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07.10.2015

Heideggers Unterschrift

Insgeheim – im Ver-Borgenen – hat Martin Heidegger so unterschrieben:

22.08.2014

Deflation, Inflation, Deflation

Lese »Uniqlo Syndrome«, die ungehemmten Feststellungen des Autors, Kensuke Kojima, entzücken mich, er wird ganz miesepetrig angesichts der jungen Generation Japans, die dem Verlangen nach Selbstverbesserung den Rücken kehre und in einen »sparsamen, niedriggradigen Lebensstil« versinke und in einem »kindergartenartigen Gutfreundsozialismus« Unterschlupf finde, während »their mentors have to care for them like kindergarten children.«
Ihren scheinbar unfreiwilligen Hedonismus fängt er haiku-lakonisch so ein: »buy fashion easily after looking at pictures of them on mobile phones.«
So eine Mischung aus betriebswirtschaftlicher Studie und schräger nominalistischer Kulturkritik, ohne die elendlangen Storys, die englischsprachige Journalisten gerne drücken, kannte ich bislang nicht. Annähernd, von einer anderen Seite her, bei Houellebecq.
Gewand von Uniqlo kenne und kaufe ich seit mittlerweile drei Jahren, da in meiner Heimat Österreich noch kein Geschäft dieser Kette aufgemacht hat und ich in meinen Uniqlo-Jeans, Socken, Airism- und HeatTeach-Leiberln und, neuerdings, wunderbaren button-down-Polohemden mit Brusttasche relativ einzigartig dastünde. Stünde ich bloß dort, in der Heimat, da!
Ich weile ihrer fern. Dangling Man von Saul Bellow las ich, als ich 2012 in der Heimat der Ferne entgegenwartete; heute schmökere ich auf Elitepartner.at nach Gefährtinnen für die Zeit nach der Rückkehr nach Europa. Einerseits mache ich empirische Bestätigungen dessen, was ich 2008 bei Eva Illouz zum Thema gelesen hatte; andererseits kommt es mir normal vor, nun zu dieser Art der Partnersuche zu greifen. Im Grunde genommen sollten Elitepartner, Parship und Facebook Ein Netzwerk sein, aber die Restskrupel in der Gesellschaft sind noch zu groß. Mark Zuckerberg weiß das und wartet, aber ungeduldig.
Jedenfalls habe ich mich zwei Mal schon dabei ertappt, wie ich meine Freundin (die mit den Tritten) fragen will: »Da hat mich jetzt diese Vorstandsassistentin angeschrieben und ihr Foto freigeschaltet, die ich ganz interessant finde, was denkst du?«
Irgendwie bin ich noch ein ganz furchtbarer, schwätzerischer Bub. Das Wort vom good-companion socialism trifft es vielleicht nicht, aber es hat Identifikationspotential. Ein Leben wie ein Schwimmflügel, es kommt immer diese Luft heraus, dann bläst man halt wieder rein. Und dann kommt die Luft wieder heraus.
Es würde mich nicht wundern, wenn das ganze nicht in einer Tragödie endet, sondern ebenso godotisch weiterklänge, wie es irgendwann einmal angefangen hat: Deeeeflation! Iiinflation. Deeeflation. Irgendwer hätte das damals abfangen und mir eine Ohrfeige verpassen müssen. Mein Mentor in der Jugendzeit hat es geahnt und es versucht, 1999, als er mich aus dem Zelt zerrte und zu einer nächtlichen Strafexpedition schleppte. Aber ich habe irgendwann angefangen zu weinen und da ist er weich geworden. Heute macht er, mein Vorbild, eine Coachingausbildung, genauso wie der Vorsitzende der Neos eine gemacht hat und der schreckliche Typ aus dem ORF, der seinen Kindern Kaffeetrinken verbat, damit sie auf härtere Drogen gar nicht erst kommen. Ja, der mit der Glatze. Der immer so tief sprach, dass sein Adamsapfel ihm auf der Speiseröhre kratzte.
Vielleicht hätte ich beim Fußballspielen im Garten, bei der Feier meines siebenten Geburtstags, nicht so frühfair das Angebot C.H.'s ablehnen sollen, in mein Team zu kommen.* Ich hätte mit ihm die Gegner aus unserem Garten schießen sollen.
Überhaupt ein Fußballprofi werden sollen. Das sind die berühmten Männer geworden, Zidane, Baloteli, Suarez. Zidane hatte diesen männlichen Abgang. Baloteli und Suarez mit ihren Transferauflagen und Spielsperren tragen die Ketten der Gesellschaft wie einen Schmuck, sie sind die schönsten unter uns Tieren. Manchmal kann man beobachten, wie sie ausbrechen. Dann lassen sie sich die Ketten wieder anlegen, aus Gnade. David Beckham ist ein Schoßhund.
Vielleicht hätte ich den Küchengesprächen bei uns daheim fernbleiben sollen. An eines kann ich mich erinnern, zwischen meiner alten Schwester und der Mama, vor elf Jahren vielleicht, in dem es um den Vater einer Schulfreundin ging, reicher und erfolgreicher Unternehmer, der immer zu seiner Exfrau lief und seinen Kummer über seine Neue ausplauderte.
Du bist nicht sicher, weil du schreibst, #andreassprechtl.
Das wenige, das ich in den letzten Jahren gelernt habe: unter einem Hemd trägt man ein Leiberl mit V-Ausschnitt (am besten eines aus Airism-Faser von Uniqlo), weil ein runder Ausschnitt, der unter dem offenen Hemdkragen hervortritt, egal in welcher Farbe, egal von welchem Amerikaner oder Deutschen getragen, bis zum Gehtnichtmehr Scheiße aussieht.




* modus probus humanusque praecox. Basierend auf dem Eintrag Fairness in: Neues Latein Lexikon. Bonn: Edition Lempertz, 1998


27.05.2014

Two kinds of contempt

1)
I want to add to the cluster of thoughts of strangeness as stated in my blog entry on “tschunggoys”:
US Supreme Court Justice Antonin Scalia once said (in this talk) that he held “an old-fashioned belief” that “familiarity breeds contempt.”

2)
Based on Scalias mystical hypothesis of familiarity: some thought about mass killer Elliot Rodger:
How come he does in all these hours supposedly spent reading and developing a theory never name titles of books he read, or authors, or arguments?
He is not wanting to hide influences or something. He just spent these hours daydreaming and picturing himself a big new NOMAAM-thinker. His contempt comes from unfamiliarity, unfamiliarity with books, women, his stepmother, the world at large.

He was merely a blind, self-pitying, self-rightous, ridiculously materialistic simpleton, which by the way many Americans (and many Chinese) (and many Europeans) (and many others) among us people of the world are.

But I admire his beautifully formated and almost immaculately spelled text (there are only some occasional plural-’s-blunders), its form. I like its preciseness. A good mass murderer’s leaflet. I should check the Norvegian mass murderer Breivik’s manifesto. There might be a pattern: writing/typing correctly is not perceived as necessary these days: and so these killers mistake it for their society’s decline! And in order to save society, their heroic performance is the typing of pretty prose! Their killings: an advertisement. The continuation of the Nietzschean hammer with other means: Kevin Spacey in the thriller Se7en explains it nicely.

Otherwise, these mass murderers and their phantom pain of intellectualism are a supremely laughable, Marxian “history returns as farce”-kind of guys of obviously very poor philosophical talent.
They are forced to use another hammer because they have no hammer similar to the hammer Nietzsche wielded in his writings: a combination of philosophical learnedness and poetic genius.
So the problem at hand is that in 21st century rich societies, somewhat gifted thinkers and writers are too degenerated or too lazy to make themselves real high-grade psychos like Otto Weininger. They do not even have to, as the media are a great apparatus to complete their argument.

