12.05.2014

Metapher: flood of respect

Flut des RespektsStürzt laut WSJ Frau Conchita Wurst entgegen. Oder bricht mit Wurst, als Wurst, über uns herein.
Übrigens, unter diesen Artikel postete ich, versehentlich anonym (dachte ich sei angemeldet), Conchita Wurst sei die Barbra Streisand des 21. Jahrhunderts, oder besser, sie könnte eine werden.

10.05.2014

Die Yangmei-Wertkette I

Yangmeis sollen in Farn gekleidet geliefert und feilgeboten werden. Daher gibt es Lieferanten, die das Gewächs ausrupfen und liefern. Ich weiß nicht, was diese außerhalb der Yangmei-Saison machen, nehme an, sind Kleinspediteur-Tagelöhner (die Geißel des chinesischen Straßenverkehrs!), oder die Yangmei-Baumbesitzer oder deren Helfer selbst.

08.05.2014

Fang dein Hirn

Die Übersetzer der Werbung und des Wordings von Serviceprodukten aus dem Tale Silicii habens auch nicht leichter als andere Übersetzer. Da verlautbart einer der dortigen Entrepreneurschärmer, sein Produkt sei da to capture [...] the world's moments [and share], hat sich zwecks Inspiration zu diesem Motto wochenlang einsperren lassen von einer dieser Managerinnen die zum Geldmachen in Startups geholt werden, und das wird dann noch ins Deutsche übersetzt, weil es anscheinend noch genügend Deutschsprechende gibt, die kaum Englisch können oder sich in ihrer Muttersprache wohler fühlen. (Odin sei Dank, mir geht das Englische ja auch auf den Cookie [like, physical cookie, nicht Google cookie]).
Daher heißt es beim Einloggen in die Web-Version Instagrams: Fang den Augenblick ein [...].
Eine weitere sprachliche Hilfe, eine nominalistische Deklaration zum Denken unserer Welt: wir erblicken etwas mit unsern Augen, und dahinter haben wir etwas, das den Blick einfangen kann: die Kamera.
Besteht in dieser Formulierung ein Unterschied zum Wort Moment? Wahrscheinlich eh nicht. Wer den Moment einfängt, ist der Fänger, egal mit welchem Gerät und wo das Gerät sich befindet. Ich glaube das Wort Augenblick hört sich einfach ein bisschen unangenehmer an, weil es die Position der Kamera körperlich impliziert.

Erlebnislegitimität

Du siehst etwas Interessantes, kannst es nicht fotografieren und dadurch deine Ergriffenheit nicht ausleben, und bezweifelst dann die Vollständigkeit dieses Erlebnisses.

Vorgestern fragte mein Kumpel A. aus Shenzhen, ob bei uns die Yangmei-Stachelbeeren-Saison schon angebrochen ist – The Yangmei Craze würde er in einer Schlagzeile heißen müssen, denn in Cixi als Yangmei-Hauptstadt scheint in den zwei Wochen wo sie genießbar ist das Pflücken, Zurverfügungstellen und Genießen dieser Steinfrucht aller andern Werktätigkeit untergeordnet. Rasenden Beerenlieferanten geschuldete Verkehrsunfälle müssen ungeklärt bleiben: als mir voriges Jahr ein Geländewagen aufs Auto auffuhr, hinterließ mir der Fahrer seine Visitenkarte und machte sich mich Blick auf seine dunkelrot-grün wuchernde Ladefläche aus dem Staub.
Schreib ich A., er möge sie noch eine zeitlang reifen lassen; sehe aber am Abend beim Kauf einer Papaya die ersten Körbchen mit Yangmeis, obligatorisch in Farn gebettet. Schuldig der Fehlinformation bin ich! Schuldig des Drückebergertums – denn ich weiß, er wird welche per Express haben wollen und ich möchte das rauszögern. Aber groß sind sie eh noch nicht, sehe ich, und kann wieder reinen Gewissens mein gefälltes Urteil aufnehmen, wonach noch zu warten ist. Und diese momentane Sicherheit, ausgedrückt durch ein Foto der winzigen Beeren, möchte ich ihm mitteilen.
Ich kann dieses Fotogetue aber nicht leiden und habe gegen das Einswerden mit dem Smartphone die vollen Bedenken. Aber irgendwie komm ich mir vor, wenn ich solche Gelegenheiten zum Fotografieren sausen lasse, als ob sie nicht stattgefunden hätten. Früher, so um 1774, hätte ich so ein Erlebnis nach Hause getragen und hätte in einem Brief dem entfernten Freund davon erzählt. Heute fallen Erleben und Mitteilung zusammen.

