05.08.2013

Abreagieren und Aufgeilen

M o b y  D i c k  fängt also damit an, dass der Erzähler genug vom öden Festland hat und aufs Meer will, und er merkt es daran, dass er rastlos auf der Straße herumzieht und den Leuten die Hüte vom Kopf schlagen möchte.
Was mich wieder einmal an die Hutfrage erinnert, von der ich im Jahr 2005 beim Lesen dieses köstlichen Aufsatzes im Spectator erfuhr, und die im Zusammenhang mit dem Anfang von Moby Dick sich so stellen lässt:
Gäbe es weniger Amokläufe, wenn wir Hüte trügen, so wie früher? Würden Amokläufer sich besser zu erkennen geben, wenn sie ein paar Tage vor dem völligen Durchrasten eine Spur abgeschlagener Hüte auf die Straßen zauberten, nach denen verwunderte und verärgte Herren sich niederbeugten; anstatt obskure, zum Mutmachen und Aufgeilen gedrehte Trailer-Videos ins Web zu stellen...

27.07.2013

Die schmutzigen Böden Sions

Ein wesentlicher Teil von Chinas urbarem Land ist durch Schwermetalle und übermäßigen Gebrauch chemischer Düngemittel verschmutzt: zwischen 8% und 20% wären abzuschreiben oder aufwendig zu säubern, stimmten Schätzungen von Forschern und herrschten eine Partei und Regierung, die dem Volk diese Schätzungen offen mitteilten. Artikel im Wall Street Journal.
Daher das mulmige Gefühl, mit dem man hier zu Tische sitzt: jeder Bissen ein schlechtes Gewissen.

Ein Wort zur Überschrift: Ich nenne China Sion durch Mischung des lateinischen Wortstammes sin, chinesisch, mit Zion, dem Hoffnungsbegriff einiger Juden und Negrosklaven für ihren jeweiligen Zukunftsstaat. SION als Klang, als Name für ein zukünftiges China, ein abermals in Wohlstand erstrahlendes, paradiesisches Reich, das die Mitte der Erde bildet, SION als Name für Xi Jinpings imaginierten Staat (bislang lediglich Chinese Dream genannt), ein großer Wurf. Wessen Ohren fangen ihn?

21.07.2013

Zoff mit der Ex

Meine Exfreundin trat gestern Abend ein halbes Dutzend Mal mit dem Fuß gegen meine Wohnungstür. Heute fragte mich schreiend mein Nachbar, als er mit seinem entblößten Rücken, mit Saugmalen chinesischer Medizin, vom Müllsackentsorgen kommend, den Gang herbeitrottete, was mir einfalle, mit chinesischen Mädchen zu spielen. Meine Nachbarin, die Vermieterin meiner Wohnung, ermahnte mich wegen der Türe zu „Vorsicht“ – die aufzubieten mir schwerfällt, ich lasse meine Türe ungern offen, um deren Außerstandsetzung durch eine wahnsinnige Frau zu verhindern und jener Zugang zu gewähren, obwohl sie mir Stunden zuvor SMS schrieb wie „Ich hasse dich!“, „Ich habe genug!!! Dich zu kennen ist ein großer Fehler!!!!!“, „Die Schmerzen die du mir jetzt bereitest werden immer mehr, ich möchte dich nie wieder treffen, ich bitte dich auch, mich besser nicht aufzusuchen!!!!!“

09.07.2013

Venedig geht unter

Die Lektüre zum Gesang von Nino aus Wien: Peter Sloterdijk:
Nicht oft genug kann man nach Venedig fahren, wenn man wissen will, was Italien und Europa bevorsteht. Die Stadt verkörpert die Lektion, daß langsame Dekadenz das größte Privileg ist. Falls Dekadenzbeschleuniger auftreten, Berlusconi ist ein solcher, wird der sanfte Abstieg zum Sturz. Es könnte passieren, daß vom schönen Italien in Kürze nicht mehr übrigbleibt als von Ägypten nach dem Erlöschen der Pharaonen und ihrer stillosen Erben, eine entgeisterte Biomasse, in der es spukt, ohne daß aus dem gelegentlichen Aufflackern von fahler Energie ein neues Leben entsteht. Dann würden auch hier irgendwelche bösen toten Seelen Reisebusse in die Luft sprengen und letzte Touristen liquidieren, im Namen einer Wut, die sich selbst nicht versteht. Noch fünf Jahre Berlusconi, und dieses Land bringt nichts mehr jenseits von Ejakulationen und Verdauungsgeräuschen zustande.
Zeilen und Tage, Notizen 2008-2011, Berlin: Suhrkamp 2012, S. 294 (datiert 20.9.2009)

