09.08.2013
Wohnen im Erdgeschoß
Nach dem aller Wahrscheinlichkeit nach heute erfolgenden Konkurs der Schlecker-Nachfolgefirma Dayli kann man sich auf Umwandlung vieler der hinterlassenen Geschäftsräume in Wettbüros gefasst machen. Was okay ist, soll der Pöbel sein Geld in Spielautomaten reinstecken.
Aber aus kleineren Geschäftslokalen, die schon seit längerem leerstehen, sollen private Wohnungen entstehen, finde ich, dann sähen die Straßen nicht so öde aus, die Wohnungspreise könnten wegen erweitertem Angebot etwas fallen, und die Stadt Wien könnte Lorbeeren für politischen Realismus ernten: wir brauchen heute nicht mehr so viele kleine Geschäfte.
07.08.2013
Unhöfliche Höflichkeit
Die Rubrik »Sorry tut leid fuck you« ist ja am Verkommen! Sind die Leute auf einmal nicht mehr abstoßend? Nein, schon noch... krieg ich dieses Mail gestern: »Hallo, hoffe es geht gut.« RE: »Ja, es geht, mir zumindest, gut – danke der Nachfrage, fuck you! (Tut leid… leider geile Antwort, sorry…) (aber letztlich selber schuld...)«
Sex Sonderwirtschaftszone
Eine
kleine Yacht segelt auf die Diaoyu-Inseln zu. Die für zuständig sich haltenden
Küstenwachen – Japans, Chinas und Taiwans – machen sich auf, die Besatzung zu
überprüfen: Freund oder Feind? Sie nähern sich auf ihren agilen
Mini-Schlachtschiffen gleichzeitig der Yacht, umzingeln sie. Die Küstenwachen
können und wollen sich untereinander nicht verständigen, der Befehl jeder
einzelnen Küstenwache wird als der souveräne und sofort zu befolgende erachtet,
aus drei Megaphonen, in zwei Sprachen, kommt der wiederholte dringende Befehl: Kommen
Sie heraus und weisen Sie sich aus.
Im Inneren
der Yacht: »Fuck!« (ärgerlich, wg. des Befehls); »Aaaah, fuck me!«
(leidenschaftlich); »Uaah ah uuuhh!« (ventilmäßiger Ausruf, damit der
Ausrufende nicht vor Lust platzt); »Äääii ääääääii üääää!«; und crescendierend
lustvoll: »fuck, fuck! fuck!! FUU-AAHH-CK!!!«
Nach ein
paar Minuten: zwei nackte Frauen und zwei nackte Männer steigen auf das Deck
heraus und zeigen ihre Ausweise: Han-Chinese, Volksrepublik China; Japaner; Japanerin
(Äääii!); eingeborene Taiwanesin.
200 Jahre
später einigen sich Japan und China (zu dem Taiwan als Provinz längst wieder
offiziell gehört), die Inseln Fischer Islands zu nennen und darauf eine
staatenfreie Sonderwirtschaftszone zu gründen – mit riesigen Hotels, die auf
den ersten Blick abstoßend wirken, aber in ihrem Inneren finden Touristen die
vielfältigste und hochwertigste jemals auf einem Ort versammelte Angebot von
Prostituierten vor. Keine Visumspflicht, keine Steuer. Erträge stammen aus
einer Schiffs- und Hotelzimmertaxe und kommen dem japanischen Fiskus und der
Parteikasse der kommunistischen Partei Chinas zugute.
05.08.2013
Schmutzige Böden, made by Apple, BMW & Co.
Die chinesischen Böden werden nicht von irgendwem verschmutzt, nicht (nur) von kleinen Fabriken, sondern von den Konzernen, vermutlich zumindest.
Drei Brennpunkte:
Die Behörden untersuchen Zulieferer des Technologieunternehmens Apple im Westen von Shanghai, die mehr Schwermetalle als erlaubt in die nahen Flüsse leiten.
Die Behörden sträuben sich vor einer eiligen Baugenehmigung für die Erweiterung eines BMW-Werks in Tiexi 铁西 bei Shenyang, da im Geschäftsplan ungenügend klar dargelegt sei, wie in der Fabrik Abwässer entsorgt werden.
Die Behörden, wie ich von einem Freund weiß, haben für einige Tage das Werk eines europäischen Chemieunternehmens im Osten des Landes stillgelegt, da es auch hier zu (neuerdings) unerwünschtem Ausfluss schädlicher Stoffe in den Boden kam.
Ein chinesischer Beamter äußerte im Wall Street Journal: Was bringt es uns, in BMW-Limousinen herumzufahren, wenn wir dafür kein sauberes Wasser trinken können?
