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01.01.2014

Patois

Werbeplakate in der Gebietssprache. »Söba denkn, söba mochn, söba tuan.« Warum nicht söwa und dengn oder gar deingn und duan. Weil Wien als Hauptstadt eine Meta-Dialektalphabetisierung verwenden muss, lässt das Schriftbild der Hochsprache nie ganz hinter sich. Auflachen beim Wort »anders«: sie schreiben onders; wie von einem Ausländer gesprochen.
Lebenshilfe Wien. Befremdlicher Kontrast des Dialektzitats der im Rollstuhl Sitzenden und des Werbespruchzusatzes in Hochsprache: »Das ist Inklusive.« Die Behinderten sprechen Patois.

27.10.2013

Si radicalisses

Heut’ hat’s Presschen wieder einen wunderbaren Apostroph g’setzt. Ein Ausspruch der Sängerin Angelika Kirchschlager wurde aufgeschrieben als: »Ich radikalisier’ mich immer mehr.« Das liest sich herrlich Wienerisch-Nestroyanisch.
Ihr Buch könnte »I’ erfind’ mi’ jed’n Tøg neu’« heißen – jawohl, mit einem Chutzpe-Apostroph auf dem »neu«! Und mit dem auf korrekte visuelle Repräsentation eines Dialektlautes abzielenden ø. Und mit dem brav harten t, eine Schreibweise wie in gedrucktem (und meistens auch so gesungenen) völkischem Liedgut. Das wäre so spitzbübisch, klass’ und leiwand wie ein gelungener Jodler. Ich meine es ernst.
Ich interessier mich jeden Tag aufs Neue für Schreibweisen. Neulich habe ich einen Buchstaben erfunden, der den Dialektlaut »eiü« darstellt, das

11.08.2013

Vereinigte Bundesländer von Österreich

Sich in die österreichische Gesellschaft integrieren heißt sich in eine US-amerikanische Gesellschaft zweiter Ordnung zu integrieren und von einem Blutsbund mit Ritualen geduldet werden, auf die man gerne verzichtet, die man aber zumindest qua Lippenbekenntnis toll finden soll und der man auf keinen Fall eigene Rituale zur Seite stellen darf, außer an designierten Kulturabenden progressiver Volksschulen, Pfadfinderlagern und in Broschüren. Es gibt keinen Grund für den Türken, diesen Pfad zu gehen. Ein Türke ist ein türkischer Bürger erster Ordnung. Kanzler Kohl, wie die neulichen Enthüllungen zeigen, schätzte das so ein. Der spielte nicht den Beleidigten, wenn seine Gastarbeiter ihrem Gastland keinen leidenschaftlichen Dank darbrachten (als ob dies deutsche Art gewesen wäre!), sondern erkannte den Unterschied zweier Kulturen an und glaubte, zumindest privat, an eine sinnvolle Grenze für die Minderheitsbevölkerung.
Inklusive Kohl hat kein »ernstzunehmender« Politiker öffentlich so gesprochen und lässt damit zu, dass der Pöbel weiterhin dem Irrglauben anhängt, ein Türke müsse sich integrieren in die Gastkultur. »Auch wir sind ein Volk erster Ordnung!«, sagt er. Der Türke soll Österreicher werden. Mitsingen soll er: »I am from Austria«, das Lied des österreichischen Plebschanteurs Wolfgang Fendrich, dessen Klimax in englischer Sprache verfasst ist, damit die amerikanische Gesellschaft erster Klasse weiß, welches Untervolk des Kapitalismus sich da zu Wort meldet.
Just diese »eigentliche« österreichische Nationalhymne traut sich nicht, in einer österreichischen, für die Umwelt fremden Sprache die Nation kundzutun.
Ein Volk, eine Gesellschaft, ein Staat wie Österreich ist für den Nationalisten – und das sind die meisten Leute, man kann bei diesem Thema nicht mit Internationalität à la Robert Musil daherkommen – stets bloß als angenehmer, drolliger oder gefährlicher Bastard zu betrachten, angenehm wenn aus ihm eine Erfindung zur Besserung der westlichen Welt entspringt, drollig wenn das Urvolk aus seinen Eigenheiten eine überregionale Ware herstellt (z.B. DJ Ötzi in deutschen Ländern; früher Arnold Schwarzenegger, nunmehr Christoph Waltz in der Filmwelt); gefährlich, wenn eine Abkehr vom westlichen Weg gewittert wird, z.B. wenn im Erblicken Jörg Haiders Erinnerungen an Hitler wachwerden (Heinz Christian Strache wirkt in dieser Hinsicht gefährlicher – erstens, weil er am Leben ist, zweitens, weil irgendwas an seiner Visage so gemein aggressiv rüberkommt, dass Haider im Vergleich dazu ein charmant-gefährlicher Mephisto ist, der linke Frauen feucht werden ließ. »Ich bereue mein Lebtag, ihn kein einziges Mal gewählt zu haben!«)
Es soll einmal ein Politiker auftreten, der Nationalist ist, aber gelassen: ein Österreicher durch und durch, der Türken nicht hasst, die EU gut findet, aber bei der Idee der »Vereinigten Staaten von Europa« seinen Most auf die Heurigenbank speit, weil er sich mit der Kleinheit und den schlecht exportierbaren Eigenheiten seines Landes abfindet und kein Leben lang den Anschluss an eine größere politische Einheit erstrebt (wie z.B. Niko Alm).

