuzende Wege als zuvor, und Radfahrer
müssen sich mit jeder Befahrung aufs Neue Ordnung schaffen.
Es geschah, dass ich einem Fußggängerpaar auswich und einen von hinten kommenden
Radfahrer am Fortkommen auf seinem imaginären Weg behinderte.
Aufpassen! knurrte er.
Ich bat um Verzeihung. Ärgerte mich sofort darüber. Wozu die Untertänigkeit? Einen Zusammenprall hätte er verantworten müssen, weil Auffahrunfall: Auffahrender schuld. Die Regel ist aber außer Kraft gesetzt!
Aufpassen! knurrte er.
Ich bat um Verzeihung. Ärgerte mich sofort darüber. Wozu die Untertänigkeit? Einen Zusammenprall hätte er verantworten müssen, weil Auffahrunfall: Auffahrender schuld. Die Regel ist aber außer Kraft gesetzt!
Es
beginnt bei den Gehenden. Die gehen. Und ihr Recht dazu gilt nun auf
der gesamten Fläche der Mariahilferstraße. Sie üben es aus, manche rücksichtslos, schwierig zu polizieren.
Dann komme ich dahergerollt – keine Rede mehr von permanentem Durchtreten der Pedale – und weiche den überall kreuzenden oder fortwärtsschlängelnden Gehenden aus: und zwar zugegeben ohne zu beachten, was hinter mir geschieht: das Radfahr-Äquivalent zum Seiten-Spiegel-Seitenblick ist ausgeschaltet. Sind ja keine (besonders schnellen) Autos zu beachten.
Hinter mir jedoch der Radfahrer »verhandelt sich seinen Weg« (wie es in der englischen Sprache hieße) über eine auch für ihn »freigeschaltete«, grenzenlose Fläche mit beliebig wählbarer Route. Für ihn ist ausgeschaltet die Regel, dass er Langsame vor ihm verschonen muss. Wenn ihm nunmehr etwas in die Quere kommt, ist er wütender, als er früher auf dem Radfahrstreifen der alten Mariahilferstraße je hätte sein dürfen.
Eine Kettenreaktion der Rücksichtslosigkeit!
Dann komme ich dahergerollt – keine Rede mehr von permanentem Durchtreten der Pedale – und weiche den überall kreuzenden oder fortwärtsschlängelnden Gehenden aus: und zwar zugegeben ohne zu beachten, was hinter mir geschieht: das Radfahr-Äquivalent zum Seiten-Spiegel-Seitenblick ist ausgeschaltet. Sind ja keine (besonders schnellen) Autos zu beachten.
Hinter mir jedoch der Radfahrer »verhandelt sich seinen Weg« (wie es in der englischen Sprache hieße) über eine auch für ihn »freigeschaltete«, grenzenlose Fläche mit beliebig wählbarer Route. Für ihn ist ausgeschaltet die Regel, dass er Langsame vor ihm verschonen muss. Wenn ihm nunmehr etwas in die Quere kommt, ist er wütender, als er früher auf dem Radfahrstreifen der alten Mariahilferstraße je hätte sein dürfen.
Eine Kettenreaktion der Rücksichtslosigkeit!
Der
Raum der Radfahrer wurde enteignet. Früher hatten sie ihren Streifen, ihre Bahn; heute Öffentlichkeit, »Begegnungszone«, Umständlichkeit. Wie in einem Entwicklungsland geht es zu, seitdem die
Grünenauf das »Reset« des
Städtebaus drückten. Es ist besser, auf ein Entwicklungsland hinabzublicken und es spannend zu finden, als in einem zu leben. Auf tabula rasa folgt die Neuschaffung von Regeln. Hierbei scheint mir die Vielzahl der Fußgänger, unter demokratischen Bedingungen, im Vorteil zu sein.
12.10.2013
Städter (pej.)