So unlike Weininger, who did possess learnedness and genius, they are philosophical fakes.
Unlike Weininger, they are unable to commit good old self-sufficient suicide. They need the public.
They need murders to bestow drastic force upon their arguments. They need Psychiatrists and other experts on TV to follow up on the points alluded to in the original manifesto. They need Twitter, “where the world's conversation takes place”, as their “scientific community.”
They lack Weininger’s really gentlemanly humbleness that resulted in the loss of only one life, the psycho’s.
Or was Weininger given a fancy horse cart (or one of the new 1903 automobiles, for that matter) by his parents?
Weininger couldn’t care less about the publicity and reprints of his book that followed his death.

24.05.2014

Starbucks: Vorschlag zur Ressourcenschonung

In dieser kurzen Abhandlung verfolge ich drei Ziele:
1) Zwischenmenschlichkeit – Howard Schultz’ Höflichkeitsregime, dem ich bereits hier einen Eintrag widmete, näher zu beschreiben.
2) Darstellung einer Art von Weltwahrnehmung und -erfahrung – wie einige Menschen alles nur aufgrund seiner Neuheit bewerten und lebensweltlich einordnen können.
3) Vorschlag zur Integration eines z.B. als »umweltschonend« PR-technisch ausbeutbaren architektonischen Elements in die Einrichtung einiger Starbucks-Filialen – um das unweigerlich kapitalistische Unternehmen Starbucks im Rahmen der Möglichkeiten in die Überlieferung statischer und langlebiger Architektur einzuspannen.

Einst ging ich in einen der drei Starbuckse in meiner Nähe und bestellte einen Kaffee.*

Die Starbucks-Barista, die ihre Kunden während der Geld-Kaffee-Transaktion in den bei Starbucks arbeitsverträglich vorgeschriebenen Smalltalk verwickeln muss, legte los: sie habe mich schon lange nicht mehr gesehen. Ich fühlte mich verpflichtet, Auskunft über mein Fernbleiben zu erteilen; ich sei in letzter Zeit oft im andern Starbucks gewesen.

Hier wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, sich auf die Abwicklung der Zahlung und die Zubereitung des Kaffees zu konzentrieren – vorausgesetzt, die Barista und ihr Kollege hätten geahnt, dass ich nichts mehr verabscheue, als Baristas, die ihr Handwerk nicht beherrschen und nur entweder schwätzen oder Kaffee machen können (nicht, wie gute Kellner, beides gleichzeitig), dem Schwätzen aber Vorrang einräumen und dann irgendwo beim Kassieren/Wechselgeld rausgeben/Maschinenknopfdrücken/Milchaufschäumen & -einschenken verheddern und ihre Verspätung dann mit einem alle bisherige Freundlichkeit krönenden »Sorry« oder »Buhaoyis’« (不好意思) sich zu entschuldigen versuchen – obwohl ich als Gast, dem Buchstaben der Starbucks-Richtlinien nach, der König bin, und weil meinem Einen Charakter eigentlich nur Ein angemessenes Verhalten Beschwichtigung bringen könnte: Abschalten der Starbucks-Musik, reuevolles Schweigen, und eine langsame, tiefe Verbeugung.
Zwischenmenschlichkeit ist entgegen dem Denken Herrn Schultz’ keine produktionstechnische Größe, bei der durch Optimierung eine Perfektion oder zumindest eine immer niedrigere Fehlerrate erreicht werden kann. Zumindest nicht mit Vorschriften. Vielleicht bin ich aber einfach ein Idiot und sollte dem Starbucks fernbleiben; diese Denkmöglichkeit werde ich schon nicht so schnell ausscheiden. Starbucks kennt ein spezielles Eingehen auf individuelle Kunden nur im Rahmen der jeweiligen Fähigkeit des Bediensteten.
Ein die 100%ige Zufriedenstellung der Kunden annähernd erreichen könnendes default-Serviceregime kann nur tradierte Handlungsweisen den Angestellten vorgeschreiben, von Kundenseite im Rahmen der Zufriedenheitskategorien eingefordert werden (Möglichkeit der Beschwerde in den online-Fragebögen mit Getränkecoupon).

Anders gesagt: ein zufriedenstellendes Serviceregime könnte auch von Robotern umgesetzt werden. Das ist ein Axiom, das es auch in 70 Jahren noch gelten wird, wenn Roboter mit der dortigen state-of-the-art künstlichen Intelligenz am Werke sind.
Shultz’ Ideal von einem »uplifting« Erlebnis jeder Kundin bei jedem Kaufakt kann nur anhand dieser Kategorien verfolgt, manageriell gelehrt, qualitätssicherungsmäßig überprüft werden: das Nennen des Namens des Kunden, Lächeln, das Zeigen des Willens, der Versuch zu kleiner Unterhaltung mehr als das Glücken einer (d.h. auch logisch sinnvollen) Konversation.

Der nächste Punkt ist die Weltwahrnehmung einiger Erdbewohner.
Wir sind dabei stehengeblieben, dass die Barista eben nicht auf den Kaffee sich konzentrierte und seine möglichst schnelle Zubereitung (das »fulfillment«) vorantrieb, sondern mir eine Frage stellte, die eine Antwort verlangte, nach der sie eine zweite Frage stellte, nämlich ob denn der besagte andere Starbucks näher bei meinem Zuhause liege als der hiesige (wohinter die Frage steckte: warum kamen Sie nicht zu uns? Liegt es an uns?), auf die ich dann mit der simplen Wahrheit rausrückte, dass die Tische dort höher seien. Ich verschwieg, dass die höheren Tische sich besser für mein gelegentliches Schreiben in der manchmal aufpeitschend wirkenden Musikumgebung des Starbucks eigneten, worauf sie mir nun nicht bloß eine neuerliche Frage stellte, sondern eine … Meinung äußerte! Das Design des dortigen Starbucks sei neuer, moderner, meinte sie!
Da unterbrach ich den sozialen Draht – denn kaffeemäßig sollte endlich was weitergehen und in unserem gemeinsamlich »shared« lebensweltlichen Sokrates-Moment tat sich auf einmal ein Graben auf, der nur schwer überbrückbar gewesen wäre:
ich hätte eine weitere Frage stellen müssen: was bedeutet deine Meinung? Meinst du, der Starbucks sei moderner und deshalb seien dort höhere Tische vorhanden? Sind höhere Tische in der Zeit zwischen Eröffnung deiner Starbucks-Filiale (ca. November 2013) und Eröffnung der anderen Filiale (ca. Jänner 2014) neu erfunden worden bzw. ihre Wellen im unruhigen Gewässer des Modemeers vom Wind des Zeitgeistgottes Poseidon wieder auf die höchste Höhe des Modepegels gepeitscht worden? Oder meinst du, das Mitbringen eines Laptops in ein Kaffeehaus sei eines der neuesten Phänomene, für das erst in den letzten Monaten eine Unterbringung gefunden habe, nämlich höhere Tischflächen?
– d.h. wir hätten vor dem Graben gestanden und uns zuerst einmal unterhalten müssen, ob wir überhaupt auf die andere Seite des Grabens wollen, ob wir ihn überbrücken oder ihn durchschreiten und hochklettern etc.
– Wir wählten die Option, das Gespräch fallenzulassen und unserer Wege zu gehen, dem Graben fernzubleiben.**
Bei mir war das Denken ja auch gerade in den für das Bloggerleben so wichtigen Blogeinfallmodus gefallen! Der Einfall, die vorläufige Zusammenfassung des Sinns des soeben Erlebten, des von Howard Schultz mir aufgedrängten Sozialerlebnisses, ging so:
Es gibt Menschen, die alles nur auf einer zeitlichen Linie erfahren – die annehmen, ein um ein paar Monate später eröffneter Starbucks müsste qua neueren Entstehungsdatums eine höhere und modischere evolutionäre Errungenschaft darstellen als seine älterer Bruder.
Also null Differenzierungsvermögen! Design-mäßige Ahnungslosigkeit!
Eine zweite, nämlich chinesische Komponente, wäre auch noch zu verfolgen. Ist es eine spezifisch chinesische Denkgewohnheit, Welt so einzuordnen, oder kann man getrost davon ausgehen, dass die gesamte Welt von vielen solchen Update-Materialisten bevölkert wird? Ich glaube schon. Das Problem in China ist nur, dass die Schwälle irgendeines opportun auszunutzenden Menschendenkens dort gerne zur Staats- und zur Volksreligion werden. Und da fallen dann mehr Bürger solchem einfältigen Denken anheim als von Natur her nötig wäre.
Dass in einer mehrheitlich von so empfindenden Gehirnen bevölkerten bzw. einparteienmäßig regierten Welt ein ressourcenschonender Umgang mit der Natur gepflegt wird – der unweigerlich eine Anerkennung alter Dinge, ein langfristiges Benutzen ihrer fordert – bezweifle ich.