07.02.2012

ORF: Die Mikrowellenspeisen unter den Journalisten

Erstmals zu diesem Thema niedergeschriebene Gedanken siehe hier.

Jeden Tag höre ich Sätze mit doppelter Subjektnennung aus dem Mund eines ORF-Angestellten sprudeln (manchmal wahrscheinlich sind es nur Freie Mitarbeiter des ORF, die aber ebenso gut diese Technik beherrschen. Sie müssen wirklich endlich alle angestellt werden.)

Heute schrieb ich wieder eimal frohgemut einen auf!

»Unsere Schistars die sind auf alles vorbereitet.« (Kein Beistrich gewollt)

Dieser Satz! den hat der Adi Niederkorn gesprochen. Armin Wolf der hätte ihn aber auch sagen können. Alle ORFler, sie reden alle so. Diese Leute sie setzen nicht einmal mehr eine Pause zwischen Nennung des Subjekts und dessen Wiederholung. Die kennen kein Salzen; da sticht man rein, dann wird es warm und geht auf. Mikrowellenfressen.

Egal, welcher ORF-Reporter das Maul aufreißt, sie haben diese nervende Art, das Subjekt, von dem sie gerade sprechen, ein zweites Mal anzugeben –

1. wohl um rhetorisch begabt zu wirken, Dramatik in den Text zu bringen (was aber in obigem Beispiel erfordert hätte, dass Niederkorn eine Pause macht; hat er aber nicht; daher meine Niederschrift ohne Beistrich. Eigentlich macht keiner mehr diese Pause [A la »Mon amie, elle a....«]. Es ist ein dummer Selbstläufer geworden).

2. oder die scheinbar dummen ORF-Seher und -Hörer müssen daran erinnert werden, von welchem Subjekt vor zwei Sekunden, von welchem Subjekt gerade die Rede war (vor zwei Sekunden).



18.09.2010

Ichbotschaft in der Kirche

Religion »Geschmackssache« und religiös sein nunmehr schlechter Geschmack (Nietzsche) – daher:

Was ist – im schlechten Geschmack – der »bessere«, d.h. weniger schlechte Geschmack? Die Ichbotschaft. Weniger Schämen notwendig, wenn man Glaubensbekenntnis aufsagt (ich glaube an Gott.... Ich glaube an... die heilige katholische Kirche....), als wenn man eine Fürbitte unterstützt: »Wir bitten dich erhöre uns.« Fall 1 hat noch etwas von Fantasie und Willen (»Lass mir meinen schlechten Geschmack! Wir sind in dieser Kirche auf einer bad taste party, und wir amüsieren uns!«), bei Fall 2 kann man schon gar kein Wohlwollen mehr entwickeln für solche Jämmerlichkeit....

Sorryisten (III)

Hab heute mein zweites Doppelsorry bekommen: SMS: »Na [nein] sorry! Bin erst grad vom fußballmatch heimkommen! Sorry«
Falls die Person – die ich natürlich gernhabe und der ich dankbar für ihr Sprachmaterial bin – dies hier jemals zu Gesicht bekommt – biete ich ihr natürlich folgendes an: Sorry, mein Freund, Sorry!