Es
gibt einen Städter in dem Sinn, wie es ein Landei gibt. Er kennt
Verhaltensweisen nur aus seiner Stadt. Seine Stadt ist nicht die kultigste der
Welt oder er ist in ihr nicht gerade dem Füllhorn der möglichen Wahrnehmungen
ausgesetzt. Für dieses alte Phänomen habe ich gerade nur zwei Beispiele parat:
Wer beim langen Bergabfahren dauernd auf der Bremse steht, ist entweder Wiener oder
Holländer. (Diesen Vorwurf an städtische Autofahrer als bergtrottelig abzuweisen wäre kaum mehrheitsfähig. Autofahren und Motorbremse sollte der Städter beherrschen, zumindest wenn er autofahren möchte.)
In einer chinesischen Küstenstadt lernte ich
den Städter kennen, der nachts grundsätzlich mit Fernlicht fährt, da er
scheinbar nie in die Dunkelheit kommt, um dessen ursprüngliche Funktion
erproben zu können. Er muss es einschalten, wozu hat er sein Auto? Dass er
andere blendet, fällt ihm nicht ein, da er selber von den vielen andern Blendern geblendet wird und es für
normal hält. Oder weil er verdunkelte Fensterscheiben hat, die in diesem heißen Landstrich weitverbreitet sind.
In dem Fall wäre ich der wenig urbane (lies das englische Wort urbane) Autofahrer: das dritte Beispiel, so wie Brad Pitt in Se7en die siebente Todsünde: zu kleinkariert, die Fensterscheiben zu verdunkeln und das übergrelle Stadtlicht und Nachtcruisen zu genießen wie Nachtschifahren.
In dem Fall wäre ich der wenig urbane (lies das englische Wort urbane) Autofahrer: das dritte Beispiel, so wie Brad Pitt in Se7en die siebente Todsünde: zu kleinkariert, die Fensterscheiben zu verdunkeln und das übergrelle Stadtlicht und Nachtcruisen zu genießen wie Nachtschifahren.
06.04.2013
Gemächlich Hochhäuser bauen
Der
aktuelle Wiener Hochhausdiskurs als Lehrmaterial für politische Begriffe.
Fotos: Wilhelm, 1774 (2013)
Reaktionär: Die
Wiener Aktivisten verhindern den Bau des Hochhauses auf dem Grund des
Eislaufvereins und reißen das Hotel Intercontinental nieder, da bereits dieses
gegen die Prinzipien des Denkmalschutzes verstieß. Der Sündenfall muss
rückgängig gemacht werden.
Marktwirtschaftlich.
Man lässt die »Investoren« bauen, wie sie wollen. (Sie werden einen gewaltigen Turm hinsetzen. Vor ihm werden Sitz- & Liegeobjekte à la »Enzi« hingestellt. Die Öffentlichkeitsarbeiterin der Investoren und Erfinderin der Enzis wird von der Notwendigkeit dichten Bauens sprechen und diesen
Wohnturm »Vorzeigeprojekt« nennen.)
Konservativ. Das
Wohnbauamt schreibt vor, das Intercontinental stehen zu lassen, da es zum
Stadtbild dazugehöre mittlerweile, und, als neueres Denkmal, dieselbe Pflege
benötige wie andere alte Bauten. Für das neue Wohnhochhaus daneben werden »strenge
Richtlinien« erlassen die Höhe betreffend;
Progressiv: ...das
Wohnhochhaus darf das Intercontinental nur so weit überragen, dass der Eindruck einer gemächlichen Steigerung entsteht, gemächlich-g'mütlich-wienerisch; eh gut. Übersetzung: »harmonisches
Wachstum«.
Die zeitgenössische chinesische Architektur zur Anschauung gemächlichen Überragens und over-the-top-Überragens: 1) Eine Wohnhausanlage in Cixi, Provinz Zhejiang; 2) Ansicht eines Kolonialgebäudes in Dalian, hinter dem ein Bombast-Breithochhaus prunkt.
Fotos: Wilhelm, 1774 (2013)
21.03.2013
Straßenbau in Cixi
Xincheng Dadao Ecke Kaifa Dadao an ihrem ersten Frühlingstag nach Sanierung, 21.3.2013. Man kann Nebengedanken ablegen und loben. Es ist eine gelungene Kreuzung.