Nun durfte ich meinen Kartonbecher in Empfang nehmen, und die nächste Idee bemächtigte sich meiner – und meine Abhandlung kann in den dritten Teil übergehen: Bauen, Wohnen, Denken in Starbucks.
Unbestritten: es stecken architektonische Philosophien und Leistungen im Starbucks.
Ich möchte der evolutionären Weiterentwicklung dieser Leistungen eine weitere Entwicklungsmöglichkeit anempfehlen.
Die Papp-Hülle ist bei Starbucks vom Kunden selber um den Becher zu stülpen. Es geht wohl darum, eine Tätigkeit, die nicht unbedingt vom Barista verrichtet werden muss und etwas zum Ziel hat, was nicht jeder Kunde unbedingt haben will, dem Kunden selber anzuvertrauen; und weil dadurch an Müll gespart werden kann – weil von 100 Kunden vielleicht nur 37 oder 57 oder 77 die Hülle verwenden –, ist es auch eine im Sinne des »Umweltschutzes« sinnvolle Maßnahme.

Ad adsurdum geführt wird sie aber, wenn Stammkunden, die jedes Mal eine Hülle verwenden, bei jedem Besuch eine neue Hülle aus dem Plastikspender ziehen, obwohl sie öfter verwendet werden könnte. In absurdo noch absurder wird die Sache, wenn eine Kundin die Hülle jedes Mal nach Abkühlen des Heißgetränks vom Becher nimmt, auf den Tisch legt, und jedes Mal darauf erblickt:
»Intended for single use only.«
– und somit vom mehrmaligen Gebrauch abgeraten wird.
Aber wozu, und weshalb, und wem vorgeschrieben?
Ist dies eine Vorschrift für die Bediensteten, die keine gebraucht im Lokal zurückgelassenen Hüllen aufsammeln und zurück in den Spender stecken sollen?
Oder gar eine Mahnung an Kunden, die Hülle nie wieder zu gebrauchen – wenn mit Gebrauch auch lediglich das Aufstülpen auf einen zum Zeitpunkt t2 erscheinenden neuen Becher heißen Kaffees gemeint ist (d.h. andere Gebräuche, z.B. das Verwenden im Bastelunterricht, nicht ausgeschlossen werden)?

Hat da wieder einmal ein spitzfindiger Advokat für seinen Mandanten Schadenersatz herausholen können, weil eine Hülle bei der zweiten Verwendung vor der Hitze nicht hat schützen können und ein anderer spitzfindiger »Gutachter« belegen hat können, dass das Pappmaterial beim zweiten Mal tatsächlich nichts mehr taugt? Oder gibt es einfach hygienische, bakteriologische Bedenken?

Angenommen die Gründe für einen einmaligen Gebrauch sind anfechtbar: dann mache ich diesen Vorschlag:
dem Starbucks fehlt ein Holzpaneel mit schönen Messinghäkchen, oder mit Nischen wie in einem Setzkasten, wo Schutzhüllen angehängt oder abgelegt werden können – für die Kunden, die oft im Starbucks ihr Getränk im Pappteller zu sich nehmen. Das Paneel wäre in sämtlichen Filialen innenarchitektonisch stimmig zu integrieren und müsste bei Neubauten eingeplant werden, es müsste in dem schöpferischen Guss enthalten sein, der so manche Starbucks-Filiale relativ gelungen macht.

Solche Paneele würden nicht nur ein Zeichen setzen, dass gespart wird, sondern eine Möglichkeit zur Tat etablieren: die Tat des Sparens!

Uns Kunden fehlt das Pflichtbewusstsein, dass wir diese Hüllen bei uns tragen und mehrere Male anwenden sollten. Aber es fände sich für so wunderbare Erfindungen der Textilevolution wie Brusttasche, Handtasche, Innentasche, sowie für die Handschuhfächer, Sonnenklappen und Seitenkonsolen unserer fahrenden Wohnstätten (Autos) eine neue Verwendung, wenn wir die Hüllen nicht gleich wegschmissen.
Leider bin ich noch nie jemandem über den Weg gelaufen, in der Wirklichkeit oder beim Lesen, der diese Gewohnheit hat. Ich glaube aber, es gibt ihn – und weitere Artgenossen. Und es gibt ihn ab heute auch in meinem Körper. Ich werde auch eiskalt die Starbuckshülle beim Costa Coffee verwenden und die Costahülle beim Starbucks. O und ich werde Fotos schießen und hashtags setzen, jaja!

Unterstützt gehört die Initiative von den Kaffeehäusern.
Also Starbucks überleg dir was, am besten mach Paneele wie ich sie dir entworfen habe.

Das Paneel für die Papphüllen könnte das Info-Paneel ersetzen, das in manchen Starbucks-Filialen bei der Ausgabe hängt. Zur Zeit hänge ich dort in der Sincere Garden Starbucks-Filiale mit einem Foto: ich, der geschätzte Gast, namentlich 柯先生 [Ke xiansheng: Herr Ke].

Ich geniere mich dafür und bekomme Schweißausbrüche, wenn ich mir vorstelle, wie chinesische Kunden das Foto sehen und denken, der Ausländer hat auch nichts besseres zu tun als dauernd zum Starbucks zu gehen.

Dagegen wäre ich geradezu glücklich, wenn ich bei jedem Einkehren in den Starbucks meine Papphülle vom Haken nehmen könnte, unter dem steht: Herr Ke – und in meiner Abwesenheit andere Kunden neidisch, ehrfurchtsvoll, neugierig rätseln, oder einfach zur Kenntnis nehmen könnten, dass hier jemand ein Wegwerfprodukt mehr als einmal benutzt, und ihm hierfür ein besonderer Platz zugewiesen wird.



* Note: I am a citizen of Austria and would never go to a Starbucks coffeeshop in my native country, bar some friend’s or business partner’s inevitable or unalterable suggestion to meet there. Conclude from that that I went to a Starbucks store outside of Austria when I experienced the above-described. And exclude from your reasoning where I might have graced a Starbucks store with my hunchbacked presence any place where some »original« or »re-invented« »local« »coffee culture« exists. Do realize while reading my little article that I talk about Starbucks in China; more exactly, Starbucks Jiang Zhe Hu.