Ich bin Edward Snowden

Ein mäßig gebildeter Chinese mittleren Alters fragte mich gestern, ob ich meinen Reisepass nicht Edward Snowden leihen wolle, um ihm die Abreise aus Moskau und die Reise in ein gnädiges Land zu ermöglichen. Es traf mich, dass der Mann eine Ähnlichkeit zwischen mir und dem amerikanischen Verpfeifer von Staatsgeheimnissen sieht, überrascht mich aber nicht. Schon beim ersten Anblick des Portraitfotos Snowdens kam mir das Gesicht bekannt vor. Dann sah ich ein Foto des Snowden-Schauspielers in Hongkong. Wir sind ein Typus. Der Kreis der dunkelblonden Traurigschauer aus westlichen Ländern, deren durch Disneyfilme gestählte Vorstellung vom Guten die wirkliche böse Welt herausfordert und zur Staatenlosigkeit verdammt ist. Ein virtueller Staat, oder eine neue Stadt sind zu bauen.

08.07.2013

Englische Komposita

Das Schmunzeln über deutsche Komposita ist ewig am Flackern. Als Alltagsleser stoße ich in den englischen Publikationen regelmäßig auf das Heraufbeschwören langer Komposita und eine halbbackene Hypothese zum deutschen Charakter. Nie fehlt der Hinweis auf Mark Twain und seinen Aufsatz über die deutsche Sprache.
Gleichzeitig werden in denselben Publikationen vollviele englische Komposita verwendet, die zwar von einem Leerzeichen getrennt sind, aber sich so lesen wie ein Kompositum und, ins Deutsche übersetzt, so merkwürdig und zitatreif wären wie etwa das vor kurzem aus dem mecklenburg-vorpommerischen Landesrecht gestrichene Rindfleischetikettierungs...gesetz.
Diese Komposita sind in der journalistischen Sprache so allgegenwärtig, dass ich nur die am meisten gebrauchten und die merkwürdigsten festhalten möchte:
Eine "fortress balance sheet" wäre eine Festungsbilanz und ist damit im Englischen ein längeres Wort als im Deutschen.
Ein "once-in-a-decade-leadership transition" wäre vielleicht ein auch im Deutschen hässlicher Einmal-Pro-Jahrzehnt-Führungswechsel und wird nun so oft verwendet, dass der ursprüngliche Zweck der Hervorhebung, die Seltenheit volksrepublik-chinesischer Führungswechsel, schlicht verfehlt wurde - vor lauter Dekadennennung spürt man die Zeit nicht mehr, die durch die Einheit 10 Jahre so dahinfließt.
Immerhin schreiben Journalisten manchmal flapsig von einer "once-a-decade transition".
Ein "hairline crack" ist die präzisere Bezeichnung für einen Haarriss. Die deutsche Sprache hat mit diesem Kompositum unrecht und sollte haarartiger Riss, Risschen/Risserl oder feiner Riss sagen.
Ein "cornice failure" bezeichnet den Zusammensturz einer oberen Schneeschicht, ein Schneebrüstungsfehler oder Schneegesimsfehler. (Hier von Fehler zu sprechen ist etwas menschlich, die Anleihe aus der Architektur, zumindest für Außenstehende, falsch, da ein Bauwerk, zumindest für einige Jahrzehnte, statisch und Schnee selbst in kurzen Zeiteinheiten dem Alles-fließt-Reich zuzuordnen ist. Das Bild von der bröckelnden Brüstung sollte alleine für: bröckelnde Brüstungen von Bauwerken gebraucht werden.)
Ein "price rise trajectory" wäre eine Preisanstiegskurve. In Fachsprachen ist keine Sprache vor Komposita gefeit.

