12.03.2010

Beitrag für Wettbewerb schlechter Geschichten

Ein Autorenverein in Hamburg sucht die schlechteste Geschichte der Welt. Hier meine Einsendung, entstanden im August 2009:



Wir alle haben unter unseren alten Bekannten jemanden, der vielleicht nicht unser Freund war, den wir aber schätzten und für immer in wohlwollender Erinnerung behalten. Ich traf auf so einen verehrten Menschen, als ich vor ein paar Monaten, im Supermarkt, eine Jause kaufte. Er stand »plötzlich« vor mir an der Kasse, und ich war darüber so erfreut, dass ich ihn grüßte und ihm die Hand drückte, als wären wir früher eng miteinander verbunden gewesen. Er war überrascht von der Überschwenglichkeit, aber nicht peinlich berührt. Er merkte, wohl unbewusst, dass in meiner Begrüßung die Hoffnung lag, mit ihm, nach vielen Jahren, ein längeres Gespräch führen zu können, und war selbst nicht abgeneigt. Er schlug vor, nach Art von alten Bekannten, sich am Abend auf ein Bier zu treffen. Jetzt müsse er etwas erledigen, und morgen reise er wieder aus der Stadt ab.
Ich sollte am Abend an einem Empfang von Geschäftsleuten teilnehmen und schlug dem Mann »unverwandt« vor, dass auch er dorthin kommen solle. Momentan sah ich an seinem Anzug, seinem Hemd und an guten Lederschuhen, dass er sogar ohne Garderobenwechsel erscheinen werden könne, und zudem unterstellte ich ihm »insgeheim«, aufgrund des unbegründeten Wohlwollens, das ich für ihn hegte, dass er nichts anderes als eben ein tüchtiger Geschäftsmann, und eine Bereicherung der Abendgesellschaft sein könnte.
Er bestätigte meinen Glauben, indem er zufrieden meine Einladung annahm und sich für den Abend empfahl. Und so bezahlte ich »vergnügt« meine Jause, suchte mein Büro auf, und später das Hotel, in dem der Empfang stattfand.
Ich wartete, unter Händeschütteln, Smalltalk und Aperitivs, auf meinen Bekannten, und meine Freude blühte frisch und wie beim ersten Mal auf, als er, nach einer Stunde, den Festsaal betrat. Er hatte sich umgezogen, trug einen anderen, einfachen Anzug, und meine Hoffnungen erfüllten sich. Die Leute für sich gewinnend, stellte er sich schwungvoll und sympathisch vor, erzählte von seinem Geschäft, horchte auf ihre Berichte, und grub, nach seinem Verhältnis zu mir befragt, einige hübsche Erinnerungen aus, die nicht einmal ich mehr wusste, und die er sehr ergreifend schilderte. »Es entstand der Eindruck, als wären wir die besten Freunde, und indem dies geschah, fühlte ich mich, als sei es immer so gewesen.«
Gegen Mitternacht, da es ein großer Empfang war, lief überall noch die beste Unterhaltung, und es stießen weitere Gäste dazu. Endlich wurde der Kanzler gemeldet, der sein Kommen versichert, aber lange darauf warten hatte lassen. Natürlich kam es auf ihn nicht an, und so fiel der Eintritt des Regierungschefs, an der Hand seiner Gattin, und nicht einmal umschattet von Leibwächtern, kaum auf, und fügte sich in das belebte Kommen und Gehen.
Doch mein Bekannter unterbrach, als er den Kanzler erblickte, sein Reden, und folgte mit einem kalten Blick, der wie Frost auf sein Gesicht trat, dem ankommenden, fröhlich grinsenden höchsten Politiker. Nach zwei Sekunden blieb der Blick gleich wie der Kanzler, der sich zu einem Gespräch einließ, stehen, und mein Bekannter, wie ein Adler, der eine stillhaltende Beute fixiert, platzte los. Er stach geradewegs durch die Menge, die sich, teils gestoßen, teils vorsichtig und frappiert ausweichend, aus seiner Bahn spalierte, und begann auf halbem Wege, mit bebender Stimme, die Worte an den Kanzler zu rufen: »Steuern runter!«
Der Kanzler war dabei, seinem Smalltalkpartner die Hände zu schütteln, umzudrehen, und die nächste Begegnung, in der anderen Richtung, wo noch kein Aufhebens gemacht worden war, anzustreben, da ertönte wieder fürchterlich: »Steuern runter!«, und er wandte sich in die alte Richtung, sich erkundigend, »bitte was?«, als mein Bekannter, bloß noch drei Meter vor ihm, ein drittes Mal in erschreckender Aufwallung schrie, »Steuern runter!«, und noch einmal: »Sofort die Steuern runter!« Der Kanzler atmete kurz auf, da er seinen Leibwächter, der unbemerkt nachgekommen war, als Schutzschild, zwischen ihm und dem Aggressor stehend, erblickte, und setzte ein kalmierendes Lächeln auf, und legte sich einen Satz zurecht wie, »wir sind in einer Demokratie, da geht das leider nicht so sch...«, als, mit Urgewalt, mein Bekannter wie durch Papier stürzend den stark beleibten Leibwächter umhaute und mit den Händen den Hals des Kanzlers fasste, zudrückte, ihn zu Boden stieß, sich über ihm aufrichtete, weiter würgend, kräftig drückend, und dabei ohne Pause rief: »Steuern runter! Steuern runter! Steuern runter!«
Aus dem Zwischenfall wurde ein Aufruhr. Die Gäste versammelten sich schockiert um den Platz des Kampfes, wo hilflos der Kanzler ermordet wurde, peinigende Gurgelgeräusche von sich gebend, wo die Gattin des Kanzlers ohnmächtig umfiel, wo der Leibwächter, und noch vier andere Männer, kraftlos und erfolglos von hinten und von der Seite die angreifende Bestie in Zaum zu bekommen suchten. Polizisten rannten herein, »mit den verdammten Steuern runter!« von weitem hörend, und schlossen sich der machtlosen vielköpfigen Rettungsaktion an, aber ohne Chance.
Es dauerte lange; schon viele hatten schwarz gesehen. Mit Elektroschocks wurde mein Bekannter gezähmt, und mit Elektroschocks wurde der Organismus des Kanzlers wieder hochgefahren. Sein Hals war Wochen rot.
Ich besuchte meinen Bekannten nicht im Gefängnis. Die an jenem Abend Wirklichkeit werdende Freundschaft »kam mir nur mehr wie ein Traum vor«, so existent oder inexistent, so verschwunden und nur momentelang hoffnungsvoll imaginiert wie in den Jahren zuvor. Die Sehnsucht war weg, ihn kennen zu lernen; ein einziger Eindruck hatte sich in mein Gedächtnis gebrannt, der Angriff, sein furchtbarer Würgegriff, das »erbarmungslose« Geschrei.
Es gab aber auch welche, die versuchten, der Szene einen positiven Sinn zu geben. Ein alter Steinmetz, der in seiner Jugend eine Bildhauerlehre gemacht hatte und das Handwerk noch bis zur Kunst beherrschte, meißelte den Tobenden, der den Kanzler auf den Boden hinuntergedrückt hielt, in Granit; in einen Sockel meißelte er, was ihm ein befreundeter Zimmermann empfohlen hatte:

Der Staat stiehlt ihr das Geld,
sie ist nicht mehr recht munter;
mit Wirtschaft stirbt die Welt,
drum fordert: Steuern runter!