** Das Bild wäre – z.B. im Rahmen eines fantastischen Romans oder absurden Theaterstücks oder Films – weiterzuentwickeln: die Barista geht hinunter zu den anderen Schattenwesen in ihre klägliche, im weitesten Sinne J.P. Sartresche Kellner-Existenz, ich Zarathustra aber hinauf auf einen Gipfel, wohin ein Expresskurier mir den Kaffee nachbringen sollte.
Danach müsste dieser suprematistische Entwurf ironisiert werden, indem von meinem Gipfel weggezoomt wird, und allmählich eine von lauter kleinen Gipfeln gesäumte Landschaft erkennbar wird – z.T. nicht einmal aus Stein, sondern provisorisch hergerichtet, manche Möchtegern-Zarathustras auf geradezu irrwitzen Möchtegern-Gipfeln wie aufeinandergestapelten Bierkisten! Ein Film über eine Gesellschaft, in der sehr viele Menschen sich eine Art Elfenbeinturm bauen, wo sie – sich zum Denken zurückziehen bzw. »Zeit für sich selber« verbringen.

27.10.2013

Si radicalisses

Heut’ hat’s Presschen wieder einen wunderbaren Apostroph g’setzt. Ein Ausspruch der Sängerin Angelika Kirchschlager wurde aufgeschrieben als: »Ich radikalisier’ mich immer mehr.« Das liest sich herrlich Wienerisch-Nestroyanisch.
Ihr Buch könnte »I’ erfind’ mi’ jed’n Tøg neu’« heißen – jawohl, mit einem Chutzpe-Apostroph auf dem »neu«! Und mit dem auf korrekte visuelle Repräsentation eines Dialektlautes abzielenden ø. Und mit dem brav harten t, eine Schreibweise wie in gedrucktem (und meistens auch so gesungenen) völkischem Liedgut. Das wäre so spitzbübisch, klass’ und leiwand wie ein gelungener Jodler. Ich meine es ernst.
Ich interessier mich jeden Tag aufs Neue für Schreibweisen. Neulich habe ich einen Buchstaben erfunden, der den Dialektlaut »eiü« darstellt, das

11.08.2013

Vereinigte Bundesländer von Österreich

Sich in die österreichische Gesellschaft integrieren heißt sich in eine US-amerikanische Gesellschaft zweiter Ordnung zu integrieren und von einem Blutsbund mit Ritualen geduldet werden, auf die man gerne verzichtet, die man aber zumindest qua Lippenbekenntnis toll finden soll und der man auf keinen Fall eigene Rituale zur Seite stellen darf, außer an designierten Kulturabenden progressiver Volksschulen, Pfadfinderlagern und in Broschüren. Es gibt keinen Grund für den Türken, diesen Pfad zu gehen. Ein Türke ist ein türkischer Bürger erster Ordnung. Kanzler Kohl, wie die neulichen Enthüllungen zeigen, schätzte das so ein. Der spielte nicht den Beleidigten, wenn seine Gastarbeiter ihrem Gastland keinen leidenschaftlichen Dank darbrachten (als ob dies deutsche Art gewesen wäre!), sondern erkannte den Unterschied zweier Kulturen an und glaubte, zumindest privat, an eine sinnvolle Grenze für die Minderheitsbevölkerung.
Inklusive Kohl hat kein »ernstzunehmender« Politiker öffentlich so gesprochen und lässt damit zu, dass der Pöbel weiterhin dem Irrglauben anhängt, ein Türke müsse sich integrieren in die Gastkultur. »Auch wir sind ein Volk erster Ordnung!«, sagt er. Der Türke soll Österreicher werden. Mitsingen soll er: »I am from Austria«, das Lied des österreichischen Plebschanteurs Wolfgang Fendrich, dessen Klimax in englischer Sprache verfasst ist, damit die amerikanische Gesellschaft erster Klasse weiß, welches Untervolk des Kapitalismus sich da zu Wort meldet.
Just diese »eigentliche« österreichische Nationalhymne traut sich nicht, in einer österreichischen, für die Umwelt fremden Sprache die Nation kundzutun.
Ein Volk, eine Gesellschaft, ein Staat wie Österreich ist für den Nationalisten – und das sind die meisten Leute, man kann bei diesem Thema nicht mit Internationalität à la Robert Musil daherkommen – stets bloß als angenehmer, drolliger oder gefährlicher Bastard zu betrachten, angenehm wenn aus ihm eine Erfindung zur Besserung der westlichen Welt entspringt, drollig wenn das Urvolk aus seinen Eigenheiten eine überregionale Ware herstellt (z.B. DJ Ötzi in deutschen Ländern; früher Arnold Schwarzenegger, nunmehr Christoph Waltz in der Filmwelt); gefährlich, wenn eine Abkehr vom westlichen Weg gewittert wird, z.B. wenn im Erblicken Jörg Haiders Erinnerungen an Hitler wachwerden (Heinz Christian Strache wirkt in dieser Hinsicht gefährlicher – erstens, weil er am Leben ist, zweitens, weil irgendwas an seiner Visage so gemein aggressiv rüberkommt, dass Haider im Vergleich dazu ein charmant-gefährlicher Mephisto ist, der linke Frauen feucht werden ließ. »Ich bereue mein Lebtag, ihn kein einziges Mal gewählt zu haben!«)
Es soll einmal ein Politiker auftreten, der Nationalist ist, aber gelassen: ein Österreicher durch und durch, der Türken nicht hasst, die EU gut findet, aber bei der Idee der »Vereinigten Staaten von Europa« seinen Most auf die Heurigenbank speit, weil er sich mit der Kleinheit und den schlecht exportierbaren Eigenheiten seines Landes abfindet und kein Leben lang den Anschluss an eine größere politische Einheit erstrebt (wie z.B. Niko Alm).

05.08.2013

Abreagieren und Aufgeilen

M o b y  D i c k  fängt also damit an, dass der Erzähler genug vom öden Festland hat und aufs Meer will, und er merkt es daran, dass er rastlos auf der Straße herumzieht und den Leuten die Hüte vom Kopf schlagen möchte.
Was mich wieder einmal an die Hutfrage erinnert, von der ich im Jahr 2005 beim Lesen dieses köstlichen Aufsatzes im Spectator erfuhr, und die im Zusammenhang mit dem Anfang von Moby Dick sich so stellen lässt:
Gäbe es weniger Amokläufe, wenn wir Hüte trügen, so wie früher? Würden Amokläufer sich besser zu erkennen geben, wenn sie ein paar Tage vor dem völligen Durchrasten eine Spur abgeschlagener Hüte auf die Straßen zauberten, nach denen verwunderte und verärgte Herren sich niederbeugten; anstatt obskure, zum Mutmachen und Aufgeilen gedrehte Trailer-Videos ins Web zu stellen...

15.12.2012

Geländer

Vor zwei wochen fuhr ich in der stadt henghe eine kleine fabrik suchen und kam dabei auf diese ungesicherte straße neben dem fluss. Die passage machte spaß, das autofahren kam mir zwar nicht abenteuerlich vor, aber ich musste mich konzentrieren, es war zumindest ein bisschen gefährlich.