Drei Brennpunkte:
Die Behörden untersuchen Zulieferer des Technologieunternehmens Apple im Westen von Shanghai, die mehr Schwermetalle als erlaubt in die nahen Flüsse leiten.
Die Behörden sträuben sich vor einer eiligen Baugenehmigung für die Erweiterung eines BMW-Werks in Tiexi 铁西 bei Shenyang, da im Geschäftsplan ungenügend klar dargelegt sei, wie in der Fabrik Abwässer entsorgt werden.
Die Behörden, wie ich von einem Freund weiß, haben für einige Tage das Werk eines europäischen Chemieunternehmens im Osten des Landes stillgelegt, da es auch hier zu (neuerdings) unerwünschtem Ausfluss schädlicher Stoffe in den Boden kam.
Ein chinesischer Beamter äußerte im Wall Street Journal: Was bringt es uns, in BMW-Limousinen herumzufahren, wenn wir dafür kein sauberes Wasser trinken können?
Abreagieren und Aufgeilen
M o b y D i c k fängt also damit an, dass der Erzähler genug vom öden Festland hat und aufs Meer will, und er merkt es daran, dass er rastlos auf der Straße herumzieht und den Leuten die Hüte vom Kopf schlagen möchte.
Was mich wieder einmal an die Hutfrage erinnert, von der ich im Jahr 2005 beim Lesen dieses köstlichen Aufsatzes im Spectator erfuhr, und die im Zusammenhang mit dem Anfang von Moby Dick sich so stellen lässt:
Was mich wieder einmal an die Hutfrage erinnert, von der ich im Jahr 2005 beim Lesen dieses köstlichen Aufsatzes im Spectator erfuhr, und die im Zusammenhang mit dem Anfang von Moby Dick sich so stellen lässt:
Gäbe es weniger Amokläufe, wenn wir Hüte trügen, so wie früher? Würden Amokläufer sich besser zu erkennen geben, wenn sie ein paar Tage vor dem völligen Durchrasten eine Spur abgeschlagener Hüte auf die Straßen zauberten, nach denen verwunderte und verärgte Herren sich niederbeugten; anstatt obskure, zum Mutmachen und Aufgeilen gedrehte Trailer-Videos ins Web zu stellen...
27.07.2013
Die schmutzigen Böden Sions
Ein wesentlicher Teil von Chinas urbarem Land ist durch Schwermetalle und übermäßigen Gebrauch chemischer Düngemittel verschmutzt: zwischen 8% und 20% wären abzuschreiben oder aufwendig zu säubern, stimmten Schätzungen von Forschern und herrschten eine Partei und Regierung, die dem Volk diese Schätzungen offen mitteilten. Artikel im Wall Street Journal.
Daher das mulmige Gefühl, mit dem man hier zu Tische sitzt: jeder Bissen ein schlechtes Gewissen.
Ein Wort zur Überschrift: Ich nenne China Sion durch Mischung des lateinischen Wortstammes sin, chinesisch, mit Zion, dem Hoffnungsbegriff einiger Juden und Negrosklaven für ihren jeweiligen Zukunftsstaat. SION als Klang, als Name für ein zukünftiges China, ein abermals in Wohlstand erstrahlendes, paradiesisches Reich, das die Mitte der Erde bildet, SION als Name für Xi Jinpings imaginierten Staat (bislang lediglich Chinese Dream genannt), ein großer Wurf. Wessen Ohren fangen ihn?
Daher das mulmige Gefühl, mit dem man hier zu Tische sitzt: jeder Bissen ein schlechtes Gewissen.
Ein Wort zur Überschrift: Ich nenne China Sion durch Mischung des lateinischen Wortstammes sin, chinesisch, mit Zion, dem Hoffnungsbegriff einiger Juden und Negrosklaven für ihren jeweiligen Zukunftsstaat. SION als Klang, als Name für ein zukünftiges China, ein abermals in Wohlstand erstrahlendes, paradiesisches Reich, das die Mitte der Erde bildet, SION als Name für Xi Jinpings imaginierten Staat (bislang lediglich Chinese Dream genannt), ein großer Wurf. Wessen Ohren fangen ihn?
