07.02.2012

ORF: Die Mikrowellenspeisen unter den Journalisten

Erstmals zu diesem Thema niedergeschriebene Gedanken siehe hier.

Jeden Tag höre ich Sätze mit doppelter Subjektnennung aus dem Mund eines ORF-Angestellten sprudeln (manchmal wahrscheinlich sind es nur Freie Mitarbeiter des ORF, die aber ebenso gut diese Technik beherrschen. Sie müssen wirklich endlich alle angestellt werden.)

Heute schrieb ich wieder eimal frohgemut einen auf!

»Unsere Schistars die sind auf alles vorbereitet.« (Kein Beistrich gewollt)

Dieser Satz! den hat der Adi Niederkorn gesprochen. Armin Wolf der hätte ihn aber auch sagen können. Alle ORFler, sie reden alle so. Diese Leute sie setzen nicht einmal mehr eine Pause zwischen Nennung des Subjekts und dessen Wiederholung. Die kennen kein Salzen; da sticht man rein, dann wird es warm und geht auf. Mikrowellenfressen.

Egal, welcher ORF-Reporter das Maul aufreißt, sie haben diese nervende Art, das Subjekt, von dem sie gerade sprechen, ein zweites Mal anzugeben –

1. wohl um rhetorisch begabt zu wirken, Dramatik in den Text zu bringen (was aber in obigem Beispiel erfordert hätte, dass Niederkorn eine Pause macht; hat er aber nicht; daher meine Niederschrift ohne Beistrich. Eigentlich macht keiner mehr diese Pause [A la »Mon amie, elle a....«]. Es ist ein dummer Selbstläufer geworden).

2. oder die scheinbar dummen ORF-Seher und -Hörer müssen daran erinnert werden, von welchem Subjekt vor zwei Sekunden, von welchem Subjekt gerade die Rede war (vor zwei Sekunden).



23.01.2012

Clash within civilizations

Das Gerede von der »komplett anderen Welt«, die China sei, verstellt einem die Sicht auf die komplett anderen Welten innerhalb unserer, westlichen, Welt. Karl Heinz Bohrer zieht in diesem Gespräch mit Nachdruck die Grenzen zwischen deutscher, französischer und englischsprachiger Welt.

Einige Hongkonger weisen eine Festlandchinesin zurecht, die in der Ubahn frisst. Darauf wird in einer Umfrage festgehalten, dass (nur) 34% der Hongkonger sich Chinesen dünken; darauf lässt ein  Nachfahre von Konfuzius, Herr Kong Qingdong, den weisen Spruch los, die Hongkonger seien »Hunde, keine Menschen«.

Zivilisationsübergreifend: die Stärke Bohrers und Hongkongs; die Dummheit chinesischer Hongkongtouristen und Philosophenerben.

1. Bohrer wetterte jahrzehntelang gegen den Akt des Essens in öffentlichen Räumen (siehe z.B. Stil oder maniera? oder dieses geile Geruchsgespräch.) Als er anlässlich seines Rückzugs als Herausgeber der Zeitschrift Merkur im Radio interviewt wurde – siehe Link oben –, kam das Gespräch wieder auf dieses Thema, und er verkündete ohne eine Spur des Überdrusses seinen Ekel vor »Törtchen« und Bahnhöfen, die zum »Fressen« verleiten.

2. Ein Volk, das sich als Gemeinschaft von »Menschen« sieht und seine Nachbarn als Ansammlung von »Unmenschen«, »Hunden« oder dergleichen, ist auf dem Weg zum Krieg – so in etwa die Meinung Richard Rortys in einer seiner pragmatisch-ethischen Abhandlungen. Weil das erlaube, jeden umzulegen, der einem partout nicht als Mensch vorkommen will. Es sei besser, wenn man sich selbst und die andern als leidende Kreaturen beschreibe. Denn leiden tun wir alle.

31.12.2011

Laura Rudas Katastrophe in der Schule

Zum Jahresende schau ich durch all meine nicht geposteten Blogeinträge, traurig darüber, dass ich keine Zeit hatte, sie fertig zu machen.

Der folgende Eintrag, vom 3. Oktober 2011, ist fertig – warum habe ich ihn nicht gepostet? Weil er bloß ein aus dem Glanzmagazin 1st abgetipptes Gespräch mit einer jungen Politikerin ist. Das einzige Interessante daran: die Politikerin erzählt, sie sei in der Schule schlecht gewesen.

Es handelt sich um Laura Rudas. Das Gespräch steht in der Märzausgabe 2009 und ist so weit ich weiß nirgendwo im Web verfügbar. Daher das Abtippen.

»Jemals länger als sechs Monate nicht in Österreich gelebt?