《Sieg der Stadtplanung über den gemeinen Rollerfahrer》
《Sieg der Stadtplanung über den gemeinen Rollerfahrer》
03.02.2013
Die Erziehung des Handys
Heute in Hongkong, als bei Begehung der Nathan Street, nach kurzem Schlaf und gutem Frühstück (eine gute Voraussetzung), ein kurzes Feuerwerk von Reflexivität in meinem Hirn aufging, blieb mir nichts anderes übrig, als die querschießenden, unverhoffte Verbindungen herstellenden Gedanken aufzuschreiben, im Moment ihrer schönsten Feuerblüte, bevor sie für immer verpuffen, und die Synapsen sich auflösen würden, und ich stellte mich zu einer der Hongkonger Müll- & Aschentonnen, zündete mir eine Zigarette an, und notierte per Swype in mein Samsung Smartphone.
Die Freude ging während des Notierens weiter, ich vermerkte mit Staunen, wie sorgfältig ich die drei vier Gedanken in Worte fassen konnte. Als ich die Buchstabenfolge zum notwendigen Wort "Toyota" überwischte und tatsächlich das Wort "Toyota" erschien, war ich glücklich. Als ein anderes Wort nicht funktionierte, tippte ich es mit Geduld ein, im Wissen, dass die Erinnerung dieses Systems perfekt funktioniert (als ich zum ersten Mal, als Grußwort am Ende einer SMS, meinen Kurznamen "Chri" schreiben wollte, kam heraus "LG Furz", mittlerweile kennt das System mich und meine Schwestern und das Kaff Cixi in dem ich wohne etc.)
Und der nächste Gedanke passierte, der Schicksalsgedanke war wieder einmal da. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich gerne einem technischen System etwas "beigebracht". Ich glaube jetzt, die Gefahr meines Lebens ist, dass alle meine Wünsche, zu erziehen, von technischen Geräten befriedigt werden können, und der herkömmliche Weg der Erziehung, die Erziehung eines Kindes, von mir nicht gegangen wird.

04.06.2012
Urban stretch, rural relief
Voriges Jahr habe ich aus Spaß einen jener möchtegern-tiefsinnigen Werbetexte geschrieben, die einem Industrieerzeugnis Sinn und einen geschichtlichen Ursprung verleihen sollen. Es geht um die neue Produktreihe eines Unternehmen, das Garne herstellt.
As Hans Magnus Enzensberger, a writer, once described the German-speaking chattering classes, »Goethe is everybody’s grocery store, everybody can take out of him what is pleasant for the moment.« We too are taking his as a ready-made functional tale.
Although by no means a metropolis, Weimar acquired all the
structural features of a modern city when Goethe served there as minister for
the dukedom. He experienced power struggle, deficits, and urban development.
Striving for time to write, like Kafka would be 100 years afterwords, Goethe
decided to resign. After ten years of hard work as secretary for infrastructure
and defence, taking his what would nowadays be called »genius hour« (or, at
Google, plain »free time«) was not enough. He fled to Italy and spent two years
there. He now could enjoy in space what
had entertained him, in the form of an education in Latin and Greek, since the
age of 6. He equipped himself with impressions, feelings and knowledge that
would serve him as a life time storage for the works to come – among them the
staple of world literature, »Faust«. As an old man, he still wished to continue
his work, and be reborn into a new body. Goethe's journey through Italy is one of the most prolific time-outs in history.
As Hans Magnus Enzensberger, a writer, once described the German-speaking chattering classes, »Goethe is everybody’s grocery store, everybody can take out of him what is pleasant for the moment.« We too are taking his as a ready-made functional tale.
But we see in Goethes life and experiences so much
forebodings of ours, we must admit we cannot ignore him. With his
proclamation of »how happy he is that he is away« in his bestseller »Werther’s
Sorrows« and his description of the everlasting human efforts to expand our
world into space in his posthumous »Faust II«, he reminds us that human life
unalterably consists of expansion and shrinking, of industrious caring for
things and of carelessly, even recklessly escaping them.