03.05.2014

Neues geschlechternivelliertes Deutsch

1) Vorschlag:
wir könnten als gleichgeschlechtlichen Artikel für die deutsche Sprache das Wörtchen »the« verwenden. »Der Hörer«, wenn man ihn allgemein vorstellte und wirklich auch »die Hörerin« in ihm mitsagte, würde zu »the Hörer«. The verweigert sich deutschen Fällen nicht: allen Hörern und Hörerinnen zu danken hieße »jethem Hörer« zu danken.
Nicht, dass hiermit Genderstreit verhindert wäre. The müsste auch als Relativpronomen verwendet werden, um die Geschlechtsneutralität zu wahren: »The Mensch, the gerne Tee trinkt,…« aber danach müsste bald seine Geschlechtszugehörigkeit genannt werden. Im Englischen ist es nichts anderes. In moderner englischsprachiger Publizistik werden dazu abwechselnd männliche und weibliche Pronomen genannt.

2) Plural
In der Mehrzahl »die Hörer« hören viele gendersensible Menschen bereits, oder mutwillig, einzig »die männlichen Hörer«, es müssen auch »Hörerinnen« genannt werden, wenn alle Hörer ausgeschöpft werden sollen. (Siehe diesen Artikel Marlene Streeruwitz’ im Spectrum der Presse.)
Ich schlage vor, die leidigen Endungen in den Pluralartikel »thee« zu ziehen.
Es wird thee Österreicher interessieren.
Thee Antisemiten sind vernachlässigbar, die nahe Zukunft werden thee Antisiniten bestimmen. Antisiniten sind Menschen, thee keine Chinesen mögen.

3) Fälle
Anfangs schrieb ich, the/thee verweigere sich den Fällen nicht; wie müsste der Pluraldativ lauten? Ebenfalls thee:
Ich werde dieses Konzept thee Österreicher erklären.
Der dritte Fall wäre abgelöst und thee Deutschsprecher, thee ihn ohnehin nie aussprechen, legitimiert.
Der Pluralgenitiv soll ther geschrieben werden, lauten tut er immer noch wie der existierende.
Das Schnitzel ther Österreicher soll goldgelb gebacken werden wäre die kürzere, buchstabenökonomischere Alternative für:
Das Schnitzel der ÖsterreicherInnen soll goldgelb gebacken werden.

4) Das Phonem de im Kontext anderer Sprachen
The als Laut, kurz aus dem Halse ausgestoßen und ohne den Anlaut θ (stimmloser dentaler Frikativ, wie er im korrekten Englisch von vielen im the noch gesprochen wird) sondern schlicht mit d ausgesprochen, hat im Französischen die Rolle des Possessivpronomens (də), im Englischen eben des Artikels the, im Chinesischen kommen ihm mehrere Rollen zu: die Partikel ,  und  ermöglichen das syntaktische Funktionieren dieser Sprache. (Unbeachtet: Dialekte – im Wu-Dialekt Shanghais und Zhejiangs wird  ge ausgesprochen.)
Die deutsche Sprache könnte, wie soeben erörtert, einige soziale und grammatikalische Funktionen in dieses Wort bündeln.
Was hält the Leser von meinem Vorschlag?

Zeichengedichte. I

Wir füllen die Minuten,
die Sekunden füllen wir
in unserm Leben
mit Tätigkeit wohl aus.
Die Wochen und Jahre ?

05.04.2014

Chinesische Chuzpe

Sloterdijk beschreibt den Horizont hinter offenem Meer als »Risikoraum«, auf den Unternehmer starren, bang und hoffnungsfroh, dass ihre leeren Schiffe 1.) zurückkommen und 2.) voll beladen mit verwertbarer Ware.
Einen ganz anderen Dreh gibt diesem Bild das Intro zur Website des Museums Ningbo (宁波博物馆), einen von chinesischer Chuzpe: ins Meer stechen ein Kahn und ein Schiffchen, zurückkommen tut ein Containerschiff. Begleitet von der im Westen abgehörtesten Erbauungs- & Triumpfmusik, Chariots of Fire.
Unnütz, von der chinesischen extraterritorialen Schiffahrt zu erzählen, die zwar einerseits in der Entdeckung Amerikas bereits 1423 gemündet haben mag, andererseits die »Needham Frage« nicht zugunsten Chinas beantwortete und nicht zur Entdeckung der Welt führte, zu Imperialismus etc.
Chinesische Amtinhaber und Meinungführer sehen die Welt eben jetzt so wie auf www.nbmuseum.cn dargestellt.

21.03.2014

China 196-/2014

In diesem Foto habe ich la sinité unserer Zeit recht gut eingefangen.

