Was wird als »langweilig« empfunden? Das Wort ist Bestandteil der höheren Geschmacksurteile geworden. In der Populärkultur hat es u.a. durch den gestörten Chinesen in den Hangover-Filmen Verbreitung gefunden. Der an schriller Abstoßendheit an den Koreaner Psy Heranreichende sagt er immer »langweilig!«, wenn in seiner Umwelt die banal-brutalen Späße ausbleiben.
Zu dem Faszinierendsten, was ich in letzter Zeit gelesen habe, gehört daher der Städteplaner Camillo Sitte, der mit populärem Anspruch nichts geringeres langweilig findet als Alleen. Reihen von Bäumen an Straßen. Die Alleen gehören zu Landstraßen, die anders kaum gestaltbar seien. Der Städtebau hingegen sei eine Kunst.
Pflanzen (»Großstadtgrün«) denkt er stets als Ensemblemitglieder mit klar zugewiesenem Ort. Der einzeln gepflanzte Baum. Der von Hauswänden umgebene Garten. Urban Gardening als Bestandteil der einen Vision Sittes, Städtebau als Kunst, die in ihrer Totalität ein Vorläufer heutiger »smart city« Bewegung war.
Keine Hoffnungssaat, wie Walt Disney-geprägte Leute, oder Fans von Guerilla Gardening sie sich vorstellen mögen, die irgendwann alles aufsprengen und das Paradies ersprießen lässt.
Zu den publikgemachten Vorhaben der Wiener Stadtplanung muss ich diese, von Sittes Städtebau empfangene Einsprüche erheben.
1. Begrünung nicht in Form von neuen Parks durchführen, sondern kleinteiliger, als Gärten, und keinesfalls über ganze Häuserblöcke erstreckend, sondern in Baulücken eingefasst, in Höfen, und stets von Wänden umgeben, und von den Grünraum eröffnenden Portalen. Vor Lärm und Staub »geschützt«, wie er hinweist.
2. Baumpflanzungen nicht in Form von Alleen. Sitte waren diese nicht nur ein Ausbund an »Langweiligkeit«, sondern auch unklug, da meistens eine Seite immer weniger Licht abbekomme; unökonomisch in der »maintenance«, und, vor allem, mit ihrer Eintönigkeit und Naturhaftigkeit verdeckten sie die Bauwerke. Wer Sitte vorwerfen möchte, er sei bereits zu seiner Zeit längst überholt worden, der lese sein Buch genauer, in dem er wiederholte Male die unwiederbringliche Verlorenheit alter Stadtpracht eingesteht – ja, predigt – und bereits institutionelle Übel zu verbessern trachtet; und möge sich überlegen, ob die allerschicksten Architektengebäude, beginnend mit Loos’ Haus Michaelerplatz, gerne von Bäumen verdeckt werden wollten, und wer eigentlich vor lauter Bäumen die Stadt nicht mehr sehen möchte.
Sittes Kriterium »Abwechslungsreichtum« können Alleen sowenig wie monotone Plattenbauten erfüllen, aber von Bäumen schrecken Stadtplanerinnen nicht zurück, weil sie eine als grünhungrig vorgestellte (erhoffte) Wählermasse befriedigen und gleichzeitig ein geschlossenes Stadtbild erzeugen.
Drastisch führt das die Hauptstadt der chinesischen Provinz Jiangsu und ehemalige Reichs- und Republikshauptstadt vor, Nanjing, wo tausende während des Regimes Chiang Kai Sheks gepflanzte Platanen mittlerweile eine Pracht entfaltet haben, die der Stadt ein ehrwürdiges Flair und historische Tiefe verpassen. Ohne sie wäre Nanjing mit anderen Städten des Südostens verwechselbar – die nämlich alle, der Hitze wegen, alleendurchwachsen sind, aber noch nirgendwo die Majestät Nanjings erreichten. Daher protestieren die Nanjinger auch, wenn der Ubahnbau Platanen fällt, und werden dafür von der Partei nicht eingekerkert. Sollte Wien heute Alleen pflanzen, wird sie diese nie wieder los. Aber genauso verhielte es sich mit Bauwerken. Niemand würde die Haydn-Statue an der Mariahilferstraße wegräumen und durch eine Eiche ersetzen wollen. Insbesondere, da Haydn zum Fassadenloch im Gerngross passt:
Der Gegenentwurf. Sitte planzt Bäume einzeln und dorthin, wo sie einen Ort ergänzen; und wo sie wegen ihrer Einzigartigkeit dann besser wirken als massenhaft Bäume. Dass die meisten Wiener keine Baumreihen so wie Asiaten als Schattenkorridore, zum Schutz vor Sonnenlicht und Erhalt der weißen Haut benötigen, steht außer Frage.
Es heißt, der Grünanteil Wiens solle erhalten werden – das darf wohl so sein. Aber eine Erhöhung fände ich obszön. Unser Land ist waldreich – können wir in unserer Hauptstadt städtisch sein? Ein schicker Bewuchs, à la mode, mag da passen, ein Vollbart nicht
Und können wir eines beibehalten in Wien? die horizontale Dichte?
Es wird ja allerhand über die Notwendigkeit dichter Bebauung schwadroniert. Die einschlägigen kompetent-populären Sachbücher angelsächsischer Provenienz werden in den Buchbesprechungen so ausgelegt, als könne eine dichte Stadt alleine himmelwärts wachsen.
Denkt dabei irgendjemand an Rudolfsheim Fünfhaus? 3 Quadratkilometer, 70.000 Einwohner.