We at *** call these forms »urban stretch« and »rural relief«. We created two new types of yarns for these occasions.
We aim to contribute to the best fabrics for people, who by being human must go from
»stretch to relief, and from relief to stretch«, or, in Goethes terms obviously, from heaven through earth to hell,
and then back upward to heaven.
Like Goethe, who cherished his best suits all the time, anybody wearing fabrics of *** yarns will like them for being a reliant, always functioning, always pleasing mate.
Like Goethe, who cherished his best suits all the time, anybody wearing fabrics of *** yarns will like them for being a reliant, always functioning, always pleasing mate.
11.08.2011
Mythologie der Scheiße
1. Vorwort
2. Der Mahnkacker
1.
Es wird soo viel über die Analversessenheit »der Deutschen« geredet! In Vanity Fair ein grandioses Geschwafel zum deutschen Verhalten in der Schuldenkrise: erfreut dem Dreck zusehen, aber unbefleckt. Der Linguist Hans Martin Gauger erforscht das deutsche Schimpfen: exkrementell statt sexuell. Und Charlotte Roche legt ihren neuen Roman mit einer Stelle über Stuhlwürmer vor, mit der sie zeigt, dass »sie sich im Analthema weiterhin von niemandem etwas vormachen lassen will.«
Was ich gut finde! Man flüchtet sich manchmal gerne hinter die Klischees seines Volkes. Nach der Logik: Deutsche »gründlich« – ungründlicher Deutscher möchte auch so sein und bezeichnet sich eifriger als Deutscher, als er müsste.
Klischees sind Charakterisierungen der witzigsten oder übelsten Typen eines Landes. Die Analversessenheit der Deutschen könnte man als Facette ihres über scheinbar uninteressante Dinge produktiv brütendes Wesen sehen, das die interessanten Bücher Kants, Schellings, Fichtes hervorgebracht hat (und Heideggers).
Daher, aus Traditionsbewusstsein, mache ich mich für das Analklischee stark, und freue mich diebisch über die kräftigen Lebenszeichen des deutschen Scheißeweltgeistes. Wir sitzen auf einem Alleinstellungsmerkmal und werden doch nicht leichtfertig drauf scheißen.
Denn nationale Klischeedenkfiguren haben es heutzutage immer schwerer, sich unter der irrwitzigen Neustruktierung, dem Hyper-Perspektivismus der Algorhitmen und der vorherrschenden Dekonstrukion allgemeiner Aussagen in Kommentaren und Foren als Mainstreampositionen zu behaupten.
Irgendwann kommen sie dann in Form einer kompensierenden Überanstrengung zu Tage. Slavoj Zizek hat einmal gesagt (in der Weltwoche), dass das Zusammenleben der Völker im ehemaligen Jugoslawien so lange funktioniert hat, wie sie einander in derben Witzen verarschten.
Lang leben Völkerklischees, lang lebe Verarschung! Ich rufe Frau Roche ein lautes »Bravo!« zu (und gratuliere ihr zu ihrer »Entpuppung als großartige Autorin«, wie es in der taz heißt), und stelle einen kleinen Beitrag aus meinem geheimen Ekeljournal, »Grindige Einfälle«, der weltweiten Gemeinschaft der an »Deutschem« Interessierten zur Verfügung.
2.
In Berlin suchte man des liegen gelassenen Hundekots auf den Straßen Herr zu werden und schrieb einen Wettbewerb für Hundehalter-Erziehungsplakate aus. Aus den Einsendungen zu demselben konnte allerdings eine zerstrittene Jury keinen klaren Sieger hervorloben, und sich nur auf die Affichierung einer harmlosen Moralplatitüde einigen. Aber diese wirkte nicht – und der Kot blieb liegen.