Nein, leider. So ein Auslandssemester halte ich für extrem wichtig. Da ich aber mit 22 in den Wiener Landtag gekommen bin, war es nicht möglich. Sonst hätte ich ein, zwei Semester im Ausland studiert. Vielleicht ergibt sich das noch.


Wo wären Sie gerne hingegangen?
Nach Bologna, um ein Semester Politikwissenschaft zu studieren.


Sie sind antiautoritär erzogen?
Ja, nur mein Bruder war das nie. Der sagt heute noch: Ruf an, wenn du zuhause angekommen bist!


Sie waren Klassensprecherin?
Da ich in der Schule eine Katastrophe war, wäre sich das nicht ausgegangen. Bei uns waren eher die mit den guten Noten die Klassensprecher. Außerdem war ich damals zu cool dafür.


Die Kernthese Ihrer Diplomarbeit in einem Satz?
Unser Schulsystem dient nicht dem Emanzipationsprozess; es hilft also nicht dabei, dass jemand aus seiner sozialen Schicht aufsteigen kann. Ganz das Gegenteil, das Schulsystem reproduziert soziale Benachteiligungen.«

03.11.2011

Neues und Altes aus dem Kreis der Nachtdenker

Wiedergabe von Nino Mandls Wort "Nachtenergie" aus diesem Gespräch im Falter:
"Selbst wenn ich müde bin, bleibe ich wach, weil die Nacht komische neue Energien in mir freisetzt.

Was sind das für Energien?

Mandl: Es gibt zwei verschiedene Arten von Nachtenergie. Eine, wenn man alleine ist, und eine andere, wenn man sich unter Menschen befindet. Die erste kann man nutzen, um kreativ zu sein. Die andere kann man auch nutzen, aber nicht um etwas zu schaffen, sondern um etwas unterbewusst vorzubereiten, das man dann alleine umsetzt."

Robert Musil, Notiz im Jahr 1898: "Ich liebe die Nacht, weil sie schleierlos ist, bei Tage werden die Nerven dahin und dorthin gezerrt bis zum Erblinden, aber die Nacht ist es, in der gewisse Raubtiere mit gewissen würgenden Griffen sich einem um den Hals legen, wo sich das Leben der Nerven aus der Betäubung des Tages erholt und nach innen entfaltet, wo man eine neue Empfindung von sich selbst bekommt wie wenn man plötzlich mit einer Kerze in der Hand in einem dunklen Zimmer vor einen Spiegel tritt, der tagelang keinen Lichtstrahl empfangen hat, gierig aufsaugend einem nun das eigene Gesicht entgegenhält.
Gewisse Raubtiere mit gewissen würgenden Griffen! Es gibt Könige, die Panther vor ihren Wagen gespannt hatten, und ihre höchste Lust kann es gewesen sein, in der Möglichkeit zu schweben, zerrissen zu werden."

Aber ist der Zutritt zur Nacht unumschränkt?

Franz Kafka, Notiz im Jahr 1915: "Die fortwährenden Versuche, durch viel Schlaf am Nachmittag die Fortsetzung der Arbeit bis tief in die Nacht zu ermöglichen, waren sinnlos, denn ich konnte doch schon nach den ersten vierzehn Tagen sehn, daß es mir meine Nerven nicht erlauben, nach ein Uhr schlafen zu gehn, denn dann schlafe ich überhaupt nicht mehr ein, der nächste Tag ist unerträglich, und ich zerstöre mich. Ich bin also nachmittags zu lange gelegen, habe in der Nacht aber selten über ein Uhr gearbeitet, immer aber frühestens gegen elf Uhr angefangen. Das war falsch. Ich muß um acht oder neun Uhr anfangen, die Nacht ist gewiß die beste Zeit (Urlaub!), aber sie ist mir unzugänglich."

11.10.2011

Eastern Walking

In China habe ich kein einziges Mal Fußgänger mit Schistöcken gesehen. Wer seine Arme und Hände beschäftigen will -- einer der Gründe, nordic walking zu betreiben --, klopft sich während des Gehens mit der Faust auf die Schulter, und zwar rechte Faust links hinauf, linke nach rechts. Abänderungen dieser Bewegung sind auch zu sehen, oder überhaupt ganz andere zusätzliche Bewegungen: spontane Äußerungen des Körpers.

17.09.2011

Horrormeldung des Tages

Man möchte die Wiener Mariahilferstraße "beruhigen" und die Autos von ihr verbannen. Das wird ein toller Kindergarten.