11.06.2012

Die Uhrzeit. sponsored by

DDMG medienwappler

(beitrag folgt, bin unterwegs, die wischtexttechnologie erlaubt noch nicht so ein schnelles schreiben wie ich es brauche)

22.04.2012

Schöne neue deutsche Namen

Grimmhorst
Knurrbert
Schnurrfried
Kriegsieg
Ausharr
Brunzwart
Augentrost (via Goethe)
Knechtbert
Waldknecht
Futhild (fem.)
Surrhold
Wahndolf
Reinfahr
Futbert
Wirrhold
Frosthard
Rankhold
Schönhard
Heilfurz
Brunnquell (via Moritz)
Rechenknecht (vie Nietzsche)

27.07.2011

Lasse Kjus Demokratie

Norwegens Schifahrer Lasse Kjus ist zur Vorbereitung auf die Weltcupsaisons mit Schistöcken durch die Moore seiner Heimat gestapft. Bilder in einem Sportprogramm des ORF zeigten ihn einmal mit erstaunlicher Geschwindigkeit sich durch oberschenkelhohes dichtes Erdreich bewegen und zu einem »Kraftpaket« werden. Ich erinnere mich an diese Bilder, als ich die Äußerung des norwegischen Staatssekretärs Eide nach dem Massenmord von Utoya lese:

»Dieser Mann wollte unsere Art zu leben verändern. Aber das lassen wir nicht zu. Wir wollen uns nicht von einem Einzelgänger diktieren lassen, wie die norwegische Gesellschaft in Zukunft auszusehen hat. Deswegen wollen wir so weitermachen wie bis zum vergangenen Freitag: als eine tolerante und transparente Gesellschaft. Das ist meine tiefe Überzeugung.«

Im Gegensatz dazu: was haben Politiker in Österreich zu sagen? Lest es. Merkt euch diesen Schwachsinn. Stellt euch vor: Mikl-Leitner, Faymann, Spindelegger in einem Moor: sie würden stehen bleiben und sich anscheißen.

02.11.2010

Ampeltunnelblick und Ampelblick

In diesem Blogeintrag geht es um das leidige, peinliche Thema »bei rot über die Straße gehen«. Aber ich hole da was Erbauliches raus.

1. Dummheit neu beschreiben
Bei rot aus Prinzip nicht über die Straße gehen ist eine Form von Dummheit (Medium: Mensch). Es gibt ein schönes neues Wort für dumme Menschen. Ich habe es in der deutschen Filmversion von Juno und im Roman Tschick gefunden; man darf es als gebräuchlich ansehen und selber verwenden: dummer Mensch ist einer, »der nicht die hellste Kerze im Leuchter ist«. Diese Neubeschreibung erzeugt fruchtbare bildliche Überlegungen zu besagtem Thema.

2. Die Neubeschreibung als eigener Fall
Gesetz der Physik ist, dass gesehen werden nur das kann, was leuchtet oder beleuchtet wird: »It’s always night, or we wouldn’t need light«, sagte Thelonious Monk (via Thomas Pynchon). Der Mensch ist seit mehr als zweihundert Jahren aufgeklärt. Man nimmt an, der Durchschnittsmensch ist »angezündet«: Er leuchtet von selbst.
Tun aber nicht alle! Die finstern Kerzen pflanzen sich fort. Die Dummheit wächst in ihren Kindern weiter. Dunkelheit bleibt bestehen. Night prevails. Das Feuer der Aufklärung war bislang außerstande, diese Kerzen anzuzünden.
Sie bedürfen weiterhin der Anleuchtung. Das Licht ist ausgelagert. Beispiel Straßenverkehr: Anstatt im eigenen Bewusstseinssystem eine Leuchte zu haben, die einem sagt, wann man die Straße überqueren kann, hat der Dumme seine Leuchte in der Verkehrsampel. Schaltet diese auf grün, geht er los. Sein Tun und Lassen wird geführt von einem Tunnelblick auf eine Ampel, der 99,5% des Sehfeldes – wo es zu entdecken gäbe, ob denn überhaupt ein Auto in Anfahrt ist – außer Acht lässt.

3. Recherche in der Literatur
Weshalb das Befolgen der Ampel dumm ist und was für einen aufgeklärten Umgang mit ihr erforderlich ist, hat Karl Heinz Bohrer bereits geschrieben. Ich zitiere die ganze Stelle aus seinem 1991 im Rahmen seiner »Provinzialismus«-Kolumne und 2000 in einem danach benannten Sammelband erschienenen Essay:

»In einer hochangesehenen liberalen Traditionszeitung der noch immer schönsten unserer Rheinstädte war kürzlich die Wehklage darüber zu lesen, daß immer mehr Fußgänger sich beim Überqueren der Straßen nicht an die Verkehrsampeln halten, es deshalb zu vielen schweren Unfällen komme und das in Aussicht gestellte scharfe Eingreifen der Polizei gegen solche die Ampeln mißachtenden Fußgänger nur zu begrüßen sei. Ich erinnere mich an eine der ersten Deutschland-Nummern des amerikanischen Magazins Life nach dem Kriege, in dem der noch immer manifeste »Kadavergehorsam« der Deutschen, ihr fragloses Befolgen öffentlicher Anweisungen unabhängig ihres Sinns oder Unsinns daran abgelesen wurde, daß sie auch dann nicht bei Rot die Straße überquerten, wenn weit und breit kein Auto zu sehen sei.

Zweifellos überlebt der Verkehr der großen westeuropäischen Metropolen nur unabhängig von den Regulationen der Verkehrsampeln. Das setzt ein zivil sensibles Verständnis zwischen Autofahrern und Fußgängern voraus, ein gewisses Augenmaß intelligenter Improvisation jenseits der Regeln, und einzelne westdeutsche Großstädter, besonders die jüngeren, beginnen sich so, nämlich urban, zu verhalten [Hervorhebung IWBL]. Offenbar wird es aber vom System nicht zugelassen, und die journalistischen Tugendwächter einer Ideologie des gefahrlos Netten geben dem ihren Zuspruch.«

4. Phänomenalisierung
Ich finde diesen Gehorsam auch noch im Jahr 2010. Und zwar in Wien. Ich liste auf, wann und wo mein und anderes urbanes Verhalten vom Pöbel beschimpft wurde:
• Fuhr in Wien ca. März 2010 mit dem Rad von der Avedikstraße kommend bei rot rauf zur Schmelzbrückenrampe; junge männliche Stimme rief, in Wiener Dialekt, mir hinterher: »Bist farbenblind?«
• Fuhr in Wien Okt. 2010 mit dem Rad über die gesamte Mariahilferstraße, ohne auch nur einmal vor einem der niedlichen Zebrastreifen für Shoppers und Shopping Sherpas stehen bleiben zu müssen. Das missfiel einer verwahrlosten, aus einer Dose Schwechater Bier trinkenden Frau mittleren Alters; sie kläffte, in Wiener Dialekt, mich an: »Bist farbenblind?«
• Las im Okt. 2010 auf Facebook diese Meldung eines (Wiener) friends, der 20 Euro Strafe zahlen musste, weil er »Verhalten eines Fußgängers« (?) an den Tag gelegt und die Straße bei rot überquert hatte. Um halb drei in der Nacht.
Zusammenfassend kann ich sagen: Es gibt wirklich diese schamlosen Denunzianten in Wien, und es sind, curiously enough, Einheimische, d.h. de facto Städter. Wenn, nach Georg Kreisler, Wien erst ohne Wiener schön wäre, ist Wien erst ohne Wiener eine Metropole!
Die Polizei ist ebenfalls tatsächlich so bescheuert. Aber dazu habe ich von einer eigenen Begegnung zu berichten. Und die ging nicht derart peinlich und finanziell katastrophal zu Ende wie jene meines friends; nein, sie verlief heroisch, und ich muss weit ausholen, bevor ich sie schildern kann.