01.09.2010

Sorryisten (II)

Harald Fidler, Standard-Medienredakteur am Rande einer Randnotiz: »Sorry für Tippfehler und womöglich im Nichts endende Sätze: Die Randerscheinungen entstehen als rasche Randnotiz.«

31.08.2010

An alle Sorryisten -

sorry, ich muss mal schnell über euch lachen.

Ein Plädoyer gegen das unüberlegte Ausstoßen eines »Sorry« oder das Schreiben eines flotten »sry« würde moralisch und altmodisch klingen. Gegen den verbalen Schlag ins Gesicht »tut leid« hat »dag« oder »rau« schon irgendwann im Jahr 2003 oder 2004 einmal auf der Standard-Titelseite geätzt – ich erinnere mich, ich war damals Schüler und Standard-Leser und es war die letzte Standard-Glosse, die mir gefallen hat.
Ich liste hier einfach die geilsten Sorrys auf, die mir je untergekommen sind. (Und es ist mir ja irgendwie peinlich, dass mir gar so viele untergekommen sind; ich fühle mich minderwertig, wenn mir wer ein »Sorry« rüberschiebt. Egal!)

Arbeitskollege rülpst und sagt »Sorry«.
Ich frage einen Freund, ob wir Tennis spielen gehen, er sagt: »Heute eher sorry«.
Anderer Freund vergisst Tennistermin und antwortet per SMS mit einem Verzeihungs-Overkill: »Verdammt!! Hab vergessen dich zurück zu rufen! Sorry. Es geht sie heute bei mir leida net aus. Tut leid«
Eine Erstsemesterin bietet mir an, mir einen Platz in der Inskriptionsschlange freizuhalten und schreibt Stunden später, nachdem ich mich bereits anderswo durchgekämpft und alles erledigt, die aufdringliche Pseudohelferin aber nicht darüber informiert hatte: »Sorry!leider haben die leute dort mit 499 aufgehört und dann vor meiner nase die tür zugemacht!hätte dir geschrieben aber war so verärgert dass ich vergessen habe! lg«
»Sorry bin wieder spät dran.« Gibt's das auch als Vorlage?
»Sorr, hab schon wieder verschlafen. Soll ich noch nachkommen? Bräuchte 30 minuten.«

Ist fortzusetzen!

26.08.2010

»Bitte zurückbleiben!«

Via Armin Thurnher (Falter 34/10): Die Wiener Linien ändern die Bekanntgabe eine Station verlassender Ubahn-Züge von Sssugfeadapp (written by Armin Thurnher) auf »Bitte zurückbleiben«. Thurnher bemerkt die melancholische Zweideutigkeit des Satzes und macht ein simples "Bitte nicht mehr einsteigen!" schmackhaft.
Ich finde beide Varianten ungeeignet. »Zug fährt ab!«, das war eine unaufgeregte Ichbotschaft. Kein Befehl. Man frage seinen Lebensberater, was dem modernen Menschen besser passt.

25.08.2010

Poetische Prosa (I)

In dieser Serie sammle ich Sätze, die in prosaischer Umgebung hervorleuchten. Ich entnehme sie Zeitungen, Büchern, der Fernsehwerbung, und gebe Ihnen die Form eines Gedichtes.

“I look at the wind on the trees. I watch the swimmers go back and forth,” Mr. Colley said. “I usually come here to clear my head.” Mr. Colley wird vom Autor der New York Times geschickt als der ruhige, das Leben betrachtende Held an das Ende der Story gesetzt: Es geht, im Rahmen einer Serie, um die Leidenschaft des digitalen Menschen, freie Zeitlöcher mit Fernsehkonsum, Telefonaten, Apps und Games zu stopfen. Das Zitat in zwei Verse formiert:

I look at the wind on the trees.
I watch the swimmers go back and forth.

Und leicht modifiziert, um das Formgesetz des Haikus zu erfüllen (zumindest in seiner abstraktesten Forderung: fünf Silben, sieben Silben, fünf Silben; ungeachtet möglicher Zäsurverbote):

I look at the wind,
on the trees, and the swimmers
going back and forth.

Wem das zu cheesy ist, der lese den ganzen Artikel. Da kommt der Spruch dann ohnehin am besten raus, als poetische Prosa.