Ein redlicher Citoyen war darüber dergestalt in seiner Hoffnung an die Besserung seiner Mitmenschen enttäuscht, dass er, eines Nachmittags, sich aufmachte, einen Hundehälter zu disziplinieren.
Als er nach einer Stunde eifrigen Herumgehens und -spähens eine 50-jährige, silberne Ohrringe und Halsketten tragende Frau sah, die ihren Beagle sich entledigen ließ, aber keine Anstalten machte, den Abfall zu entsorgen, und sich in Richtung des erbosten Rächers bewegte, und, aber ohne Scham, an ihm vorbeizugehen vorhatte, öffnete dieser seine Hose, kniete nieder, und schiss zwei Knödel ab, gefolgt von einem kleinen Würstchen, das er diesen wie ein Spitzhäubchen aufzusetzen durch eine kreisende Bewegung seiner Hüften vermögend war. – Dies sprach sich herum, und nach einigen Tagen verzeichnete das Statistikamt der Stadt eine geringere Kotbelastung auf den Straßen.
(– aus hündischem Ursprung; jene der Menschen war gestiegen, da sich »fanatische Anhänger eingefunden hatten«.)
25.07.2011
Wien gehört vergrößert
Bin zur Zeit in China und habe erst neulich mir den Weg durch die Große Feuermauer gebahnt. Bis dahin hatte ich mich dazu herabgelassen, auf diepresse.com Kommentare zu verfassen.
Von diesen Perlen in der Sau erscheint mir nach wie vor interessant: mein »policy«-Vorschlag für ein schöneres St. Pölten und ein mächtigeres Wien, anlässlich eines Artikels, der die im Jenseits liegende Landeshauptstadt mit den üblichen Hinweisen auf zwei drei »urbane« Schauplätze schönzureden trachtete. Hier neu gepostet:
Die genannten Institutionen geben dem St. Pöltener Gulasch nicht viel Saft und gehen anderswo ab. Wie bereichert wäre Wien, wenn es ein weiteres Theater- und Konzerthaus (Landestheater NÖ), das Tonkünstlerorchester, das Cinema Paradiso und noch mehr Studenten hätte!
All diese Institutionen und die Landespolitik sollten nach Wien (zurück)ziehen. Die verbliebenen Regierungs- und Fachhochschulgebäude könnten in Altersheime verwandelt, St. Pölten das Zentrum des deutschsprachigen Raums für alte Leute mit bescheidenem Vermögen werden. »Pensionisten-Kompetenzzentrum« würde es ein Bürokrat nennen, aber das wäre überflüssig. Es reicht, auf die Bedeutung des Stadtnamens hinzuweisen. St. Pöltens Namenspatron, der heilige Hippolyt, wird laut Wikipedia »bei Altersschwäche« angerufen: Nomen es omen, semper et ubique, herr berndschiller.
Aus folgenden Gründen hätte das Sinn:
• Glanzstoff is gone – es stinkt nicht mehr, man kann die Stadt in ein schönes ruhiges »niederösterreichisches Florida« für Rentner verwandeln.
• Es wäre immer noch eine Stadt, d.h. dicht genug besiedelt, um Gesundheitseinrichtungen rentabel zu machen und alte Leute vor Einsamkeit zu bewahren.
Das ist meine aufrichtige Meinung und, wie ich finde, ein super, kostenloser Vorschlag für ein politisches Programm – einerseits zur Förderung des Weltstadtrufes Wiens und andererseits zur Nutzung St. Pöltens.
St. Pöltens Institutionen gehören nach Wien
All diese Institutionen und die Landespolitik sollten nach Wien (zurück)ziehen. Die verbliebenen Regierungs- und Fachhochschulgebäude könnten in Altersheime verwandelt, St. Pölten das Zentrum des deutschsprachigen Raums für alte Leute mit bescheidenem Vermögen werden. »Pensionisten-Kompetenzzentrum« würde es ein Bürokrat nennen, aber das wäre überflüssig. Es reicht, auf die Bedeutung des Stadtnamens hinzuweisen. St. Pöltens Namenspatron, der heilige Hippolyt, wird laut Wikipedia »bei Altersschwäche« angerufen: Nomen es omen, semper et ubique, herr berndschiller.