Mein Badezimmer in Nanjing

Der geschichtsphilosophischen Marketingstory zufolge steht dem Badezimmer eine Umwandlung bevor: die Erweiterung der "Nasszelle" in einen "Wohlfühlraum", nachdem ein ähnliches "Upgrading" bei den Küchen bereits durchgeführt worden ist.
Stufenlos begehbare Duschen eliminieren das beklemmende Gefühl, man begebe sich in eine Kammer-im-Raum (und sind für alte Menschen bequem), großflächige Fliesen ersetzen die vielen spießigen kleinen und verleihen römischen Villencharakter. Die Musikanlage wird diesmal schon beim Planen bedacht (Karajan hätte das befürwortet), und Fenster muss es geben, damit gutes Licht hereinkomme und man gerne hier verweilt.

Der Handtuchvermarkter, der mir neulich davon erzählte und fleißig mit ästhetisch ansprechender Werbung an dem Trend mitarbeitet, öffnete mir die Augen. Ich wusste plötzlich: In meinem chinesischen Leben (halbes Jahr lang) war ich heuer voll im Trend! Das Badezimmer meiner Nanjinger Wohnung war ein solcher Wohlfühlraum.
In der Tür ist, ganz chinesischer Stil, eine Glasscheibe, die zwar durch ein Muster nur einen verschwommenen Blick von der Diele ins Badezimmer zulässt, mir aber zunächst unangenehm war. Man will nicht gesehen werden, wenn man auf dem Klo hockt. Aber man findet sich damit ab und wird gelassen.
Dieses Wasserklosett hängt gleich nach dem Eingang und erledigt seine Funktionen ordentlich (keine oder lediglich eine statistisch notwendige Anzahl jener Komplikationen, vor denen westliche Reiseliteratur warnt). Beim Sitzen bleibt noch ein kleiner Freiraum zwischen meinen Knien und der gegenüberliegenden Wand.
Über dem WC sind Stangen zum Aufhängen von Handtüchern angebracht, weiter vorne ein Waschbecken und ein Spiegel. Davon gegenüber der fixier- und abnehmbare Duschkopf und darüber, ein seltsamer Pfusch, halb sichtbar, halb in einer Zwischendecke verstaut, der Boiler. Im uneinsehbaren Raum in der Zwischendecke nisten kleine Vögel, die natürlich schon wach sind in der früh. Ich vermisse sie, würde sie jedoch gegen die angesprochenen eingebauten Musikboxen austauschen, wenn ich mir ein Badezimmer neu einrichte.
Die Höhe des Waschbeckens passt für kleine Menschen; mich hat sie abwechselnd belustigt, zum Seufzen gebracht, oder dazu verleitet, hineinzupissen. Aber das war ein mühelos zurückhaltbarer Anreiz. Erst während eines Aufenthalts in einem Gästehaus in Hongkong, bei ähnlichen Verhältnissen, tat ich es - und danach nicht mehr wieder.
Auch das Fenster liegt niedrig; mein Spatzi kann rausschauen. Daher schließe ich das Fenster beim Duschen. Beim Zähneputzen mache ich es wieder auf, um den Tag mustern und die Temperatur bestimmen zu können.
Im Winter sind mir die vier seltsamen Riesenglühbirnen in der Mitte der Decke ein Labsal gewesen. Sie wärmen den Rücken. Ähnliche Lampen sollten in jedem Badezimmer zum Einsatz kommen (infrarot etc., am besten mehrere "Stimmungen" wählbar).
Alles ist gefliest. In der Fensternische stehen Tuben mit Waschzeugs, macht nichts, das Fenster geht nach außen auf.
Ich kann mich gut bewegen, z.B. pseudogymnastische Bewegungen machen oder einen Mitduscher eincremen.
Oben aufgehängt, spritzt der Duschkopf den ganzen Raum voll. Das Klopapier muss man schützen. Ansonsten kein Problem. Alles rinnt in den Abfluss neben dem Waschbecken.
Der Zeitpunkt des Trocknens ist individuell bestimmbar. Man wird nicht mehr wie beim Übersteigen einer Duschkabinenschwelle daran erinnert, unbedingt jetzt sich abtrocknen zu müssen. Ich habe das Wasser immer von selber abtropfen lassen und erst nach dem Zähneputzen zum Handtuch gegriffen. Das erinnert mich an eine meiner Schwestern und eine ehemalige Schulkollegin - sie sagen sie putzen in der Dusche die Zähne. Ich mag das nicht, da ich den Zahnpasta-Mundsud einzig und allein dem Waschbecken übergeben möchte und nicht dem Duschabfluss. Von den unerfüllbaren Anforderungen des multi taskings abgesehen.
Weil der ganze Raum zirka drei Quadratmeter groß ist, glaube ich, dass das neue Ideal unabhängig von der Raumgröße umzusetzen ist. Wer auch immer Produkte für das Badezimmer herstellt: In der Werbung kann man ruhig, sofern die Grundlagen stimmen, winzige Badezimmer darstellen. Damit hätte man sogar zwei Trends in Einen überführt.