11.11.2009

Für Beethoven, gegen Wixer

In diesem Beitrag widme ich mich der Verschriftlichung der deutschen Sprache. Ausgehend von der Betrachtung eines gewissen wienerischen Manierismus in der Tageszeitung »Die Presse« (fortan »Presschen«, welchen abfälligen Spitznamen ein leider unverlinkbarer Freund ihr gegeben hat), entwickle ich Zorn gegen jede Art von solchem »schwankenden« Sprachbewusstsein und eine Neigung zum »ursprünglichen« Sprachbewusstsein Martin Luthers.
Ich behaupte dann: Menschen mit ursprünglichem Sprachbewusstsein können »stramm« sein, Menschen mit schwankendem Sprachbewusstsein nicht. Es liegt im Interesse jedes/r Volks(wirtschaft), in Grundschüler ein ursprüngliches Sprachbewusstsein zu programmieren, um Wohlstand zu erhalten.

Ich lese im Presschen Wörter, die gemäß dem »Wienerischen« lautgeschrieben sind. Ich lese: »Ruh’«, »Freud’«, »Fried’«, »Sünd’«. Dem derzeit korrekten Schriftbild (Ruhe, Freude, Frieden, Sünde) wird getrotzt, und gleichzeitig wird durch die Setzung des Apostrophs gezeigt, dass man trotzt. Dass der Apostroph dazu da ist, Auslassungen zu bedeuten, nutzt der Presschen-Redakteur schamlos aus: Er setzt den Apostroph, um zu zeigen: Wir sprechen unsere eigene Sprache. Wir mögen die Preußen nicht. Wir spielen den Sound unserer schönen österreichischen parole.
Es ist demnach nicht nur ein Norm-Ungehorsam, sondern die Setzung einer neuen Norm, wie die parole autrichienne (die in diesem Fall vom Wienerischen, von Grillparzer über Nestroy und jenseits bestimmt wird) als langue auszusehen habe. Sätze wie »Das ist eine Red’« erzeugen den Mythos des gesprochenen Wienerischen. Genauso wie jemand einmal das Walzerspiel der Wiener Philharmoniker zu mythologisieren versuchte, indem er behauptete, die dritte Viertelnote werde kaum noch angeschlagen, sondern, einem feinen Sahnehäubchen gleich, dem Vorherigen nachgehaucht. Würde man diese Spielart in Partituren vermerken, könnte man einen Apostroph verwenden!

Der Wiener Apostroph – ein Signifikant für heiter Nachtorkelndes, Gemütlichkeit, eine gütige Stimme, Weinseligkeit.

Noch mächtiger ist die Ausstrahlung eines Apostrophs, wenn er im Feuilleton des Presschens steht. Denn das Presschen druckt die Überschriften der großen Artikel, oder ausgesuchte einzelne Wörter, im Feuilleton kursiv, damit unabhängig vom Inhalt der Überschrift ein eigener Mythos des geistreichen Feuilletonisten erzeugt wird.

(Exkurs. Wer sehen will, wie sich der Gott aller nachmodernen Schmetterling-Werbesujets, Vladimir Nabokov, über Journalisten lustig macht, dem sei dieses Video, 4:25–5:11, empfohlen. Nabokov verabscheut »journalistic clichés«, und er verabscheut Schriftsteller, die Wörter kursiv setzen, um tolle Gedanken darzustellen. Das Presschen-Feuilleton, das sich qua Feuilletonsein von journalistischen Klischees fernhalten will, tappt in eine andere Falle.)

Der Mythos des geistreichen Feuilletonisten verstärkt den Mythos aus den Elementen einer süßlich-morbiden »Viennität«.

»Das ist eine Red’«,
oder konsequenter:
»Das is’ eine Red’«
sind dann Das Wienerische.

Überschriften- bzw. Mythenleser werden ungewollt in den Strudel von Wienertum gezerrt. Und dieser Strudel ist nicht das süße Struderl, das Christoph Waltz in »Inglourious Basterds« verzehrt, sondern ein tödlicher Sumpf aus allen Zuckerrüben, die notwendig sind, um den täglichen Zuckerbedarf Wiens und seiner Touristen zu stillen, plus allen toten Körpern, die täglich in die Erde des Wiener Zentralfriedhofs spediert werden.