5. Ästhetik des Widerstands
Karl Heinz Bohrer ist ja Gott sei Dank in seinem Leben nicht alleine damit beschäftigt gewesen, die Dummheiten seiner Landsleute zu beschreiben. Bohrers »große Leistungen« sind literaturwissenschaftliche Untersuchungen zu romantischen Texten und Texten der klassischen Moderne von Baudelaire bis Ernst Jünger.
In einer seiner Abhandlungen nennt er die Gewaltausbrüche in Heinrich von Kleists Erzählungen als Merkmal von dessen »frappierendem Stil«. Kleist wollte erschüttern. Er spitzte seine Handlungen auf eine Gewalttat zu. Oft, darauf weist Bohrer hin, werden sie von geradezu gewalttätigen Blicken begleitet. Z.B. in der berühmten Schlussszene von Michael Kohlhaas: Bevor Kohlhaas den Zettel verschlingt, hält er »das Auge unverwandt auf den Mann mit blauen und weißen Federbüschen gerichtet«. Erst mit diesem Blick macht er erkennbar, wem sein finaler Gewaltakt, das Vernichten des Zettels, gilt.

Ich teile nun stolz mit, dass auch ich von einem Polizisten in betreff Verkehrsampel angepöbelt wurde – und in frappierendem Stile antwortete. Ich will versuchen, den Hergang dieses Ereignisses zu schildern, als ob ich Kleist wäre:

»Ich kam, abends, vom Supermarkt, und blieb an der Kreuzung, die ich täglich, ruhig und routiniert, kreuzte, und deren Ampelordnung ich, gleichsam wie meine Jackentasche, kannte, zunächst stehen, da aus der Ferne ein Audi, mit lautem Geräusche, heranzog, und ich wusste, aus Lebenserfahrung, wie schnell solche Raser, das Auge täuschend, zur Stelle sind. Als, wie ein Pfeil, der Audi vorbeigezischt, setzte ich mich in Bewegung, und ging, von keinem Schafe rings um mich nachgeahmt, hinüber, auf die andere Seite; und war dort, weiter in Richtung meiner Wohnung, einige Meter unterwegs, als aus dem Auto einer Polizeistreife, dessen Fensterscheibe gleichmäßig, durch elektronische Motoren, hinuntergezogen worden, ein Mann, mit kurzen Haaren, ein derbes, erzürntes Gesicht mir entgegenstreckte, und, weil ich derlei Hässlichkeiten aus Gewohnheit unbeachtet lasse, mir zurief, »da ist jetzt aber rot!« – worauf ich, in meiner städtischen Betragung verletzt, ein trotzig Wort mir überlegte; anstatt jedoch, wie endblöd, dem bellenden Aufrührer zurückzubellen, schwieg ich, und richtete, ohne Stehenzubleiben, mit einem kalten Blick, der »fick dich!« bedeutete, mein Haupt in Richtung Ampel, die, den Kollegen des Aufrührers zur Losfahrt zwingend, in, genau, diesem Moment, als Vervollkommnung meines Blickes, grün zu leuchten anfing.
Die Fensterscheibe wurde hochgeschoben, das Auto rollte ab, und von hinten kamen die Schafe.«

So gehört es sich.



12.03.2010

Beitrag für Wettbewerb schlechter Geschichten

Ein Autorenverein in Hamburg sucht die schlechteste Geschichte der Welt. Hier meine Einsendung, entstanden im August 2009:



Wir alle haben unter unseren alten Bekannten jemanden, der vielleicht nicht unser Freund war, den wir aber schätzten und für immer in wohlwollender Erinnerung behalten. Ich traf auf so einen verehrten Menschen, als ich vor ein paar Monaten, im Supermarkt, eine Jause kaufte. Er stand »plötzlich« vor mir an der Kasse, und ich war darüber so erfreut, dass ich ihn grüßte und ihm die Hand drückte, als wären wir früher eng miteinander verbunden gewesen. Er war überrascht von der Überschwenglichkeit, aber nicht peinlich berührt. Er merkte, wohl unbewusst, dass in meiner Begrüßung die Hoffnung lag, mit ihm, nach vielen Jahren, ein längeres Gespräch führen zu können, und war selbst nicht abgeneigt. Er schlug vor, nach Art von alten Bekannten, sich am Abend auf ein Bier zu treffen. Jetzt müsse er etwas erledigen, und morgen reise er wieder aus der Stadt ab.
Ich sollte am Abend an einem Empfang von Geschäftsleuten teilnehmen und schlug dem Mann »unverwandt« vor, dass auch er dorthin kommen solle. Momentan sah ich an seinem Anzug, seinem Hemd und an guten Lederschuhen, dass er sogar ohne Garderobenwechsel erscheinen werden könne, und zudem unterstellte ich ihm »insgeheim«, aufgrund des unbegründeten Wohlwollens, das ich für ihn hegte, dass er nichts anderes als eben ein tüchtiger Geschäftsmann, und eine Bereicherung der Abendgesellschaft sein könnte.
Er bestätigte meinen Glauben, indem er zufrieden meine Einladung annahm und sich für den Abend empfahl. Und so bezahlte ich »vergnügt« meine Jause, suchte mein Büro auf, und später das Hotel, in dem der Empfang stattfand.
Ich wartete, unter Händeschütteln, Smalltalk und Aperitivs, auf meinen Bekannten, und meine Freude blühte frisch und wie beim ersten Mal auf, als er, nach einer Stunde, den Festsaal betrat. Er hatte sich umgezogen, trug einen anderen, einfachen Anzug, und meine Hoffnungen erfüllten sich. Die Leute für sich gewinnend, stellte er sich schwungvoll und sympathisch vor, erzählte von seinem Geschäft, horchte auf ihre Berichte, und grub, nach seinem Verhältnis zu mir befragt, einige hübsche Erinnerungen aus, die nicht einmal ich mehr wusste, und die er sehr ergreifend schilderte. »Es entstand der Eindruck, als wären wir die besten Freunde, und indem dies geschah, fühlte ich mich, als sei es immer so gewesen.«
Gegen Mitternacht, da es ein großer Empfang war, lief überall noch die beste Unterhaltung, und es stießen weitere Gäste dazu. Endlich wurde der Kanzler gemeldet, der sein Kommen versichert, aber lange darauf warten hatte lassen. Natürlich kam es auf ihn nicht an, und so fiel der Eintritt des Regierungschefs, an der Hand seiner Gattin, und nicht einmal umschattet von Leibwächtern, kaum auf, und fügte sich in das belebte Kommen und Gehen.
Doch mein Bekannter unterbrach, als er den Kanzler erblickte, sein Reden, und folgte mit einem kalten Blick, der wie Frost auf sein Gesicht trat, dem ankommenden, fröhlich grinsenden höchsten Politiker. Nach zwei Sekunden blieb der Blick gleich wie der Kanzler, der sich zu einem Gespräch einließ, stehen, und mein Bekannter, wie ein Adler, der eine stillhaltende Beute fixiert, platzte los. Er stach geradewegs durch die Menge, die sich, teils gestoßen, teils vorsichtig und frappiert ausweichend, aus seiner Bahn spalierte, und begann auf halbem Wege, mit bebender Stimme, die Worte an den Kanzler zu rufen: »Steuern runter!«
Der Kanzler war dabei, seinem Smalltalkpartner die Hände zu schütteln, umzudrehen, und die nächste Begegnung, in der anderen Richtung, wo noch kein Aufhebens gemacht worden war, anzustreben, da ertönte wieder fürchterlich: »Steuern runter!«, und er wandte sich in die alte Richtung, sich erkundigend, »bitte was?«, als mein Bekannter, bloß noch drei Meter vor ihm, ein drittes Mal in erschreckender Aufwallung schrie, »Steuern runter!«, und noch einmal: »Sofort die Steuern runter!« Der Kanzler atmete kurz auf, da er seinen Leibwächter, der unbemerkt nachgekommen war, als Schutzschild, zwischen ihm und dem Aggressor stehend, erblickte, und setzte ein kalmierendes Lächeln auf, und legte sich einen Satz zurecht wie, »wir sind in einer Demokratie, da geht das leider nicht so sch...«, als, mit Urgewalt, mein Bekannter wie durch Papier stürzend den stark beleibten Leibwächter umhaute und mit den Händen den Hals des Kanzlers fasste, zudrückte, ihn zu Boden stieß, sich über ihm aufrichtete, weiter würgend, kräftig drückend, und dabei ohne Pause rief: »Steuern runter! Steuern runter! Steuern runter!«
Aus dem Zwischenfall wurde ein Aufruhr. Die Gäste versammelten sich schockiert um den Platz des Kampfes, wo hilflos der Kanzler ermordet wurde, peinigende Gurgelgeräusche von sich gebend, wo die Gattin des Kanzlers ohnmächtig umfiel, wo der Leibwächter, und noch vier andere Männer, kraftlos und erfolglos von hinten und von der Seite die angreifende Bestie in Zaum zu bekommen suchten. Polizisten rannten herein, »mit den verdammten Steuern runter!« von weitem hörend, und schlossen sich der machtlosen vielköpfigen Rettungsaktion an, aber ohne Chance.
Es dauerte lange; schon viele hatten schwarz gesehen. Mit Elektroschocks wurde mein Bekannter gezähmt, und mit Elektroschocks wurde der Organismus des Kanzlers wieder hochgefahren. Sein Hals war Wochen rot.
Ich besuchte meinen Bekannten nicht im Gefängnis. Die an jenem Abend Wirklichkeit werdende Freundschaft »kam mir nur mehr wie ein Traum vor«, so existent oder inexistent, so verschwunden und nur momentelang hoffnungsvoll imaginiert wie in den Jahren zuvor. Die Sehnsucht war weg, ihn kennen zu lernen; ein einziger Eindruck hatte sich in mein Gedächtnis gebrannt, der Angriff, sein furchtbarer Würgegriff, das »erbarmungslose« Geschrei.
Es gab aber auch welche, die versuchten, der Szene einen positiven Sinn zu geben. Ein alter Steinmetz, der in seiner Jugend eine Bildhauerlehre gemacht hatte und das Handwerk noch bis zur Kunst beherrschte, meißelte den Tobenden, der den Kanzler auf den Boden hinuntergedrückt hielt, in Granit; in einen Sockel meißelte er, was ihm ein befreundeter Zimmermann empfohlen hatte:

Der Staat stiehlt ihr das Geld,
sie ist nicht mehr recht munter;
mit Wirtschaft stirbt die Welt,
drum fordert: Steuern runter!

11.11.2009

Für Beethoven, gegen Wixer

In diesem Beitrag widme ich mich der Verschriftlichung der deutschen Sprache. Ausgehend von der Betrachtung eines gewissen wienerischen Manierismus in der Tageszeitung »Die Presse« (fortan »Presschen«, welchen abfälligen Spitznamen ein leider unverlinkbarer Freund ihr gegeben hat), entwickle ich Zorn gegen jede Art von solchem »schwankenden« Sprachbewusstsein und eine Neigung zum »ursprünglichen« Sprachbewusstsein Martin Luthers.
Ich behaupte dann: Menschen mit ursprünglichem Sprachbewusstsein können »stramm« sein, Menschen mit schwankendem Sprachbewusstsein nicht. Es liegt im Interesse jedes/r Volks(wirtschaft), in Grundschüler ein ursprüngliches Sprachbewusstsein zu programmieren, um Wohlstand zu erhalten.

Ich lese im Presschen Wörter, die gemäß dem »Wienerischen« lautgeschrieben sind. Ich lese: »Ruh’«, »Freud’«, »Fried’«, »Sünd’«. Dem derzeit korrekten Schriftbild (Ruhe, Freude, Frieden, Sünde) wird getrotzt, und gleichzeitig wird durch die Setzung des Apostrophs gezeigt, dass man trotzt. Dass der Apostroph dazu da ist, Auslassungen zu bedeuten, nutzt der Presschen-Redakteur schamlos aus: Er setzt den Apostroph, um zu zeigen: Wir sprechen unsere eigene Sprache. Wir mögen die Preußen nicht. Wir spielen den Sound unserer schönen österreichischen parole.
Es ist demnach nicht nur ein Norm-Ungehorsam, sondern die Setzung einer neuen Norm, wie die parole autrichienne (die in diesem Fall vom Wienerischen, von Grillparzer über Nestroy und jenseits bestimmt wird) als langue auszusehen habe. Sätze wie »Das ist eine Red’« erzeugen den Mythos des gesprochenen Wienerischen. Genauso wie jemand einmal das Walzerspiel der Wiener Philharmoniker zu mythologisieren versuchte, indem er behauptete, die dritte Viertelnote werde kaum noch angeschlagen, sondern, einem feinen Sahnehäubchen gleich, dem Vorherigen nachgehaucht. Würde man diese Spielart in Partituren vermerken, könnte man einen Apostroph verwenden!

Der Wiener Apostroph – ein Signifikant für heiter Nachtorkelndes, Gemütlichkeit, eine gütige Stimme, Weinseligkeit.

Noch mächtiger ist die Ausstrahlung eines Apostrophs, wenn er im Feuilleton des Presschens steht. Denn das Presschen druckt die Überschriften der großen Artikel, oder ausgesuchte einzelne Wörter, im Feuilleton kursiv, damit unabhängig vom Inhalt der Überschrift ein eigener Mythos des geistreichen Feuilletonisten erzeugt wird.

(Exkurs. Wer sehen will, wie sich der Gott aller nachmodernen Schmetterling-Werbesujets, Vladimir Nabokov, über Journalisten lustig macht, dem sei dieses Video, 4:25–5:11, empfohlen. Nabokov verabscheut »journalistic clichés«, und er verabscheut Schriftsteller, die Wörter kursiv setzen, um tolle Gedanken darzustellen. Das Presschen-Feuilleton, das sich qua Feuilletonsein von journalistischen Klischees fernhalten will, tappt in eine andere Falle.)

Der Mythos des geistreichen Feuilletonisten verstärkt den Mythos aus den Elementen einer süßlich-morbiden »Viennität«.

»Das ist eine Red’«,
oder konsequenter:
»Das is’ eine Red’«
sind dann Das Wienerische.

Überschriften- bzw. Mythenleser werden ungewollt in den Strudel von Wienertum gezerrt. Und dieser Strudel ist nicht das süße Struderl, das Christoph Waltz in »Inglourious Basterds« verzehrt, sondern ein tödlicher Sumpf aus allen Zuckerrüben, die notwendig sind, um den täglichen Zuckerbedarf Wiens und seiner Touristen zu stillen, plus allen toten Körpern, die täglich in die Erde des Wiener Zentralfriedhofs spediert werden.

Man bleibt dergestalt kleben, dass eine Entwicklung zum produktiven Staatsbürger verhindert wird.

Anders gesagt: Man ist eben doch das süße Struderl. Man ist in dem Film ein witziger Einfall, aber allgemein, kulturell-mahlzeitlich betrachtet ist man ein winziges Element, Nachspeise, Epilog. Großer Braten: Macht, Höhepunkt ist man nicht.

Welcher halbwegs kosmokratische österreichische Politiker kann dem zustimmen?
Und wie kann man die zukünftige Generation vor diesem Strudel schützen?

Bei Gott, mit Luther!

