18.12.2009

Retro-Erbauungen 2

Eine Weihnachtsgeschichte lesen, um in Stimmung zu kommen. Ich greife zu diesem Zweck in mein Archiv, hole eine selbst (im Dezember 2008) verfasste Story hervor, und ergötze mich. Und da mir (seit Wochen!) nichts für meinen Blog einfällt, poste ich sie! Viel Retro-Erbauungslesevergnügen und schöne Feiertage, yours sincerely: the Ironist w.b.a.L.

Vor Weihnachten

Der Tag begann am Klo. Ich saß und genoss die herrliche Ambivalenz der Düfte, meinen, die nüchterne Schärfe der Winterluft, die beim Fenster hereingestochen kam, und den würzigen Duft von Räucherstäbchen, die meine Nachbarin angezündet hatte.
Wir teilten uns ein Klo am Gang. Ich empfand das eine Bereicherung für mein Leben. Zum einen banden mich die sanitären Pflichten der Klohaltung mit meiner Nachbarin zusammen, einer toughen Frau, der mein schüchternes Gemüt ansonsten aus dem Weg gegangen wäre. Toughe Frauen verachten schüchterne Männer.


Zum anderen erinnerte mich der Klogang an meine Heimat, mein Heimathaus, ein Kastell am Land. Da lagen die Klos am Gang, der Gang war lang, hatte viele Türen. Wenn ich nun in der Stadt mein Zimmerchen verlassen musste, um zu leeren, überkam mich das erhabene Gefühl, durch die Weite der Innenräume eines eigenen Kastells zu schreiten; ich entleerte mich, spülte runter, das Rauschen des Wassers hallte in den Gängen, und ich kehrte zurück in mein Zimmer, was für einen Augenblick wie die Rückkehr in ein Studierzimmer, eines von 80 Räumen meines Kastells, meines Palastes, mir vorkam und nicht wie die weniger betörende Wahrheit: das Trotten in meine Kammer, die Schlaf-, Studier-, Koch-, Ess- und Vergnügungszimmer war.


Die Nachbarin bevorzugte Räucherstäbchen gegenüber Raumsprühern, Wunderbäumen, Spülsteinen oder der schlichten Betörung der unverfremdeten Entfaltung unserer Exkremente. Ich war dem anfangs mit dem Vorurteil des überheblichen, unachtsamen Stümpers begegnet; mich erinnerte das Zeug vage an Menschen, die in kleinen Geschäften seltsame Dinge kauften; und an den Generaldirektor einer großen Firma, der in einem Generaldirektoreninterview erzählt hatte, er lege hier und da eine Pause ein bei seiner Arbeit. Er lege eine entspannende Musik auf, er lege Laptop und Aschenbecher und Akten zur Seite, er lege ein Räucherstäbchen auf die frei gewordene Arbeitsfläche – auf ein längliches Aschenbecherchen für Räucherstäbchen, das er vermutlich von Bali, dem Ländchen im Meer, mitgenommen oder geschenkt bekommen hatte – und dann lege er sich nieder, was ich mir automatisch so vorstellte: der ernst und edel gekleidete Herr in einem sehr ergonomischen Chefsessel nach hinten gebeugt.


Aber nach mehreren Klogängen hatten die Räucherstäbchen am Klo einen anderen Platz in meinem Bewusstsein gefunden, vor allem, wenn sie bereits entzündet waren, als ich das Klo betrat. Sie konnten in mir andere Fantasien als diese Stümpergrübeleien lostreten, sie hatten sich zu einem sakraleren Ort der Erinnerung den Weg gebahnt.


Sie erinnerten mich an das Betreten kleiner Landhäuschen zur Winterzeit, beim Sternsingen, wo in der Küche Weihrauchkörner auf den schwarzen Kochflächen der alten Öfen brutzelten; wo wohlige Witwen ihr Radio abdrehten, um dem Sternengesang zu lauschen. Sobald das Radio – die Fröhlichkeitskapriolen nationaler Unterhalter, die präpotenten Gesänge internationaler Stars – abgeschaltet war und wir, drei Könige und ein Stern, einfache Weisen feierlich der alten Frau darboten, untermalt von dem sich verzehrenden Weihrauch und dem knisternden Holz, – gemustert und bewundert von ihr, der eine Träne über die Wange lief, die in der menschlichen Wärme des Raumes verdampfte und zu dem feierlichen Duft beitrug, – sobald wir zu singen begonnen hatten und kein fremdes Geräusch-, Geruchs- oder Sehelement in der Scene lag, breitete sich von dem Herzen Kaspars, des Negers unter den Königen, das Glück aus:
»Ich Kaspar bin schwarz im Gesicht, doch drinnen im Herzen, ist Frieden und Licht.«
Dieser Spruch war wahr, und der Frieden hatte sich auf die Küche ausgebreitet und schien dort darauf zu warten, von uns mit hinaus in die Welt genommen zu werden, oder gemütlicher, er wartete, dass die Menschen aus der Welt, auch »the yellow and red ones«, in die Stube kämen.