Man bleibt dergestalt kleben, dass eine Entwicklung zum produktiven Staatsbürger verhindert wird.

Anders gesagt: Man ist eben doch das süße Struderl. Man ist in dem Film ein witziger Einfall, aber allgemein, kulturell-mahlzeitlich betrachtet ist man ein winziges Element, Nachspeise, Epilog. Großer Braten: Macht, Höhepunkt ist man nicht.

Welcher halbwegs kosmokratische österreichische Politiker kann dem zustimmen?
Und wie kann man die zukünftige Generation vor diesem Strudel schützen?

Bei Gott, mit Luther!

Ich lese in Martin Luthers Predigt »über das Eheleben«, dass es eine »Sünd« gebe, und bin sofort aufgegeilt. Wie er das schreibt! So einsilbig! Wie es dasteht! Wie frisch es ist, wie zielstrebig! Wie unzweideutig! So – stramm!

Man sagt, Luther habe den Leuten auf den Mund geschaut – und demnach sah er auf den Mündern (»Münd«?!) das Wort »Sünd«. Nicht »Sünd’«. Also waren die Münd stramm. Die Münd gehörten den Leut. Die Leut waren stramm.

Ich nenne Luthers Skription »ursprünglich«, denn Luther war der erste deutsche Schriftsteller. (Nietzsche und Goethe verehrten ihn diesbezüglich.) Seine Skription ist der Ursprung deutscher Schriftsprache und im Zuge der Literarisierung bis zum Pöbel nachwirkend.

Wende ich mich wieder dem Presschen zu, wird deutlich, dass das Wort »Sünd’« ursprünglich empfunden sein mag, aber nicht ursprünglich geschrieben ist. Sein Ursprung ist das Jetzt. Sein Raum ist Wien.

»Sünd’« zu schreiben ist nach-ursprünglich: dem Sündenfall »Germanisierung des Schriftwesens« bloß folgend. Es ist ein von der Erbschuld, Luthers Deutsch, erfasstes Kind, aber nicht der Zeuger oder die Gebiererin. Luther ist Adam, das Presschen ist Kain. Auf seinem Haupt trägt Kain einen Apostroph.

Wo und wann immer ich das Presschen sehe: der Versager Kain steckt drin, denn Kain schreibt ja diese Zeitung.

(Ich könnte weiterätzen und dem oft die Werbelinie wechselnden Presschen raten, die berühmte, jahrelang mannigfaltig variierte F.A.Z.-Werbung zu remixen: »Dahinter steckt immer ein Versager.«)

Ursprünglich schreibt man »peccatum«, dann kam Luther und schrieb »Sünd«, ihm folgten Leut à la Goethe, Grimm, Duden, die ein »e« hinzufügten. Dem Wiener Presschen-Redakteur bleibt nichts, als sich in seinem Jetzt vom Lauf der Geschichte bisher marginalisiert zu sehen: Denn er kann nicht »Sünd« schreiben, weil er »Sünd’« denkt, und nicht »Sünde« denken, weil er »Sünd’« schreibt.
Ein Kain sein heißt, ein Verlierer zu sein.

Ich versuche, dies »abgekühlt« zu formulieren. (Karl Heinz Bohrer verwendet gerne die Wendung »etwas systemtheoretisch abkühlen«, siehe diesen Kommentar sowie einen Aufsatz über fehlenden Willen zu Strammheit in Merkur, 61. Jg., 8/9, S. 667. Zum Systemtheoretiker bringe ich es nicht, aber »abkühlen« ist eine gute Metapher.)
Ein Nicht-Hochdeutsch-Programmierter empfindet die hochdeutsche Skription als Norm. Empirisch lässt sich feststellen, dass er sich daran hält. Seine von der Norm abweichende Sprache wird er in eine normierte Skription immer nur als Irritation, als ironische Geste, als »Schmäh« einbauen können.
Poetisch lässt sich feststellen, dass ein »Schmäh« nur ein »Schas« (hochdeutsch: Furz) ist.
Erbaulich lässt sich dann sagen:
»Was aber Furz ist, fahre zum Teufel.«
Ein Leben abseits der Skriptionsnorm ist ein Leben außerhalb der herrschenden Klasse. Ein Leben für Loser, Schwächlinge.
Ich will kein Loser sein, und eine Volkswirtschaft braucht keine Schwächlinge.