Ich lese in Martin Luthers Predigt »über das Eheleben«, dass es eine »Sünd« gebe, und bin sofort aufgegeilt. Wie er das schreibt! So einsilbig! Wie es dasteht! Wie frisch es ist, wie zielstrebig! Wie unzweideutig! So – stramm!

Man sagt, Luther habe den Leuten auf den Mund geschaut – und demnach sah er auf den Mündern (»Münd«?!) das Wort »Sünd«. Nicht »Sünd’«. Also waren die Münd stramm. Die Münd gehörten den Leut. Die Leut waren stramm.

Ich nenne Luthers Skription »ursprünglich«, denn Luther war der erste deutsche Schriftsteller. (Nietzsche und Goethe verehrten ihn diesbezüglich.) Seine Skription ist der Ursprung deutscher Schriftsprache und im Zuge der Literarisierung bis zum Pöbel nachwirkend.

Wende ich mich wieder dem Presschen zu, wird deutlich, dass das Wort »Sünd’« ursprünglich empfunden sein mag, aber nicht ursprünglich geschrieben ist. Sein Ursprung ist das Jetzt. Sein Raum ist Wien.

»Sünd’« zu schreiben ist nach-ursprünglich: dem Sündenfall »Germanisierung des Schriftwesens« bloß folgend. Es ist ein von der Erbschuld, Luthers Deutsch, erfasstes Kind, aber nicht der Zeuger oder die Gebiererin. Luther ist Adam, das Presschen ist Kain. Auf seinem Haupt trägt Kain einen Apostroph.

Wo und wann immer ich das Presschen sehe: der Versager Kain steckt drin, denn Kain schreibt ja diese Zeitung.

(Ich könnte weiterätzen und dem oft die Werbelinie wechselnden Presschen raten, die berühmte, jahrelang mannigfaltig variierte F.A.Z.-Werbung zu remixen: »Dahinter steckt immer ein Versager.«)

Ursprünglich schreibt man »peccatum«, dann kam Luther und schrieb »Sünd«, ihm folgten Leut à la Goethe, Grimm, Duden, die ein »e« hinzufügten. Dem Wiener Presschen-Redakteur bleibt nichts, als sich in seinem Jetzt vom Lauf der Geschichte bisher marginalisiert zu sehen: Denn er kann nicht »Sünd« schreiben, weil er »Sünd’« denkt, und nicht »Sünde« denken, weil er »Sünd’« schreibt.
Ein Kain sein heißt, ein Verlierer zu sein.

Ich versuche, dies »abgekühlt« zu formulieren. (Karl Heinz Bohrer verwendet gerne die Wendung »etwas systemtheoretisch abkühlen«, siehe diesen Kommentar sowie einen Aufsatz über fehlenden Willen zu Strammheit in Merkur, 61. Jg., 8/9, S. 667. Zum Systemtheoretiker bringe ich es nicht, aber »abkühlen« ist eine gute Metapher.)
Ein Nicht-Hochdeutsch-Programmierter empfindet die hochdeutsche Skription als Norm. Empirisch lässt sich feststellen, dass er sich daran hält. Seine von der Norm abweichende Sprache wird er in eine normierte Skription immer nur als Irritation, als ironische Geste, als »Schmäh« einbauen können.
Poetisch lässt sich feststellen, dass ein »Schmäh« nur ein »Schas« (hochdeutsch: Furz) ist.
Erbaulich lässt sich dann sagen:
»Was aber Furz ist, fahre zum Teufel.«
Ein Leben abseits der Skriptionsnorm ist ein Leben außerhalb der herrschenden Klasse. Ein Leben für Loser, Schwächlinge.
Ich will kein Loser sein, und eine Volkswirtschaft braucht keine Schwächlinge.

Nietzsche würde jetzt fragen, hat man mich verstanden?, und ich glaube, das ist ein guter rhetorischer Trick, um Redundanz zu verdecken. Ich fahre also fort:
Als Kain lebt man in einem perpetuierten Pinballsprung (ein Wissenschaftler würde sagen »oszilliert«) zwischen dem eigenen, als »ursprünglich«, und einem anderen, als »legitim ursprünglich« empfundenen Sprechen.
Und weil ja Sprechen Sprache ist, und Sprache, Heidegger und Gadamer auf einmal zitierend, ein »Haus des Seins das verstanden werden kann« ist, befindet sich dieses Sein im Schwanken.
Wo aber das Sein schwankt, ist es nicht stramm. Und wo der Mensch nicht stramm ist, bringt er nichts weiter.
Und dass man was weiterbringen soll, darf ich jetzt aber bitt’schön als von einer breiten Mehrheit der Leut’ akzeptiert annehmen!

Ich kann der Mehrheit die notwendige Motivationssemantik besorgen.
Ich imaginiere den Namen der Wiener Stadtzeitung »Falter«, die übersetzt »schwanken« heißt. Ich erinnere ein Foto, das den Chefredakteur Armin Thurnher eine britische Tabloid-Zeitung lesend zeigt, auf der steht: »We must not falter!«
Und so rufe ich:

WIR DÜRFEN NICHT SCHWANKEN!

WIR WOLLEN STRAMM SEIN!

Hat man mich gehört? Ich hoffe. Nur sind noch nicht alle mit den Konnotationen zu Luther einverstanden. Ich werde als Kämpfer für Strammheit in Wien mit Luther und seiner nie entluthiferisierten Vergangenheit die Leut nicht zum Rocken bringen.
Ich spreche daher mein strammes Sein aus im Namen »Beethoven«.
Den lieben die Wiener. Und der Träger dieses Namens, Ludwig van Beethoven, war ein Strammer, der auch am Hofe so wild sich betrug, dass man ähnlich den Franzosen angesichts ihres Revolutionspöbels nicht anders konnte, als zu kapitulieren: man bat ihn nicht mehr, das Zeremoniell zu befolgen. Goethe nannte ihn eine »ungebändigte Persönlichkeit«. Wir lassen dies auf uns wirken, forschen nicht weiter nach, und nennen Beethoven stramm.

Den Schwanker, den Falterer, den ontischen Wiener, wie nenne ich ihn?
Schwanker trägt in sich die Buchstabenkonstellation »wank«, »wank« hat das Substantiv »wanker«, und dies bedeutet auf Englisch »Wichser«.
Ich nenne den Schwanker »Wixer«.
Wer trug diesen Namen?
Eine Figur aus dem besten Stück von Nestroy. Einer der drei Freunde (neben Sporner und Stifler) des »Zerrissenen«, Herrn von Lips.
Ich schlage eine beliebige Seite auf; schon wird geschwankt.
»Wixer. Das is das Wahre. Klein muß a G’sellschaft sein, aber honett, nacher is’s a Passion.«
»Wixer (ihre Hand ergreifend). Liebes Handerl das! (...) Was glaubst a so? Stund’ gar nit übel z’samm’, das Paar Händ’?«
»Wixer. Da hab ich, glaub ich, auch was dreinz’reden; Eigenmächtigkeiten leid ich nicht.«

Wie gesagt, meine Argumentation könnte vor allem volkswirtschaftliche offene Ohren finden, da Strammheit wichtig für den Wohlstand ist. Man wird mithilfe meiner Ausführungen etwas Strammes von etwas Schwankendem unterscheiden können.
Ein Strammer stößt das Wort »Sünd« aus; es tost wie op. 92, vierter Satz.
Ein Schwanker sagt zuckersüß-ranzig »Sünd’«; er schmiert.
Wäre ich ein Kolumnist des Presschens, or in fact any columnist, würde ich diesem Satz noch diesen typischen peinlichen letzten Satz aufsetzen: »Er schmiert kursiv.«