27.06.2013

Lebensmaschinen

Im Dunkeln, eingehüllt vom Regen draußen, gingen die Arbeiter der TD-Fabrik stoisch ihren Dreh-, Press-, Plombierungs- und Schleifarbeiten nach heute. Ich verachtete ihre Sturheit und die spartanische Pseudocoolheit ihres Chefs, der von den Lichtforschungen des Betriebsökonomen Taylor aus den 1920ern natürlich nie etwas gehört hat oder solche Erkenntnisse mit dem Einwand wegwischt, das sei eine westliche Errungenschaft bzw. er stehe unter Kostendruck.
Es erinnert mich aber auch an meinen Großvater, der seit Jahrzehnten mit derselben Bandsäge Bretter und Sparren herstellt. Zum Schärfen der Sägeblätter misst er die Zähne mit einer analogen Schiebelehre unter dem kargen wärmlichen Licht einer Tischlampe. Er hat sich dem Fortschritt in seiner Branche jahrzehntelang versagt. Er hat keinen Nachfolger, da sein einziger männlicher Nachkomme als Säugling gestorben ist und er keine seiner vier Töchter für wert oder tauglich befunden hätte, es werden zu können. Mit 86 Jahren schneidet er nach Lust und Laune, der Nachfrage seines kleinen Marktes nach, das wenige Holz, das er aus seinem Walde schlägt.
Wenn einst in großem Maß die 3D-Drucker laufen, wird in China irgendwo ein alter Mann Späne von Plastikrollen oder Stahlrohren drehen. Sein Leben läuft synchron zu dem seiner Maschine, für die er keine Abschreibzeit von vier, zehn oder zwanzig Jahren kennt.

26.06.2013

Made in Portugal

Ich möchte melden, dass ich im Juni 2012 Schuhe der Marke Levi's gekauft habe, die nach Etikettenangabe in Portugal produziert worden sind und deren Nähte an keiner Stelle, nach häufigem Tragen, aufgerissen sind. Ich empfehle das präpatinierte Produkt (weiße Sohle künstlich »ölverschmiert«) jedem Schuhkäufer, der das kommende Gefühl des Kulturpatriotismus in sich trägt. Das Humanic Schuhgeschäft auf der Wiener Mariahilferstraße führt das Modell noch.
Der in China produzierte Schuh der Marke Boss Orange, den ich etwas zuvor gekauft hatte, ist nach ebenso häufigem Tragen hinten irreparabel aufgerissen.
Technische Analyse und Fotos folgen. Hier vorerst ein Foto vom Levi's Schuh nach Kauf Juni 2012.

25.06.2013

Unnützes Querdenken

Bei Sloterdijk hatte ich über den Preis des besten Bürgerhassers unter den Literaten gelesen, der jedes Jahr in Frankreich vergeben werde; Rousseausches Antiressentiment werde weiter belohnt. Zwei Tage später saß ich im Auto und fuhr die Vorgesetzte, die bemerkte, ihr fallen an den chinesischen Autos gar nicht so viele Schrammen auf, wie sie vermutet hätte. In Frankreich haben die Autos mehr Dellen aufzuweisen.
Ich war geneigt, auf Sloterdijk zu verweisen: „Ja die Franzosen pfeifen auf ein piekfeines Auto! Eine unreparierte, uncared-for Delle im Auto ist das Antiressentiment des Kleinbürgers in Frankreich, das hat Tradition!“

20.05.2013

Eingrifflose Schönheit

Sie sah aus, als hätte sie einige Schönheitsoperationen hinter sich. Sie liebte psychologische Seminare, therapeutische Gespräche, Erbauungstrips, Selbstverbesserungsliteratur. Diese Leidenschaft bewirkte eine Verformung ihres Gesichts à la plastische Chirurgie, einen zum Lächeln verzogenen Frust.