30.09.2013

Die ÖVP Wahlsieger?

ÖVP Wien Obmann Juraczka glaubt: Ohne Neos wären wir bundesweit Nummer eins.
Er zählt die Neos-Stimmen zur ÖVP und schiebt sich mit diesen imaginären 28,6% vor die SPÖ mit ihren 27,1%.
So ein Wunschdenken ist mir als diesmaligem ÖVP-Wähler auch durch den Kopf gehuscht nach Wahrnehmung der ersten Hochrechnung. Aber ich verbat es mir. Die Wähler haben sich für NEOS, Stronach und BZÖ (und FPÖ) entschieden statt für die ÖVP.
Der Optimismuszwängler Strolz und der halbsenile Industriepatriarch und der Hotelier Bucher waren ihnen lieber als die etablierte Partei, deren Gott nicht die Raiffeisenbank ist, wie Christoph & Lollo singen, sondern Fritz Neugebauer, ein furchtbarer katholischer Buddha (man stelle sich einen riesigen sitzenden Buddha vor, dessen Mundwinkel jedoch der Schwerkraft folgen, vielleicht sogar das schwerkraftauslösende Element unseres Universums sind).

Einzig in Tirol gewann die ÖVP Stimmenanteile, der Heimat des Wissenschaftsministers Töchterle.

22.09.2013

Johnson, Bloomberg (& DeBlasio). Häupl.

Wann hat Michael Häupl zum letzten Mal ein Fahrrad bestiegen? Der Wiener Bürgermeister steht im Gegensatz seiner dynamischen Kollegen aus London und New York da, unbeweglich. Boris Johnson fährt Rad, Michael Bloomberg fliegt seinen Hubschrauber. Michael Häupl sitzt auf dem sich biegenden Brett einer Heurigenbank und trinkt Spritzer. Seine »Blaadheit« und sein üppiger Weingenuss sind Mythologie. Die Volksmehrheit scheint ihn irgendwie zu mögen.
Ich glaube, Michael Häupl wird jeden Tag auf einer Kutsche ins Rathaus chauffiert.
Werden die SPÖ und Grünen-Politiker am Montag bei der Sondergemeinderatssitzung dem angeblich von Häupl stammenden Diktum folgen und eine Verlängerung der Fußgängerzone Mariahilferstraße beschließen, und eine Verbannung der Radfahrer aus ihr?

(Ist Häupl das immobile pars pro toto, der Körper Wiens wie Kohl der Körper Deutschlands war, und wächst die Fußgängerzone wie die Wüste, und wie Häupls Bauchumfang*?)

Wahrscheinlich. Das behäbige Wien obsiegt. Die gesamte Fläche auf der bis zur Stiftgasse wachsen sollenden Fußgängerzone wird dem Schlendern gewidmet. Keiner kommt auf die Idee, oder kann sie durchsetzen, 5% aus der Fußgängerzone zu meißeln und den Radfahrern zu geben. 100% Fußgänger: Orthodoxie. Die sorgenfreie Welt für den sorgenfreien Schlenderer.

(Es gab Politiker, die im Vorfeld der fußgängerzone-warming-party vom Flanieren sprachen, das nun durch die Fußgängerzone quasi möglich werde.
Ich lasse das verbrauchte Wort »Flanierer« und »flanieren« beiseite, denn die mir bekannten poetischen Erfinder des Flanierens, Charles Baudelaire und Robert Walser, hatten keine Fußgängerzonen zum Flanieren notwendig und haben auch nie so unbeholfene und reaktionäre Gedichte mit negativer Radfahrsymbolik geschrieben wie {der Wiener} Ferdinand von Saar. Schlendern angemessenes Wort.)

*Herrn Clemens Hüffel zufolge wachse Elmar Oberhausers Bauchumfang stündlich. Ob als mikroskopische oder als vorsokratische Beobachtung ist das eine große Erkenntnis. Ich münze sie hier auf gewisse Teile von Häupls Körper um.

19.09.2013

Duschen wie ne Barista

Schadenfreude: Howard Schultz ist ein Tschusch
In China verzichten die Baristas meistens darauf, den Namen eines Gastes aus dem Ausland zu erfragen, weil ihr Vokabular geläufiger Vornamen gering ist und sie die Warteschlange nicht durch Buchstabierungs-Pingpong peinlich verlängern wollen. Unterschwellig drängen sie die Kundin, einen Pappbecher zu verwenden, auf den sie dann 外》schreiben, »wài« im fallenden Ton, »außen, außerhalb«, kurz für《老外》, »Ausländer«. Jedes Mal stelle ich mir vor, wie Howard Schultz einen Starbucks in einer chinesischen Kleinstadt besucht, unerkannt bleibt, und ihm ein solcher »Ausl.«-Becher serviert wird. Die Menschheitsträume des Reformhausgründers zerschellen am Alltagsrassismus der Chinesen.

Aber irgendwie zieht die Starbucks-Masche. Fängt der Körper in der Dusche an, an sich herumzufuchteln und zu rubbeln, zackig sich zu bücken und zu drehen, und das Hirn denkt dazu: »Ich möchte so gut duschen können wie die Barista vom Starbucks gestern Getränke machte.«

Halbgares zu Starbucks Coffee
Jedes Mal, wenn ich einen Starbucks betrete, ein Fragezeichen von meinem Über-Ich – warum gehst du schon wieder da rein und stellst dich an der Schlange an und hilfst den Angestellten, »ihren Service immer mehr zu verbessern« und von ihnen eine freundliche Behandlung inkl. namentliche Begrüßung zu erfahren; warum gibst du dein Geld dem Pietisten Howard Schultz – Selbst- und Weltverbesserungsgesülze unterstützend;
wie jenes aus der aktuellen Kundenuntersuchung seines Unternehmens: »My experience was uplifting«, wo man in unterschiedlichen Stärken »zustimmen« oder »ablehnen« kann, ich kann nur in der Mitte ankreuzen, weder/noch. Ist mit »uplifting experience« der weiße Wal Schultz’ gemeint, oder? Den lasse ich ziehen. Ich gehe zum Starbucks, der früher bekanntlich Starbucks Coffee hieß, zum Kaffeetrinken. Von der Wirkung des genossenen Kaffees erhoffe ich mir ein bisschen Aufrüttelung. Ein sonderbares Erlebnis.

17.09.2013

Occupy le banc

Freute mich, als ich Isabel Miramontes‘ Kunstwerk, »Le Rendez-vous«, Spanien, Bronze, 2013, vor dem Hongkonger Kaufhaus Lane Crawford entdeckte. Ein gefundenes Fressen für meinen Weltschmerz über das Verschwinden der Rückenlehne im öffentlichen Raum – und ihr Auftauchen im Raum der Kunst. Wenn ich derzeit einer Bewegung beitreten wollte, dann jener, die das Sitzverbot für diese Kunstwerk-Bank bricht. Dieses Verbot wird von Bewachern (siehe Foto, ich fragte den Herren, ob man sitzen darf), und spätabends von Stahlgestellen (das sah ich später), und grundsätzlich vom Menschen mit dem krummgesessenen Rückgrat gewährleistet. Besetzt diese Bank.