So erfüllte mich an diesem Morgen im Klo ein Frieden, ein wohliges Schwelgen, und ich bemerkte nicht, dass meine Haare, ein dichtes Gewächs, das Räucherstäbchen aufgenommen hatten, das hinter mir auf einem Porzellanschälchen auf dem Spülkasten loderte. Es stak mir im Haar, wie der Bleistift eines Maurers zwischen Ohr, Schädel und Haar, fest wie das Haus, das er mit Ziegel und Mörtel baut.
Das Räucherstäbchen lag aber an seinem heißen Ende frei in der Luft, glühte dort vor sich hin, ohne mir den Schopf zu verbrennen, und ich bemerkte es nicht, da mir vorkam, der Duft des imaginierten Weihrauches durchdringe mein Wesen und meine Umgebung; als käme er nicht aus einem echten Objekt, sondern, dem Kaspar gleich, aus meinem eigenen Herzen. Meine Nase war von der spirituellen Vorstellung der alten Duftgeschichte ergriffen, und sie blieb verschlossen gegenüber dem echten Rauch, den ich durch den Gang des Hauses und in meine Wohnung trug.


Im Zimmer wusch ich meine Hände, schlüpfte in meine Schuhe, warf mich in meine schwarze Jacke, und blickte, bevor ich das Zimmer verließ, um zur Arbeit zu gehen, auf den Kalender, der an der Tür hing. Es war der 24. Dezember.
Hätte nicht dieses Datum angezeigt, dass heute »ein besonderer Tag« war, so hätte ich im Stiegenhaus, wo wie immer Dreck lag, und auf dem Gehsteig, wo nasse Lacken wie immer durch meine undichten Schuhsohlen drangen, keinen besonderen Eindruck erhalten von der heutigen Beschaffenheit des Weltenlaufes. Und in der Straßenbahn vollzog er sich ähnlich normal.


Eine junge Frau hörte laut Musik. Ein Gespann von Schulfreunden hatte Freistunde. Eine mittelalte Frau telefonierte. Ein biederer Herr hielt eine Zeitung und las, ein alter bitterer Mann empörte sich mit einer krassen Bemerkung über die junge Frau, die laut Musik hörte. Eine andere junge Frau sprang von ihrem Sitz auf, als eine uralte Frau von der zweiten Haltestelle hereingewackelt kam, um ihr Platz zu machen. Eine weitere mittelalte Frau, ein unangenehm cool gekleideter Student und ich starrten erwartungsvoll auf das alte, liebliche Mütterchen. Ein Ruck ging durch die Straßenbahn, da sie wieder zur Fahrt ansetzte; ein Durchatmen erfasste Frau, Studenten, und mich, als Mütterchen im Einklang mit dem Ruck aus kurzer Entfernung fallend unverletzt auf dem Sitz gelandet war, neben dem, auf der Glasscheibe des Fensters des Wagens, ein länglicher Sticker angebracht war.


Auf dem Sticker waren vier Personen in Umrissen abgebildet, darunter ein Mann mit einem Gehstock und einem babyhaften Bündel auf dem Schoß. Dieser Mann trug einen Bart, und es war die schemenhafte Darstellung dieses Ensembles, des Babys, Mannes, Bartes, seines Alters, die eine Form festlegte, zu der meine Erinnerung nach einem ausfüllenden Bild zu kramen begann. Aber gegen die bemühte Vorstellung einiger Opas und alter Fernsehstars, z.B. eines fröhlichen Herrn Heesters, die gängige Babys, z.B. eine Suri Cruise, behüteten, stieß schockhaft das Bild eines Verbrechers hervor, eines 73-jährigen Mannes aus meinem Land, der auf die Titelseiten der Zeitungen gestellt worden war, weil er in seinem Haus seine Tochter gefangen gehalten hatte.
Er hatte ihr mehrere Kinder gezeugt, die er ebenfalls gefangen hielt, und von denen eines kurz nach der Geburt gestorben war. Dieses hatte er in den warmen Heizraum gebracht, der neben dem Raum, wo er sein Gefängnis hielt, lag, im Keller, und er hatte das kalte Bündel in den Ofen geworfen, wo es im Sog von Pellets, tausenden kleinen, umweltfreundlichen Holzstücken, sich auflöste.


Doch jetzt, in der Straßenbahn, wo – plötzlich auftauchend, von der Abbildung auf dem Sticker in Fleisch und Blut sich verwandelt habend – derselbe Mann neben dem alten Mütterchen saß, deutete ein neues Bündel, das er auch in Wirklichkeit auf dem Schoße hielt, darauf hin, dass der Ofen kaputt gewesen war; und er fuhr mit dem Geschöpf, eingehüllt in eine rosa Decke, das tote Gesicht spärlich entblößt, zum Donaukanal. Dort würde er die Kinderleiche entsorgen.