Aus folgenden Gründen hätte das Sinn:
• Glanzstoff is gone – es stinkt nicht mehr, man kann die Stadt in ein schönes ruhiges »niederösterreichisches Florida« für Rentner verwandeln.
• Es wäre immer noch eine Stadt, d.h. dicht genug besiedelt, um Gesundheitseinrichtungen rentabel zu machen und alte Leute vor Einsamkeit zu bewahren.
Das ist meine aufrichtige Meinung und, wie ich finde, ein super, kostenloser Vorschlag für ein politisches Programm – einerseits zur Förderung des Weltstadtrufes Wiens und andererseits zur Nutzung St. Pöltens.
12.01.2011
In China bleiben Räder stehen
Auf den Sätteln der öffentlichen Fahrräder einer Stadt in der Provinz Sichuan sind keine Hintern, sondern Staub.
18.11.2010
Zwei gegensätzliche Radfahrgedichte
Die Semantik professionellen Radfahrens ist in China positiv besetzt und ist dort in die allgemeine Hoffnung auf Wohlstand eingebunden. Ich bin auf zwei westliche, Radfahren beschreibende bzw. streifende Gedichte gestoßen, die vor gut hundert Jahren entstanden – als Industrialisierung und Mondialisation im Westen umgesetzt und die Menschen hier in einer vergleichbaren Situation waren wie heute die Chinesen. Wie stand die deutsch(sprachig)e Intelligenz zum Radfahren?
1. Fortschritt feindlich
Ferdinand von Saar stellt Fahrradkleidung – in der ich mir, hoffentlich adäquat interpretierend, Profis, Tüftler und ehrgeizige Dilettanten vorstelle – in eine Reihe bemerkenswerter Reaktionarien und Einsichten:
Fin de siècle (1899)
So jagt hinein denn jauchzenden Größenwahns
Mit Korybantenlärm und in Fahrrad-Dreß,
Elektrisch und auf Flugmaschinen –
Jagt nur hinein in die nächste Zukunft!
Denn euch gehört sie – Männern der Überkraft,
Den letzten Fußtritt gebt der Vergangenheit,
Gebt allem Edlen, das ihr immer
Bitteren Hasses verlacht als Torheit!
Entrollt das Banner geistigen Strebertums,
Vermannte Weiber! Brütet erfindrisch aus
Die hohen Satzungen des lesbisch
zwitterverheißenden Frauenstaates!
Bekränzt mit Lorbeeren selber, ihr Künstler, euch!
Nicht in Gestalten, nur in Symbolen schafft –
Und im Verzückungskrampf der Ohnmacht
Lallt eure Lieder, ihr jungen Dichter!
Auf! Auf! Vorwärts, modernes Titanenvolk!
Ein neu Jahrhundert, sieh, es empfängt dich schon –
Doch nicht zum Siege: nur zum Taumel
Eines verworrnen Pygmäensturzes!
2. Fortschritt affirmierend
Richard Dehmel schreibt auf das Radfahren eine Hymne mit lässigen Szenen. Die Fortschrittspointe: Das Radfahren sei besser als was zu Goethes Zeit vorhanden war. Dass Goethe solche Gedichte schrieb wie jenes vom Harfner...
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte
[die den Menschen in ein »schuldvolles Leben« führen, näml. Inzest]
...liegt daran, dass kein Fahrrad vorhanden war: und so musste der Harfner in Wilhelm Meister sich umbringen, Goethe griesgrämig gehen oder, was er gar nicht so gern mochte, reiten; – und Schiller bei seinem manischen Flugpferd-Gehabe bleiben. Denn:
Radlers Seligkeit (1891)
Wer niemals fühlte per Pedal,
dem ist die Welt ein Jammertal!
Ich radle, radle, radle.
Wie herrlich lang war die Chaussee!