23.08.2011

Die Welt in Schneideütensilien


Wien ist ein Taschenmesser. Hongkong ist ein Buschmesser. Prato ist eine Schneiderschere. Lenzing ist ein Holzhäcksler.

16.08.2011

Reindustrialisierung Europas

Wär doch schön. Billige Arbeitskräfte genügend vorhanden, z.B. aus Spanien und Großbritannien. Man muss die Spanier nur in Mittagspausen Joga machen lassen, in den Fabriken laut Musik aufdrehen, abends Livebands, kostenlose Wohnungen.

11.08.2011

Mythologie der Scheiße


1. Vorwort
2. Der Mahnkacker


1.

Es wird soo viel über die Analversessenheit »der Deutschen« geredet! In Vanity Fair ein grandioses Geschwafel zum deutschen Verhalten in der Schuldenkrise: erfreut dem Dreck zusehen, aber unbefleckt. Der Linguist Hans Martin Gauger erforscht das deutsche Schimpfen: exkrementell statt sexuell. Und Charlotte Roche legt ihren neuen Roman mit einer Stelle über Stuhlwürmer vor, mit der sie zeigt, dass »sie sich im Analthema weiterhin von niemandem etwas vormachen lassen will.«

Was ich gut finde! Man flüchtet sich manchmal gerne hinter die Klischees seines Volkes. Nach der Logik: Deutsche »gründlich« – ungründlicher Deutscher möchte auch so sein und bezeichnet sich eifriger als Deutscher, als er müsste.

Klischees sind Charakterisierungen der witzigsten oder übelsten Typen eines Landes. Die Analversessenheit der Deutschen könnte man als Facette ihres über scheinbar uninteressante Dinge produktiv brütendes Wesen sehen, das die interessanten Bücher 
Kants, Schellings, Fichtes hervorgebracht hat (und Heideggers).

Daher, aus Traditionsbewusstsein, mache ich mich für das Analklischee stark, und freue mich diebisch über die kräftigen Lebenszeichen des deutschen Scheißeweltgeistes. Wir sitzen auf einem Alleinstellungsmerkmal und werden doch nicht leichtfertig drauf scheißen.

Denn nationale Klischeedenkfiguren haben es heutzutage immer schwerer, sich unter der irrwitzigen Neustruktierung, dem Hyper-Perspektivismus der Algorhitmen und der vorherrschenden Dekonstrukion allgemeiner Aussagen in Kommentaren und Foren als Mainstreampositionen zu behaupten.

Irgendwann kommen sie dann in Form einer kompensierenden Überanstrengung zu Tage. Slavoj Zizek hat einmal gesagt (in der Weltwoche), dass das Zusammenleben der Völker im ehemaligen Jugoslawien so lange funktioniert hat, wie sie einander in derben Witzen verarschten.



Lang leben Völkerklischees, lang lebe Verarschung! Ich rufe Frau Roche ein lautes »Bravo!« zu (und gratuliere ihr zu ihrer »Entpuppung als großartige Autorin«, wie es in der taz heißt), und stelle einen kleinen Beitrag aus meinem geheimen Ekeljournal, »Grindige Einfälle«, der weltweiten Gemeinschaft der an »Deutschem« Interessierten zur Verfügung.

2.

In Berlin suchte man des liegen gelassenen Hundekots auf den Straßen Herr zu werden und schrieb einen Wettbewerb für Hundehalter-Erziehungsplakate aus. Aus den Einsendungen zu demselben konnte allerdings eine zerstrittene Jury keinen klaren Sieger hervorloben, und sich nur auf die Affichierung einer harmlosen Moralplatitüde einigen. Aber diese wirkte nicht – und der Kot blieb liegen.
Ein redlicher Citoyen war darüber dergestalt in seiner Hoffnung an die Besserung seiner Mitmenschen enttäuscht, dass er, eines Nachmittags, sich aufmachte, einen Hundehälter zu disziplinieren.
Als er nach einer Stunde eifrigen Herumgehens und -spähens eine 50-jährige, silberne Ohrringe und Halsketten tragende Frau sah, die ihren Beagle sich entledigen ließ, aber keine Anstalten machte, den Abfall zu entsorgen, und sich in Richtung des erbosten Rächers bewegte, und, aber ohne Scham, an ihm vorbeizugehen vorhatte, öffnete dieser seine Hose, kniete nieder, und schiss zwei Knödel ab, gefolgt von einem kleinen Würstchen, das er diesen wie ein Spitzhäubchen aufzusetzen durch eine kreisende Bewegung seiner Hüften vermögend war. – Dies sprach sich herum, und nach einigen Tagen verzeichnete das Statistikamt der Stadt eine geringere Kotbelastung auf den Straßen.

(– aus hündischem Ursprung; jene der Menschen war gestiegen, da sich »fanatische Anhänger eingefunden hatten«.)