Nietzsche würde jetzt fragen, hat man mich verstanden?, und ich glaube, das ist ein guter rhetorischer Trick, um Redundanz zu verdecken. Ich fahre also fort:
Als Kain lebt man in einem perpetuierten Pinballsprung (ein Wissenschaftler würde sagen »oszilliert«) zwischen dem eigenen, als »ursprünglich«, und einem anderen, als »legitim ursprünglich« empfundenen Sprechen.
Und weil ja Sprechen Sprache ist, und Sprache, Heidegger und Gadamer auf einmal zitierend, ein »Haus des Seins das verstanden werden kann« ist, befindet sich dieses Sein im Schwanken.
Wo aber das Sein schwankt, ist es nicht stramm. Und wo der Mensch nicht stramm ist, bringt er nichts weiter.
Und dass man was weiterbringen soll, darf ich jetzt aber bitt’schön als von einer breiten Mehrheit der Leut’ akzeptiert annehmen!

Ich kann der Mehrheit die notwendige Motivationssemantik besorgen.
Ich imaginiere den Namen der Wiener Stadtzeitung »Falter«, die übersetzt »schwanken« heißt. Ich erinnere ein Foto, das den Chefredakteur Armin Thurnher eine britische Tabloid-Zeitung lesend zeigt, auf der steht: »We must not falter!«
Und so rufe ich:

WIR DÜRFEN NICHT SCHWANKEN!

WIR WOLLEN STRAMM SEIN!

Hat man mich gehört? Ich hoffe. Nur sind noch nicht alle mit den Konnotationen zu Luther einverstanden. Ich werde als Kämpfer für Strammheit in Wien mit Luther und seiner nie entluthiferisierten Vergangenheit die Leut nicht zum Rocken bringen.
Ich spreche daher mein strammes Sein aus im Namen »Beethoven«.
Den lieben die Wiener. Und der Träger dieses Namens, Ludwig van Beethoven, war ein Strammer, der auch am Hofe so wild sich betrug, dass man ähnlich den Franzosen angesichts ihres Revolutionspöbels nicht anders konnte, als zu kapitulieren: man bat ihn nicht mehr, das Zeremoniell zu befolgen. Goethe nannte ihn eine »ungebändigte Persönlichkeit«. Wir lassen dies auf uns wirken, forschen nicht weiter nach, und nennen Beethoven stramm.

Den Schwanker, den Falterer, den ontischen Wiener, wie nenne ich ihn?
Schwanker trägt in sich die Buchstabenkonstellation »wank«, »wank« hat das Substantiv »wanker«, und dies bedeutet auf Englisch »Wichser«.
Ich nenne den Schwanker »Wixer«.
Wer trug diesen Namen?
Eine Figur aus dem besten Stück von Nestroy. Einer der drei Freunde (neben Sporner und Stifler) des »Zerrissenen«, Herrn von Lips.
Ich schlage eine beliebige Seite auf; schon wird geschwankt.
»Wixer. Das is das Wahre. Klein muß a G’sellschaft sein, aber honett, nacher is’s a Passion.«
»Wixer (ihre Hand ergreifend). Liebes Handerl das! (...) Was glaubst a so? Stund’ gar nit übel z’samm’, das Paar Händ’?«
»Wixer. Da hab ich, glaub ich, auch was dreinz’reden; Eigenmächtigkeiten leid ich nicht.«

Wie gesagt, meine Argumentation könnte vor allem volkswirtschaftliche offene Ohren finden, da Strammheit wichtig für den Wohlstand ist. Man wird mithilfe meiner Ausführungen etwas Strammes von etwas Schwankendem unterscheiden können.
Ein Strammer stößt das Wort »Sünd« aus; es tost wie op. 92, vierter Satz.
Ein Schwanker sagt zuckersüß-ranzig »Sünd’«; er schmiert.
Wäre ich ein Kolumnist des Presschens, or in fact any columnist, würde ich diesem Satz noch diesen typischen peinlichen letzten Satz aufsetzen: »Er schmiert kursiv.«

06.11.2009

Wie ich mich im Studentenpöbel aufputschte

Generell: Um mich aufzuputschen trink ich in meiner Wohnung eine Flasche Wein, schließ mich an die Kopfhörer und dresch mir zwanzig geile Lieder rein.