Gleich kommt das achte Feld voll Klee.
Ich radle, radle, radle.
Herrgott, wie groß ist die Natur!
Noch siebzehn Kilometer nur.
Ich radle, radle, radle.
Einst suchte man im Pilgerkleid
den Weg zur ewigen Seligkeit.
Ich radle, radle, radle.
So kann man einfach an den Zehn
den Fortschritt des Jahrhunderts sehn.
Ich radle, radle, radle.
Noch Joethe machte das zu Fuß,
und Schiller ritt den Pegasus.
Ick radle!
3. Für welches Gedicht vote ich?
Für Dehmels. Man kann es ruhig naiv als ehrlich gemeinte Hymne lesen. Man kann darauf verzichten, über das Berliner Lokalkolorit am Ende zu grübeln; da mag vielleicht tieferer Sinn sein, aber den lassen wir schlummern.
Zu solch erbaulichen Texten sind die Deutschen immer noch fähig: Ich denke an ein Lied der »Ärzte« – »....Gestern ging es allen dreckig, heute geht es steil bergauf; jeder hat sechs Richtige, alle sind total gut drauf....«; und ich denke an Rafael Horzon, der, aus tränennassem Bett, zu neuen Taten aufstand, aus seinem Leben »einen bedeutungsvollen Text gemacht« und, weniger life-as-literature-artig gesprochen, ordentlich Geld verdient hat.
Zum Verlierer. Von Saar hat es von vornherein schwer bei mir gehabt, denn er ist adeliger alter Wiener. Diesen Menschentyp haben Weltgeschichte, Richard Strauss und Vladimir Nabokov mir für immer als Archetypen des Uncoolen verklärt. Meine Voreingenommenheit ist unfair, aber plausibel:
Weltgeschichte – davon habe ich mir nur gemerkt, dass ein alter Austriakenkaiser uns in die Scheiße geritten hat.
Richard Strauss – umgibt gute Personen mit böser Musik (Salome, Elektra) und böse Personen mit dem himmlischsten Walzer (Ochs von Lerchenau) [Susan Sontag hat eine gewisse Aufführung in ihre Camp-Liste aufgenommen, damit coole Städter ja wissen, dass sie sich vom uncoolen Wiener Schleim distanzieren müssen].
Vladimir Nabokov – besetzt den Roman Pnin mit lauter unsympathischen Professorengestalten, darunter »the newly imported Austrian scholar, Dr. Bodo von Falternfels«.
Zudem schreibt Nabokov in seinen Berliner Tagebüchern, dass die Straßenbahn etwas Altmodisches an sich habe. In den 1920ern eine verdammt coole Aussage. Wer möchte nicht die Erscheinung der Tramway lieber als etwas Altmodisches erlebt haben – oder meinetwegen (wie, glaube ich, Nietzsche in Turin) als Entzückendes –, denn als fürchterliche »nächste Zukunft« (»Elektrisch und auf Flugmaschinen«)?
Zusammenfassend kann ich sagen: Richard Dehmel schafft es in seinem Gedicht, Radfahren als etwas Entzückendes darzustellen, Freude an einer neuen Menschenerfindung auszudrücken.
Ferdinand von Saar stellt das Bild vom »Fahrrad-Dreß« in eine Aufreihung von Neuerscheinungen, die ihn nichts angehen und die ihm angenehmen, liebgewonnenen Dinge, »alles Edle«, verdrängen. Sie tun dies »jauchzenden Größenwahns« und »hineinjagend«; Saar gebraucht eine Sprache hoher Geschwindigkeit, bemüht die Idee des »Veloziferischen«. Er betreibt aus zurückgelehnter Perspektive Kulturkritik. Das Phänomen des Radfahrens kann er dadurch nicht lobend würdigen. Er stellt sich außerhalb des Kreises der Velopeden, wie einst Roland Barthes, wenn er Mythen dekonstruierte: »Die Tour de France, den guten französischen Wein entziffern, heißt sich von jenen absondern, die sich daran erfreuen.«
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