21.07.2013
Zoff mit der Ex
Meine Exfreundin trat gestern Abend ein halbes
Dutzend Mal mit dem Fuß gegen meine Wohnungstür. Heute fragte mich schreiend mein Nachbar, als er
mit seinem entblößten Rücken, mit Saugmalen chinesischer Medizin, vom
Müllsackentsorgen kommend, den Gang herbeitrottete, was mir einfalle, mit chinesischen
Mädchen zu spielen. Meine Nachbarin, die Vermieterin meiner Wohnung, ermahnte
mich wegen der Türe zu „Vorsicht“ – die aufzubieten mir schwerfällt, ich lasse
meine Türe ungern offen, um deren Außerstandsetzung durch eine wahnsinnige Frau zu verhindern und jener Zugang zu gewähren, obwohl sie mir
Stunden zuvor SMS schrieb wie „Ich hasse dich!“, „Ich habe genug!!! Dich zu
kennen ist ein großer Fehler!!!!!“, „Die Schmerzen die du mir jetzt bereitest
werden immer mehr, ich möchte dich nie wieder treffen, ich bitte dich auch,
mich besser nicht aufzusuchen!!!!!“
09.07.2013
Venedig geht unter
Die Lektüre zum Gesang von Nino aus Wien: Peter Sloterdijk:
Nicht oft genug kann man nach Venedig fahren, wenn man wissen will, was Italien und Europa bevorsteht. Die Stadt verkörpert die Lektion, daß langsame Dekadenz das größte Privileg ist. Falls Dekadenzbeschleuniger auftreten, Berlusconi ist ein solcher, wird der sanfte Abstieg zum Sturz. Es könnte passieren, daß vom schönen Italien in Kürze nicht mehr übrigbleibt als von Ägypten nach dem Erlöschen der Pharaonen und ihrer stillosen Erben, eine entgeisterte Biomasse, in der es spukt, ohne daß aus dem gelegentlichen Aufflackern von fahler Energie ein neues Leben entsteht. Dann würden auch hier irgendwelche bösen toten Seelen Reisebusse in die Luft sprengen und letzte Touristen liquidieren, im Namen einer Wut, die sich selbst nicht versteht. Noch fünf Jahre Berlusconi, und dieses Land bringt nichts mehr jenseits von Ejakulationen und Verdauungsgeräuschen zustande.
Zeilen und Tage, Notizen 2008-2011, Berlin: Suhrkamp 2012, S. 294 (datiert 20.9.2009)
Nicht oft genug kann man nach Venedig fahren, wenn man wissen will, was Italien und Europa bevorsteht. Die Stadt verkörpert die Lektion, daß langsame Dekadenz das größte Privileg ist. Falls Dekadenzbeschleuniger auftreten, Berlusconi ist ein solcher, wird der sanfte Abstieg zum Sturz. Es könnte passieren, daß vom schönen Italien in Kürze nicht mehr übrigbleibt als von Ägypten nach dem Erlöschen der Pharaonen und ihrer stillosen Erben, eine entgeisterte Biomasse, in der es spukt, ohne daß aus dem gelegentlichen Aufflackern von fahler Energie ein neues Leben entsteht. Dann würden auch hier irgendwelche bösen toten Seelen Reisebusse in die Luft sprengen und letzte Touristen liquidieren, im Namen einer Wut, die sich selbst nicht versteht. Noch fünf Jahre Berlusconi, und dieses Land bringt nichts mehr jenseits von Ejakulationen und Verdauungsgeräuschen zustande.
Zeilen und Tage, Notizen 2008-2011, Berlin: Suhrkamp 2012, S. 294 (datiert 20.9.2009)
Ich bin Edward Snowden
Ein mäßig gebildeter Chinese mittleren Alters fragte mich gestern, ob ich meinen Reisepass nicht Edward Snowden leihen wolle, um ihm die Abreise aus Moskau und die Reise in ein gnädiges Land zu ermöglichen. Es traf mich, dass der Mann eine Ähnlichkeit zwischen mir und dem amerikanischen Verpfeifer von Staatsgeheimnissen sieht, überrascht mich aber nicht. Schon beim ersten Anblick des Portraitfotos Snowdens kam mir das Gesicht bekannt vor. Dann sah ich ein Foto des Snowden-Schauspielers in Hongkong. Wir sind ein Typus. Der Kreis der dunkelblonden Traurigschauer aus westlichen Ländern, deren durch Disneyfilme gestählte Vorstellung vom Guten die wirkliche böse Welt herausfordert und zur Staatenlosigkeit verdammt ist. Ein virtueller Staat, oder eine neue Stadt sind zu bauen.
08.07.2013
Englische Komposita
Das Schmunzeln über deutsche Komposita ist ewig am Flackern. Als Alltagsleser stoße ich in den englischen Publikationen regelmäßig auf das Heraufbeschwören langer Komposita und eine halbbackene Hypothese zum deutschen Charakter. Nie fehlt der Hinweis auf Mark Twain und seinen Aufsatz über die deutsche Sprache.