Braucht es mehr? Gewisse Teile meines Hirns oder meiner Seele sagen ja. Eine abgefuckte platonisch-moralische Stelle sagt: »Sei dabei bei einem großen Aufputschen!« Ihr folgt der Aufruf meiner erbärmlichen, nie upgedateten Englisch-Software, die mir all die Obama-Momente vorspielt, die so fake sind wie die Mondlandung, und mir versichern, ich werde dabei sein, wenn »history in the making!« ist. Dann mein kategorischer Imperativ will mir wieder den Schwanz aufblasen, damit er größer wird als jener der 68er-Generation, und es ist beschlossen. Ich gehe.
Ich verlasse mein Reich, begebe mich in die schäbige Pöbelwelt, um meine schlechteren Selbsts eines Besseren zu belehren: ihnen zu zeigen: es macht keinen Spaß, auf ne Demo zu gehen; Zeit für verlorene Ideale zu verlieren; vom Eisbären vergewaltigt zu werden; mein Geld von der Wurst-, Fleischballen-, Punschindustrie aus der Tasche gezogen zu bekommen.

Wie lief es? Versöhnlich. Es gab bei der Schlusskundgebung im Wiener Märzpark ein paar aufputschende Momente.

* Nach politischen Reden spielten die Attwenger. Wie ich, der intelligente Teil von mir, erwartet hatte, eröffneten sie mit »Ka Klakariada«; ihr Hit musste, anders als bei reinen Konzerten, gleich zu Beginn her.
Das Lied ist eine Litanei gegen den Common Sense; beim deutschen Namen genannt wird er in diesen Zeilen:
»Wenn [kleinkarierte Leute] ein Problem haben, und sie kommen durcheinand’, / dann kommen sie mit dem Ärgsten, und das ist der Hausverstand.«
Pöbel applaudierte, und ich fand’s auch stark, wie immer, wenn ich dieses Lied höre. Und ich höre es nur selten, damit ich es immer stark finde.
Es ist Therapie. Man bringt tanzend (ich schöner Geist: nur imaginierend) seinen Körper in Einklang mit der kraftvollen Musik und wird Eins mit dem Schlagzeugersänger: dem 46-jährigen, aber immer noch so »like, youthful« wirkenden Markus Binder. Wir trommeln ekstatisch und wünschen der Menschheit, in ihrer Scheiße zu ersticken, und indem wir das tun, befreien wir uns von ihr. (Erbärmliches Deutsch. Von der Menschheit befreit oder von der Scheiße?)

* Die Reden selbst waren voller Hausverstand; voller Solidarität, voller Anti-Kapitalismus, -Sexismus, -Rassismus –––– voll von Abstraktion, von Wörterbucheinträgen.
Solidarität bedeutet »Zusammengehörigkeitsgefühl«.
Rassismus bedeutet – keine Ahnung!!! Das steht in meinem Wörterbuch nicht. Das find ich witzig. Mein »Deutsches Bildwörterbuch für jedermann« von Brockhaus ist aus dem Jahr 1940. Weil ich hab nicht viel Geld, ich kann mir nur ein abgefucktes Wurmfraßwörterbuch beim abgefuckten Antiquaren leisten. Jetzt haben sie 1940 Begriffe gedruckt. Da war der Rassismus en vogue, war lebendig, und demnach brauchtest du ihn nicht im Wörterbuch definieren. Und demnach lebt der Rassismus heutzutage nicht, weil heute steht er ja im Wörterbuch; und er ist in aller Redner Munde, an diesem Abend: der Hausverstand ist ihr einflüsternder Beistand.

* Weg vom Hausverstand! Weg mit dem Hausverstand! Das Geile an dem Attwenger-Song ist ja die Aggressivität: Mr Common Sense wird mit Pisse getränkt und in die Luft gesprengt.
Wenn ich mich an diesen Abend zurückerinnere und mein tadelloses Gedächtnis verweigert die Herausgabe von Hausverstandsinhalten, bleiben nur wenige aufputschende Punkte über, die es während der politischen Reden gab:

* Ein Aktivist, namens »Ben«, aus Deutschland, sprach flott. Er rief: »In Deutschland brennen die Unis!«, und wie er das gesagt hat, und im Schwall seiner rausfetzenden Worte, verstand ich das, als ob ein Feuersturm aus Wien, über österreichische Provinz, nach Deutschland hinfegend, dies verursacht habe.
Das war geil, und ich bekenne, meine vom vielen Naziunterricht und Nazitratsch und Nazichic versaute Fantasie – unfähig, eine Vorstellung ohne Naziges hervorzubringen – erarbeitete eine Story – we neuroscientists call them »constructs« –, in der dieses Mal der Deutsche nach Österreich kommt, in Österreich aufsteigt, Österreicher wird, und Deutschland an Österreich anschließt. ––– (Dieser Gedanke kommt mir einmal pro Woche; wird noch lange so kommen; bis er Wirklichkeit wird. Aber ich verspreche, ich schreibe das hiermit zum ersten und letzten Mal auf.)

* Eine feministische Lesbe – als welche sie und zwei Kolleginnen offiziell vorgestellt wurden und auftraten!!! – forderte verpflichtende Auseinanersetzung (auf der Uni, was es, z.B. in der Germanistik, schon gibt) mit feministischen Inhalten. Sie sprach davon, dass der Sexismus schuld daran sei, dass viele Frauen verunsichert seien.
Was, die hat mich aufgeputscht? Ja! Mir gefiel ihre Inszenierung ihrer eigenen Unsicherheit: inmitten eines (von einem zerschnudelten Blatt Papier abgelesenen) Satzes tat sie so, als bringe sie ein Wort nicht heraus; sie setzte erneut an, es zu sagen; sie scheiterte; sie versuchte es wieder; sie versprach sich wieder; wieder; wieder ––– und sagte endlich: »Wurscht!« und fuhr mit dem nächsten Wort fort. Alles hat ein Ende, und »Wurscht!« ist von allen Wörtern dieser Lesbe das Ende!

* Eine attraktive Taubstumme trat auf. Man begrüßte sie mit der stillen Gebärde für Applaus: über dem Kopf raschelnde Hände. Sie war sehr hübsch, mit langem blonden Haar, dunkelgrüner Jacke, in guter Form; und beinahe hätte auch ich geraschelt (ich hatte mir geschworen, nie zu klatschen oder sonstige Zustimmung zu geben). Sie begann. Sie stand unter Spannung. Sie war nicht nervös. Sie redete eifrig. Sie setzte ihre Hände und Arme wie Waffen ein. Sie bewegte sich wie ein Slalomprofi. Sie boxte Worte. Sie redete rappend. Ich meine das nicht ironisch. Sie war super. Aus ihrer Rede strömte Kraft. Nach jedem Statement hielt sie inne, erwartete Applaus; das Dolmetsch humpelte nach, war nie fertig mit dem In-Worte-Fassen; schon streckte sie die Arme nach unten, mit den Händen, the palms of which were challengingly directed toward the people, nach oben fahrend; mit dieser Bewegung Applaus hervorziehen, das Ausbrechen von Applaus beschleunigen wollend; ––– sie war bewegend und mitreißend.

* Das Dolmetsch, ihre Übersetzerin, sprach anfangs zu leise ins Mikrophon, das ja auch dazu gedacht ist, das Kleine (mikron) zum Tönen (phonein) zu bringen.
»Lauter!«, schrie wer, und einige schmunzelten über die Ironie der Situation: Die lautlose Rednerin konnte ja nichts, in unserem Sinne, hören, und auch keine schönen Töne produzieren; das »Lauter!« galt natürlich dem Dolmetsch. Aber die Ironie schlägt zu: Für eine Hundertsel Sekunde denke ich, dieses »Lauter!« gilt der Stummen, und ebenso lange hoffe ich, dass sie es erhört, sich ein Herz fasst, und anfängt, zu sprechen, »echt« zu sprechen! ––– Nur: das Furchtbare an der Situation: ihre stille Rede, die Dynamik ihres Körpers, die blitzschnell sich windenden, Figuren zeichnenden Hände, ihr Mund, der das Gesagte stumm interpunktiert, – diese stille Rede kann man nicht in gesprochene Sprache, parole, übersetzen!!!

* Daher schließe ich mich einer Forderung der Taubstummen an: Minister und Unis, stellt taubstummes Lehrpersonal an. Ob es dann, wie immer, nicht nur gute Redner geben wird?