1) Das Lastenrad am Kreisverkehrsdenkmal
ist der Signifikant für das kommunistische China bis zu den späten 1970ern, die Gemächlichkeit die der Mythologie zufolge in dem Lande alles Leben durchzog wie Teeblätter, die in heißem Wasser schweben; diese Gemächlichkeit existiert immer noch, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, kann aber von einem aufrichtigen Menschen nicht mehr zur Gänze dem Kommunismus zugeschrieben werden: eine Untersuchung müsste eher auf eine moderne landes-, klima- und freilich schon auch historische Abhandlung abzielen. Wie so oft im derzeitigen Alltagsleben wird das Lastenrad einem alten Kopf (老头) gehören, lebendes Überbleibsel der Volksrepublik.
Die Langsamkeit der Chinesen, die die Romanfigur Johann Holtrop im Roman von Rainald Goetz beklagt, sagt wohl mehr über Holtrops manageriellen Hyperaktivismus aus, gegen den kein Angesteller keiner Blutsherkunft gefeit ist.
(Was übrigens in dem angeblich [laut Die Zeit] so schlechten Roman von weiß nicht wem über die Jetset-Chinesen gesagt wird, weiß ich nicht, ich weiß nur dass es einen Anti-Sinismus gibt und soziologisch und Google-trending-word-haft geben wird im 21. Jahrhundert. Die Bücher werden nicht immer so dödelhaft-naiv wirken wie Darum nerven Chinesen an unserem aktuellen Punkt in der Raumzeit.)

2) Die stylishe Ampel
ist ein Signifikant wie aus dem Lehrbuch, literally. Signifikant für die Verkehrsregel, und die Verkehrsregel ist Signifikant der Entwicklung, die in China Einzug gehalten hat. Die Ampel ein semantisches Synonym für die biederen Parolen der kommunistischen Partei:

说文明话
干文明事
做文明人

Kulturierte Sprache reden
Kulturierte Sachen machen
Kulturierten Menschen geben

Tendenziell halten sich eher ältere Menschen nicht an Ampeln; diese sagen ihnen scheinbar gar nichts. Finde ich sympathisch. Es halten sich aber auch prinzipiell so gut wie alle Kleinspediteure auf elektrifizierten oder kraftstopfbetriebenen Zwei-, Drei- oder Vierrrädern nicht an Ampeln. Sie haben keine Nummerntafel, die von den ubiquitären Verkehrskameras festgehalten werden könnte. Diese Kameras fehlen auf dem Foto, das Vorhandensein der Ampel macht die Abwesenheit gut.

3) Die zwei SUVs,
einer von Hyundai, der zweite undefinierbar, sind Signifikant des typischen Hedonisten des 21. Jahrhunderts: eine amerikanisch-chinesische Mischung.

4) Der Drache
auf dem Sockel, der unabgekantet, trotzig auf die Straße gesetzt wurde und die Inschrift 天禄, dem Reiche zugehörig, trägt, ist wohl Signifikat für die Reichszugehörigkeit: des Lastenrads, der Ampel, der Autos, des Sockels und des Asphalts.

04.03.2014

Notizen mit dem Fotoapparat

In diesem Text ausführliche Beschreibung der Arbeitsweise eines zeitgenössischen Autorentypus. Ausgedient hat das Notizbuch als Reservoir, in das Schilderungen und Einfälle aufgenommen werden. Diese Autorin, Casey N. Cep, arbeitet mit der Kamera ihres Smartphones, der Fotostream geht mit ihrem Erlebens- und Erfahrungsstrom zusammen und dient als die neue Quelle der Schreibarbeit.

Das Trotteltriptychon

Dem Blinden das Selfie, dem Einäugigen das Trotteltriptychon.

Wer schon keine Selfies mehr sehen bzw. machen kann, dem empfehle ich auf das kompliziertere Verfahren des Smartphonetriptychons umzusteigen. Hierbei beobachtest du eine Szene der Wirklichkeit (oder wie das heißen mag, wenn man mit erhobener Hand, das Handy darin, aufnahmebereit, die Augen auf den Bildschirm, durch die Welt geht), zum Beispiel das Betreten des Restaurants, das du für heute Abend ausgesucht hat, oder der Sehenswürdigkeit, oder das Flugtickets in der anderen Hand, und drückst drei Mal ab – in möglichst kurzer Reihenfolge; so fotografierst du deine Zeitgenossen, wie sie es sich in dem Raume gemütlich machen und auf ihre Bildschirme gaffen, oder wie die Hand mit dem Flugticket sich um einen halben Grat nach rechts neigt und so eine faszinierende minimale Änderung der Lichtreflexion auf dem Ticketpapier erzeugt, die einer quantenmechanischen Untersuchung würdig ist.
Dann darf möglichst wenig Zeit vergehen, bevor du das Triptychon in die Wolke zu deinen anderen Zeitgenossen hochschickst.
Hast du üppig Geld, kannst du auch Damian Loeb beauftragen, von deinen drei Bildern realistische Gemälde anzufertigen, die du dann rahmen und die Rahmen mit Scharnieren verbinden kannst, à la klassisch Triptychon.
Dann klappst du die drei Bilder jeweils in einem Winkel von 120° zueinander. Die Bilder nach innen, den Hintergrund nach außen. Den aufgestellten geschlossenen Dreieckskörper mit dem uneinsehbaren Inhalt betitel »Trotteltriptychon« und verkauf einem Kunstinvestor.