Gleichzeitig werden in denselben Publikationen vollviele englische Komposita verwendet, die zwar von einem Leerzeichen getrennt sind, aber sich so lesen wie ein Kompositum und, ins Deutsche übersetzt, so merkwürdig und zitatreif wären wie etwa das vor kurzem aus dem mecklenburg-vorpommerischen Landesrecht gestrichene Rindfleischetikettierungs...gesetz.
Diese Komposita sind in der journalistischen Sprache so allgegenwärtig, dass ich nur die am meisten gebrauchten und die merkwürdigsten festhalten möchte:
Eine "fortress balance sheet" wäre eine Festungsbilanz und ist damit im Englischen ein längeres Wort als im Deutschen.
Ein "once-in-a-decade-leadership transition" wäre vielleicht ein auch im Deutschen hässlicher Einmal-Pro-Jahrzehnt-Führungswechsel und wird nun so oft verwendet, dass der ursprüngliche Zweck der Hervorhebung, die Seltenheit volksrepublik-chinesischer Führungswechsel, schlicht verfehlt wurde - vor lauter Dekadennennung spürt man die Zeit nicht mehr, die durch die Einheit 10 Jahre so dahinfließt.
Immerhin schreiben Journalisten manchmal flapsig von einer "once-a-decade transition".
Ein "hairline crack" ist die präzisere Bezeichnung für einen Haarriss. Die deutsche Sprache hat mit diesem Kompositum unrecht und sollte haarartiger Riss, Risschen/Risserl oder feiner Riss sagen.
Ein "cornice failure" bezeichnet den Zusammensturz einer oberen Schneeschicht, ein Schneebrüstungsfehler oder Schneegesimsfehler. (Hier von Fehler zu sprechen ist etwas menschlich, die Anleihe aus der Architektur, zumindest für Außenstehende, falsch, da ein Bauwerk, zumindest für einige Jahrzehnte, statisch und Schnee selbst in kurzen Zeiteinheiten dem Alles-fließt-Reich zuzuordnen ist. Das Bild von der bröckelnden Brüstung sollte alleine für: bröckelnde Brüstungen von Bauwerken gebraucht werden.)
Ein "price rise trajectory" wäre eine Preisanstiegskurve. In Fachsprachen ist keine Sprache vor Komposita gefeit.
Gleichzeitig werden in denselben Publikationen vollviele englische Komposita verwendet, die zwar von einem Leerzeichen getrennt sind, aber sich so lesen wie ein Kompositum und, ins Deutsche übersetzt, so merkwürdig und zitatreif wären wie etwa das vor kurzem aus dem mecklenburg-vorpommerischen Landesrecht gestrichene Rindfleischetikettierungs...gesetz.
Diese Komposita sind in der journalistischen Sprache so allgegenwärtig, dass ich nur die am meisten gebrauchten und die merkwürdigsten festhalten möchte:
Eine "fortress balance sheet" wäre eine Festungsbilanz und ist damit im Englischen ein längeres Wort als im Deutschen.
Ein "once-in-a-decade-leadership transition" wäre vielleicht ein auch im Deutschen hässlicher Einmal-Pro-Jahrzehnt-Führungswechsel und wird nun so oft verwendet, dass der ursprüngliche Zweck der Hervorhebung, die Seltenheit volksrepublik-chinesischer Führungswechsel, schlicht verfehlt wurde - vor lauter Dekadennennung spürt man die Zeit nicht mehr, die durch die Einheit 10 Jahre so dahinfließt.
Immerhin schreiben Journalisten manchmal flapsig von einer "once-a-decade transition".
Ein "hairline crack" ist die präzisere Bezeichnung für einen Haarriss. Die deutsche Sprache hat mit diesem Kompositum unrecht und sollte haarartiger Riss, Risschen/Risserl oder feiner Riss sagen.
Ein "cornice failure" bezeichnet den Zusammensturz einer oberen Schneeschicht, ein Schneebrüstungsfehler oder Schneegesimsfehler. (Hier von Fehler zu sprechen ist etwas menschlich, die Anleihe aus der Architektur, zumindest für Außenstehende, falsch, da ein Bauwerk, zumindest für einige Jahrzehnte, statisch und Schnee selbst in kurzen Zeiteinheiten dem Alles-fließt-Reich zuzuordnen ist. Das Bild von der bröckelnden Brüstung sollte alleine für: bröckelnde Brüstungen von Bauwerken gebraucht werden.)
Ein "price rise trajectory" wäre eine Preisanstiegskurve. In Fachsprachen ist keine Sprache vor Komposita gefeit.
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