Mit dieser Verwandlung begann allmählich »das Alltägliche des Tages« zu verschwinden und eine schaurige Stimmung in dem Wagen sein Lager aufzuschlagen. Als der Wagen zwischen zwei weit auseinanderliegenden Haltestellen, wo die Ampeln auf grün waren, an Tempo zulegte, verwandelte die Scene sich vollends. Die grünen Ampeln rauschten wie ein Traum von französischen Absynth-Abgründen an den Fenstern vorbei. Die Frau, die neben dem alten, kalten Verbrecher saß, legte ihre würdevolle Maske von wiedergewonnener Unschuld ab und fing an, den Studenten zu schelten, der neben ihr stand.
Sie nahm eine prustende Haltung ein und fasste sich äffend an ihr Haar, womit sie die Aufmerksamkeit des Studenten auf seines lenkte, ein verschlungenes Gestell von dicken Filzdrähten, dreadful dreadlocks, und sie sagte dazu schlimme Verwünschungen, forderte den Studenten, der rot anlief, auf, sich zu schämen, fasste sich wilder an ihr Haar, prustete sich mehr, schimpfte den Studenten einen hässlichen Kauz, fuchtelte durch ihr Haar, rupfte aus diesem endlich ein Büschel heraus, das an den Wurzeln blutig tropfte, und warf es dem Studenten gewalttätig ins Gesicht, woraufhin dieser vor wehrhaftem Ekel der Alten an die Gurgel fasste und zusammenpresste, womit er aber die Frau nicht stoppen konnte, die fortfuhr, blutige Büschel, dampfende Skalps von ihrem Schädel zu reißen.


Dabei wurde der alte Verbrecher angestoßen, ihm entglitt das Bündel, das er wohl in den Arm gefasst hatte, und es fiel zu Boden, wo es zwischen die Beine der unruhiger werdenden, Fieber annehmenden anderen Fahrgäste durch rollte, bis es an die Füße des biederen Mannes stieß, der eine Zeitung hielt, und der von dem Aufprall aus seiner Versunkenheit in den Weltenlauf des Vortages gerissen wurde und das Bündel mit seinen Füßen, wo es zu Stillstand gekommen war, von sich trat.


Draußen vermischte das Grün der Ampeln, »immer mehrerer« Ampeln, die alle grün leuchteten, mit dem Grün von Tannen, die stattlich auf der Straße aufgereiht standen und eine Armee bildeten, die der tobenden Absynthartillerie beistand. Es waren Christbäume, die heute, am 24. Dezember, noch nicht verkauft worden waren, und mehr keine Chance hatten, gekauft zu werden, da seit Wochen, seit Mitte November, der Verkauf gelaufen war, und die jetzt vor Angst – aus Sorge, nie wieder gebraucht zu werden – eine Streitmacht mit den rauschenden Ampeln bildeten, die am heiligen Abend abgedreht werden sollten, wie der Verkehrssenator der Stadt verlautbart hatte, und ebenfalls sich heute nutzlos vorkamen und Hass annahmen.


Mit zunehmender Furcht beobachtete ich dieses Treiben, und es wurde immer schwieriger, von ihm nicht erfasst zu werden, nicht von einem Haarbüschel getroffen zu werden, von dem Babybündel, das von den Fahrgästen wütend durch den Wagen getreten wurde, oder von den zornigen Messern, die aus dem Apparat der jungen Frau fuhren, der zuvor noch laut, aber harmlos, Musik gespielt hatte, aber dann aus seinem Inneren einen mechanischen Zauber, ein Schnellen von Messern, entfaltet hatte, das gleich die Trägerin mit tödlichen Stichen und Schnitten niedergerissen hatte und sich, entledigt seiner stabilen Fassung in der Hosentasche der jungen Frau, unkontrolliert, aber stetig durch das Treiben im Wagen auf mich zubewegte.


Erschrocken von all dem schlechten Dämonenwirbel und unerfreulichen Todeswahn hatte ich weiterhin nicht bemerkt, dass ein Räucherstäbchen an meinen Haaren entlang auf meinen Schädel zu brannte, »toward my skull«; und als die Hitze sich von den Haaren weg über meinen Knochenbau, ähnlich kochender Suppe durch das Metall eines Löffels, so ausgebreitet hatte, dass ich endlich Kenntnis nahm, war keine Rettung mehr möglich. Zumal war der Straßenbahnwagen seinen Gleisen entfahren und donnerte mit höllischem Schwung in den Donaukanal. Dort würde das Feuer in mir von winterlichem Eiseswasser gelöscht, und die tosenden Mitmenschen mit mir und meiner Seele untergehen.